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Chemnitz - besser als sein Ruf

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Stadtporträt - Chemnitz - besser als sein Ruf

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Negativschlagzeilen dominierten in den vergangenen Monaten das Bild des sächsischen Chemnitz. Unser ZDF-Korrespondent mit Eindrücken aus einer Stadt, die mehr zu bieten hat.

Chemnitz ist mit 247.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Sachsens - und stand doch immer im Schatten der beiden großen Schwestern Dresden und Leipzig. Das liegt zum einen am äußeren Bild der Stadt, deren Inneres im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört wurde. Seitdem prägen Zweck- und Plattenbauten neben wenigen historischen Gebäuden das eher graue Stadtbild. Zum anderen überstrahlt der kulturelle Glanz von Dresden und Leipzig das Chemnitzer Kulturleben.

Dabei hat Chemnitz kulturell einiges zu bieten: Eine einzigartige Kunstsammlung mit Bildern deutscher Expressionisten, ein eigenständiges Opernhaus und Theater, eine lebendige Musikszene.

Avantgarde, nicht Mauerblümchen

Auch wirtschaftlich gehörte Chemnitz schon immer zur Avantgarde. Die Stadt gilt als Wiege des deutschen Maschinenbaus. Sie hat viele Innovationen zum Beispiel in der Textilindustrie und im Fahrzeugbau hervorgebracht, die jetzt im Industriemuseum zu sehen sind. Heute ist Chemnitz Standort von Automobilherstellern und Zulieferbetrieben. Hinzu kommt ein reger Wissenschaftsbetrieb rund um die TU Chemnitz, der viele Studenten gerade aus dem Ausland anzieht. Viele gründen noch als Studenten ein Start-up. Die Stadt floriert und hatte zuletzt sogar einen kleinen Bevölkerungszuwachs. Von wegen graues Mauerblümchen, Chemnitz ist beliebt.

Karte: Deutschland - Chemnitz
Karte: Chemnitz
Quelle: ZDF

Trotzdem: Wenn der Name Chemnitz fällt, ist die erste Reaktion bei vielen erst mal negativ. Das hat durchaus seine Gründe. Letzten Sommer wurde ein Chemnitzer brutal getötet, mutmaßlich von zwei Asylbewerbern. Das sorgte nicht nur für berechtigten Zorn und Empörung. Rechtspopulisten, Rechtsradikale und gewalttätige Rechtsextreme versuchten die Tat für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und machten Chemnitz zu ihrem Aufmarschgebiet. Und manche Chemnitzer hatten am Anfang Probleme, zwischen verständlicher Wut und rassistischer Scharfmacherei eine Trennlinie zu ziehen.

Abgestempelt als "braune" Stadt

Demonstranten vor dem Stadion des Chemnitzer FC am 30.08.2018
Demonstranten mit Deutschlandfahnen: Diese Bilder gab es 2018 häufig aus Chemnitz zu sehen. Doch die Chemnitzer pauschal als "Neonazis" zu verurteilen, ist schlicht falsch, sagt ZDF-Korrespondent Michael Bewerunge.
Quelle: dpa

Daraus abzuleiten, Chemnitz sei eine "braune" Stadt und ein Großteil der Chemnitzer "Neonazis", wäre nicht nur ungerecht, sondern ist in seiner Pauschalität schlicht falsch. Die übergroße Mehrheit der Bürger lehnt rechtsextreme Gewalt ab. In vielen Initiativen und Projekten engagieren sich Menschen gegen rechte Gewalt. Und ärgern sich, dass sie und ihre Stadt pauschal mit Rechtsextremen in einen Topf geworfen werden, wenn sie darauf hinweisen, dass es auch ernsthafte Probleme mit aggressiven und kriminellen Zuwanderern gibt.

Dass die Stadt mit einer starken rechtsextremen Szene ein Problem hat, wissen die Chemnitzer. Deren harter Kern wird von rechtsextremen Hooligans gebildet. Die demonstrierten erst kürzlich ihre Macht, als sie den Chemnitzer FC mit einer mehr oder weniger unverhohlenen Gewaltandrohung dazu brachten, ganz offiziell bei einem Heimspiel eines stadtbekannten Neonazis zu gedenken. Einige - inzwischen entlassene - Verantwortliche mussten offenbar gar nicht so sehr gezwungen werden.

Straßenszene in Chemnitz
Eine Schönheit ist Chemnitz nicht unbedingt. Künstler und junge Unternehmer schätzen die Stadt aber für ihre guten Rahmenbedingungen.
Quelle: ZDF

Unfertig, aber kreativ und lebenswert

Neben all dem sieht die Lebenswirklichkeit und die Lebensqualität der Chemnitzer ganz anders aus. Die genießen den Einkauf am Markt vor dem historischen Rathausgebäude und schätzen die vielen Wälder und Seen rund um Chemnitz - einige sogar innerhalb der Stadtgrenzen. Und in einer halben Stunde ist man im pittoresken Erzgebirge mit all seinen Sehenswürdigkeiten.

Dass Chemnitz keine Schönheit auf den ersten Blick ist, stört dabei die wenigsten. Innovative Start-ups schätzen optimale Rahmenbedingungen bei geringen Kosten. Junge Künstler und Musiker loben die Neugier und die wohlwollende Aufnahmebereitschaft der Chemnitzer. Für sie ist das Unfertige der Stadt der optimale Nährboden für Kreative. In Chemnitz kann noch jeder, der will, sein Ding machen.

Ich denke, dass Chemnitz dann immer schön ist, wenn man die Leute kennenlernt. Man muss erst warm werden mit der Stadt sozusagen. Und wenn man dann einmal warm ist, dann ist es sehr, sehr schön.
Nina Kummer von der jungen Chemnitzer Band "Blond"

Oder wie es Nina Kummer von der jungen Chemnitzer Band "Blond" in unserem Porträt ausdrückt: "Ich denke, dass Chemnitz dann immer schön ist, wenn man die Leute kennenlernt. Man muss erst warm werden mit der Stadt sozusagen. Und wenn man dann einmal warm ist, dann ist es sehr, sehr schön."

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