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Wut in Frankreich wächst - Wie gefährlich war der Chemieunfall in Rouen?

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Als eine Chemiefabrik in Rouen brannte, wurde kaum darüber berichtet - denn am selben Tag starb Altpräsident Chirac. Einwohner klagen nun über Übelkeit - und mangelnde Information.

Vier Tage nach dem Großbrand einer Chemiefabrik im französischen Rouen ist die Bevölkerung wütend. Was verbrannte da, welche Gefahr geht von der Giftwolke aus? Die Behörden informieren spärlich. Viele Einwohner sind besorgt um ihre Gesundheit.

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"Unser Haus brennt, aber wir schauen woanders hin" - das war einer der Sätze des ehemaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac, die hängengeblieben sind. Es war 2002, und Chirac sorgte sich über den Klimawandel. Am Tag seines Todes bekam sein Satz eine ungeahnte Aktualität. Im nordfranzösischen Rouen brannte eine Chemiefabrik, eine 22 Kilometer lange Rauchwolke voller möglicherweise gefährlicher Stoffe zog über das Land. Doch Regierung, Medien und Franzosen ergingen sich in nostalgischen Nachrufen auf den Mann, der vier Jahrzehnte lang die französische Politik geprägt hatte.

Erst an Tag vier begab sich Premierminister Edouard Philippe in die Hauptstadt der Normandie, in der Bewohner seit dem Brand über üblen Gestank, Kopfschmerzen, Übelkeit und ölige Schlieren auf Böden, Pflanzen und Spielplätzen klagen. "Ich kann Ihnen auch nur das Ergebnis der Messungen mitteilen: Demnach ist der Geruch lästig, aber nicht gesundheitsschädlich", erklärte er. Und er versprach volle Aufklärung: "Wir werden alles veröffentlichen, was wir über die Brandursache als auch über die möglichen Folgen erfahren."

"Nicht hochgradig giftig"

Schwarze Rauchwolken über einer Chemie-Fabrik in Rouen  (Frankreich) am 26.09.2019
In einer Chemiefabrik in der nordfranzösischen Stadt Rouen kommt es am Donnerstag, 26.9.2019 zu einem Großbrand.
Quelle: dpa

Doch die Sorge vieler Bürger ist längst in Wut auf die Behörden umgeschlagen. Einige versuchten am selben Abend, die Präfektur zu stürmen und skandierten "Wir wollen Wahrheit! Wir wollen Wahrheit!" Sie werfen den Behörden vor, viel zu wenige und zudem widersprüchliche Informationen herauszugeben. Die Präfektur hatte sehr schnell erklärt, dass die Rauchwolke "nicht hochgradig giftig" sei.

Die Schulen blieben vergangenen Freitag geschlossen, öffneten am Montag aber bereits wieder. Mehrere Lehrer ließen jedoch den Unterricht ausfallen, weil die Kinder über Übelkeit klagten. Manche Eltern schickten ihre Kinder mit Atemschutzmasken in die Schule, die vermutlich vor allem einen psychologischen Effekt hatten.

Bauern dürfen nicht mehr ernten

Mittlerweise haben die Behörden Ernte und Verkauf landwirtschaftlicher Produkte in mehr als 200 Gemeinden verboten, einige von ihnen kurz vor der 250 Kilometer entfernten belgischen Grenze. Bauern schütten Tausende von Litern Milch weg. Rote Beete und Kartoffeln dürfen nicht geerntet werden, und das mitten in der Erntezeit. Etwa 1.800 Bauern sind betroffen. Die Regierung verspricht zügige Entschädigungen, aber bislang ist unklar, was genau in den Niederschlägen enthalten ist und welche Folgen die Verschmutzung für die Gesundheit haben kann – möglicherweise auch langfristige.

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Ex-Umweltministerin Corinne Lepage hat vor Gericht eine unabhängige Untersuchung gefordert. Sie befürchtet, dass die ersten Messungen nur unzureichend waren. Sie kritisierte: "Warum hat man in den Schulen eigentlich nicht die Böden untersucht, auf denen sich Schwermetalle ansammeln?"

In Frankreich hat Vertuschen Tradition

Die Stimmung der Bevölkerung erklärt sich auch durch Frankreichs bisherigen Umgang mit Umweltkatastrophen. Vielen ist unvergessen, dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl in Frankreich bewusst heruntergespielt wurde. Erst vor kurzem gerieten die Behörden in die Kritik, weil sie nach dem Brand von Notre-Dame das Ausmaß der Bleibelastung vertuscht hatten.

Hinzu kommt, dass seit dem Brand auch zahlreiche gefälschte Warnhinweise - teils sogar mit Behörden-Logos - sowie Bilder von toten Vögeln und Fischen und verfärbtem Trinkwasser durch die sozialen Netze geistern.

Die Brandursache ist weiterhin unbekannt, aber das Unternehmen Lubrizol vermutet Brandstiftung und hat Klage gegen unbekannt eingereicht. Kritiker argwöhnen, dass es sich damit vorerst um Entschädigungszahlungen herumdrücken will. Lubrizol stellt Zusätze für Treibstoffe und Schmiermittel her und gehört zu einem Konzern des US-Unternehmers Warren Buffet.

Karte: Rouen in Frankreich
Rouen, die Hauptstadt der Normandie, liegt etwa 130 Kilometer nordwestlich von Paris.
Quelle: ZDF

Die Fabrik liegt nur drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Sie war als gefährlicher Produktionsstandort nach der Seveso-Richtlinie deklariert, die nach einem schlimmen Chemie-Unfall in der gleichnamigen italienischen Stadt entwickelt wurde.

Für Dienstagabend haben die Einwohner von Rouen zu einer Demonstration aufgerufen. Sie wollen sich mit der Analyse "ein bisschen giftig, aber nicht sehr", wie es in einer der ersten Mitteilungen der Präfektur hieß, nicht zufriedengeben.

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