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Merkel besucht China - Die Kanzlerin auf Hightech-Tour

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In Shenzhen nimmt die Vision von vernetzter Welt und künstlicher Intelligenz Gestalt an. Oder der Überwachungsstaat? Wie weit Deutschland hinterherhinkt, besichtigt die Kanzlerin.

Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich Shenzhen von einem Fischerdorf in eine der reichsten Städte des Landes und zur High-Tech Metropole.

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Lässt George Orwell grüßen? Bei der Visite in der chinesischen Hightech-Hochburg Shenzhen kann die deutsche Kanzlerin einen Blick in die Zukunft der vernetzten Welt werfen. Ein Schlaglicht auf Chancen, aber auch Risiken, bis hin zum gläsernen Menschen im totalen Überwachungsstaat.

Zum Abschuss ihrer China-Reise besichtigte Angela Merkel am Freitag die Boomregion in der südchinesischen Provinz Guangdong. In wenigen Jahren ist die Stadt an der Nordgrenze Hongkongs vom Bauernland und Fischerdorf zum Hightech-Standort gewachsen. Shenzhen ist eine der reichsten Städte Chinas mit einem Pro-Kopf-Einkommen von über 27.000 US-Dollar im Jahr 2017 - bei einem sonst durchschnittlichen Einkommen von gut 7.800 Dollar.

Zwischen Verheißung und Horror

Die Bundesrepublik liegt bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und Vernetzung im Vergleich mit China weit zurück. Kritiker werfen Industrie und Forschung vor, die Zukunftsentwicklung verschlafen zu haben. Auch deshalb will sich die Kanzlerin selbst ein Bild davon machen, was sich da in China entwickelt. Zum elften Mal ist Merkel in dem Land - traditionell nutzt sie den zweiten Tag ihrer Reise, um sich über wichtige Entwicklungen zu informieren. Eine Kanzlerin im Lernmodus.

Für die einen ist es eine Verheißung, für die anderen eine Horrorvision: Die Regierung in Shenzhen investiert gezielt in Zukunftstechnologie, besonders zu autonomem und vernetztem Fahren, und dem dazu nötigen Ausbau eines 5G-Mobilfunknetzes. In Deutschland ist das noch Zukunftsmusik. Und auch in die Technologie zur Gesichtserkennung, von "smarten" Kameras und in Biotech wird in der Metropole am Perlfluss viel Geld gesteckt.

Eine der sichersten Städte der Welt

Shenzhen ist die erste Stadt Chinas, in der eine lückenlose Erfassung und Verfolgung von Fahrzeugen und Menschen via Videokamera aufgebaut wurde. Die Verbrechensrate wurde auf ein Allzeit-Tief gesenkt. Shenzhen ist heute eine der sichersten Städte der Welt.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum so viele Menschen hier offenbar kaum Einwände oder Ängste vor einem derart weitreichenden Überwachungsstaat haben. Wenn 95 Prozent der Leute etwas von einer technischen Entwicklung haben, wird sie hier einfach akzeptiert und umgesetzt - die restlichen fünf Prozent Kritiker finden in einem autoritär geführten Staat wie China ohnehin kein Gehör, ist das Erklärmuster in der Umgebung der Kanzlerin.

Kritiker finden kein Gehör

Doch die Entwicklung gibt auch Anlass für Befürchtungen. Die bekommt Merkel beispielsweise zu hören, als sie sich am Donnerstagabend in der deutschen Botschaft in Peking mit Bürgerrechtsanwälten und Angehörigen von Inhaftierten trifft.

Auch die Kanzlerin dürfte die Vorstellung nachdenklich machen, wenn irgendwann eine Mehrheit der Menschen ihr Leben über Internetplattformen abwickelt. Einem Missbrauch durch die ohnehin in Menschenrechtsfragen nicht zimperliche chinesische Führung wäre Tür und Tor geöffnet.

Führender Anbieter künstlicher Intelligenz

In den nächsten zehn bis 15 Jahren könnte das Land nach Einschätzung von Experten zum führenden Anbieter von Technologie zur Nutzung künstlicher Intelligenz werden - falls das nicht klappen sollte, wird das Land jedenfalls einer der Staaten sein, in denen die Technik zuerst eingeführt wurde.

Ausländische Beobachter und Menschenrechtler sehen den sorglosen Umgang mit Daten in China und die massive staatliche Überwachung kritisch. Eine öffentliche Debatte über Datenschutz wird im bevölkerungsreichsten Land der Welt praktisch nicht geführt.

Gute und schlechte Bürger

Derzeit arbeitet die Regierung an einem Sozialpunktesystem, das alle möglichen Daten der Bürger zusammenführt und auswertet. Das nationale Bewertungssystem, das an die totale Überwachung in George Orwells Roman "1984" erinnert, soll ab 2020 zwischen guten und schlechte Bürgern oder Unternehmen entscheiden. Und damit auch darüber, wer etwa einen Job, einen Auftrag oder einen günstigen Kredit bekommt. Potenziell hängt davon sogar ab, wer in einem Flugzeug mitfliegen darf.

Besonders beeindruckend dürften für die Physikerin Merkel die Forschungsergebnisse der Firma iCarbonX sein, ein Biotech-Startup, das in Shenzhen seit drei Jahren an einer auf künstlicher Intelligenz und der Auswertung großer Datenmengen basierenden Plattform zur Gesundheitsförderung und -vorsorge arbeitet.

Digitale Karte des Körpers

In den nächsten fünf Jahren wollen die Forscher dafür Herzschlag, Schlafmuster, Blutwerte und die Erbsubstanz von bis zu einer Million Menschen analysieren. Mit Hilfe von DNA-, Speichel-, Blut- oder Urinproben soll für Nutzer eine digitale Karte des Körpers geschaffen werden, die über die Gesundheit informiert und bei Krankheiten frühzeitig warnt.

Gründer Wang Jun beschäftigt nach eigenen Angaben mehrere hundert Mitarbeiter. In der ersten Finanzierungsrunde hat er demnach mehr als eine Milliarde US-Dollar Kapital eingesammelt. Die Firma des 41-jährigen Biologen und Computerfachmanns kooperiert mit Fitnessclubs, Kliniken, um an die menschlichen Daten zu kommen. In Großstädten hat iCarbonX schon eigene Messstationen eröffnet.

Ein laues Lüftchen

Langfristig sollen Daten über smarte Geräte im Haushalt gesammelt werden. Die Toilette könnte etwa den Urin analysieren, die Zahnbürste untersucht den Speichel und der Spiegel im Bad scannt mit einer 3D-Kamera den Zustand der Haut. Es könnte sein, dass jene in der deutschen Delegation Recht haben, die sagen, Orwells Visionen waren gegen das, was sich gerade in China entwickelt, lediglich ein laues Lüftchen.

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