Sie sind hier:

Chodorkowski zu Fall Skripal - "Putin hat das befehligt oder Lage nicht im Griff"

Datum:

Kreml-Kritiker Chodorkowski hält den Fall Skripal für eine Machtdemonstration Russlands. Im ZDF heute journal erklärt er zudem, warum Putin nicht für Stabilität steht.

Putin-Kritiker Michail Chodorkowski im heute journal zum Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Skripal

Beitragslänge:
9 min
Datum:

Claus Kleber: Sie leben in London – unter anderem – Herr Chodorkowksi. Putin ist nicht ihr Freund. Wie sicher fühlen Sie sich nach den Ereignissen der letzten Tage?

Michail Chodorkowski: Für mich hat sich überhaupt nichts geändert. Ich habe zehn Jahre in viel größerer Gefahr gelebt und wenn Putin das jetzt befiehlt, dann wird es genauso schwierig, mich zu verteidigen. Ich weiß davon und ich muss damit leben.

Kleber: Trauen Sie Präsident Putin oder der russischen Regierung zu, einen Ex-Spion in London – und seine Tochter – umbringen zu wollen?

Chodorkowski: Es gibt ja zwei Möglichkeiten, entweder hat Putin das befehligt oder er hat die Lage überhaupt nicht mehr im Griff und hat einfach die Militär- Geheimdienste nicht mehr im Griff. Das ist auch möglich.

Kleber: Was könnte ein Motiv sein, einen Menschen – oder zwei Menschen in diesem Fall – mit so deutlichem russischem Fingerabdruck durch dieses sehr spezielle Gift in London umzubringen?

Chodorkowski: Einmal Rache und dann eine Demonstration, ein Exempel für andere, dass die Hände des Kreml, des Militärgeheimdienstes überall hinreichen. Das heißt, wenn die Politiker ihnen diese Möglichkeit geben, dann nutzen sie sie auch. Das kennen wir aus der russischen Geschichte.

Kleber: Kommen wir zur russischen Gegenwart und zur Politik. Am Sonntag wird in Russland gewählt. Nach allem was uns unsere Reporter in Russland erzählen, hat Putin einen todsicheren Wahlsieg vor sich. Warum wird dann Opposition – auch die kleinste Opposition – so massiv unterdrückt?

Chodorkowski: Ich denke, man muss erstmal klären, dass es ja keine Wahlen sind. Wahlen sind es, wenn man wirklich auswählen kann, wer das Land führt. Eine solche Möglichkeit gibt es nicht. Dabei muss man berücksichtigen, dass die Beamten natürlich nicht die Führung kränken wollen. Das kann aber die Opposition tun.

Kleber: Und das reicht aus, um eine Demokratie, eine wahre Wahl in Russland zu verhindern?

Chodorkowski: Die russische Bevölkerung ist im Durchschnitt nicht so jung und die Leute sind noch nicht bereit, einen bewaffneten Aufstand zu wagen. Der Kreml ist aber bereit mit Gewalt zu unterdrücken. Und deswegen sehen wir heute Manipulation, Fälschungen, Propaganda, Drohungen, Verhaftungen von Aktivisten. Noch vor 15 Minuten habe ich erfahren, dass unsere Mitarbeiter aus dem Büro geworfen wurden. All das reicht, um politisch das im Griff zu haben.

Kleber: Offensichtlich gelingt es ja nicht, in Russland eine Opposition zu mobilisieren. Heißt das Russland oder die Russen sind nicht reif für Demokratie?

Chodorkowski: Ich würde Ihnen nicht zustimmen, dass die russische Opposition unfähig ist, ihre Leute zu mobilisieren. Die russische Opposition kann sehr wohl die Fragen lösen, zu denen die Gesellschaft bereit ist, also lokale Probleme oder auch allgemeine Probleme im Land. Zum Beispiel die letzte Pressekonferenz von Putin, wo er angegeben hat damit, dass er auf drei verschiedene Arten eine atomare Katastrophe hervorrufen kann, wurde von der Opposition stark abgelehnt. Dennoch sind die Leute nicht bereit, ihr Leben zu opfern für die Demokratie. Und ich denke, das kann man ihnen nicht übel nehmen.   

Kleber: In der Tat. Was ist denn Ihre Rolle? Sie gehörten in der Zeit, in der das Eigentum der Sowjetunion privatisiert wurde, zu den großen Gewinnern. Man nannte Sie damals den reichsten Mann Russlands. Was unterscheidet Sie von Putin? Warum sind Ihre Wege so auseinander gegangen?

Chodorkowski: Vielleicht ist Ihnen das bekannt, dass ich seit dem Jahr 1997/98 mich um die Zivilgesellschaft kümmere. Wir haben Stiftungen gegründet, wir unterstützen verschiedene Bürgerbewegungen. 2003 hatten wir einen Konflikt, Putin und ich, in Bezug auf die Zukunft Russlands und das war öffentlich. Ich habe vorgeschlagen, dass wir die Mechanismen hinter uns lassen, die veraltet sind und ernsthaft die Korruption bekämpfen und die Wirtschaft öffnen. Denn das Land hat sich ja auch geöffnet. Das hat bei Putin eine sehr negative Reaktion hervorgerufen und offensichtlich hatte er damals schon beschlossen, dass die Korruption ein Rückgrat des Systems bleiben soll. Und der Deal, den ich als Beispiel angeführt habe – da ging es um direkten Einfluss von Putin und seine privaten Interessen – deswegen hatten wir diesen Konflikt. Zehn Jahre, die ganzen zehn Jahre, in denen ich im Gefängnis gesessen habe, setzte sich dieser Konflikt fort. Und seit meiner Entlassung – auch dank Kanzlerin Merkel, dafür herzlichen Dank, und auch dank dem Einfluss von Hans Dietrich Genscher, der leider nicht mehr lebt – seitdem kümmere ich mich um den Aufbau der Zivilgesellschaft in Russland.

Kleber: Welche Rolle kann, oder sollte nach ihrer Meinung Deutschland in Zukunft auf dem Weg Russlands zur Demokratie spielen?

Chodorkowski: Deutschland ist ein beständiger Partner von Russland und Deutschland ist das Land, das am besten Russland verstehen kann. Mein Eindruck ist aber, dass in Deutschland das Gefühl entstanden ist, dass Russland sich nicht ändern wird, dass Russland nicht reif ist für die Demokratie und dass Putin Stabilität bedeutet. Und wenn man zum Beispiel an die Rede vor der föderalen Versammlung denkt, wo er mit Atomkrieg gedroht hat und die Ereignisse in London in den letzten Tagen… Oder wenn wir berücksichtigen, wie der Kreml sich auch in die deutsche Politik versucht einzumischen, dann sieht man doch, dass Putin nicht für Stabilität steht. Und die Lage innerhalb Russlands ist keine Garantie dafür, dass der Totalitarismus weitergeht. Es entstehen neue Kräfte und die werden natürlich vom Staat unterdrückt, aber diese Kräfte bewegen Russland in Richtung der Demokratie. Und ich würde mich nicht wundern, wenn die sechs Jahre, die sich Putin jetzt weiter nehmen wird, keine ruhige Zeit für Putin werden. Hier in Deutschland muss man die russische Gesellschaft sehr aufmerksam beobachten und man sollte zumindest moralisch auf der Seite der russischen Gesellschaft sein.

Kleber: Herr Chodorkowski, Dankeschön für das Gespräch.  

Chodorkowski: Ich danke Ihnen!

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.