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Gastbeitrag von Claudia Roth - Mit fassungsloser Achtung

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Es gibt Tage, da ist Claudia Roth fassungslos über Angela Merkel. Die Grünen-Politikerin Roth hat aber auch tiefen Respekt vor der Kanzlerin, die sich vom CDU-Vorsitz zurückzieht.

Archiv: Angela Merkel und Claudia Roth am 01.02.2018 in Berlin
Angela Merkel und Claudia Roth
Quelle: dpa

Es gibt Tage, da macht mich Angela Merkel geradezu fassungslos. Mit Blick auf die Weltklimakonferenz in Kattowitz kann ich sagen: heute zum Beispiel. Die Klimakrise sei "eine Frage von Leben und Tod", hat UN-Generalsekretär António Guterres zur Eröffnung betont. Die Große Koalition aber scheint nicht in der Lage, auch nur ansatzweise angemessen zu handeln. Vielmehr hat sie es geschafft, die Glaubwürdigkeit des einstigen Klimavorreiters Deutschland weitestgehend zu verspielen. Die Bundesrepublik unter Schwarz-Rot-Schwarz: Land des Dieselbetrugs und der Kohleverstromung.

Geschwiegen, wo es Dialog und Streit gebraucht hätte

Dann wiederum gibt es Tage des Unverständnisses. Darüber, dass Angela Merkel zwar weiterhin als "Flüchtlingskanzlerin" bezeichnet wird, es zugleich aber auch ihre Regierung ist, die den Ausbau der Festung Europa mit Hochdruck vorantreibt. Unverständnis darüber, dass sie nicht einmal die egozentrischsten Maskulinisten in ihrem Umfeld vor die Tür setzt, sondern stillschweigend aushält. Ohnehin: Unverständnis darüber, dass sie so oft geschwiegen hat, wo es Dialog und Kontroverse gebraucht hätte.

Schließlich sind da die Tage des Bedauerns: über die massive Kluft zwischen Arm und Reich, die von der Großen Koalition nicht nur hingenommen, sondern befördert wurde; über die fragwürdige Rolle Berlins in der Finanzkrise; über die himmelschreiende Diskrepanz zwischen den vielen Krisen und Konflikten einerseits, der deutschen Rüstungspolitik andererseits.

Ich könnte es mir also leicht machen und dem dissonanten Chor der vermeintlichen Abgesänge auf Angela Merkel eine weitere Stimme hinzufügen. Wenn sich nun aber die aktuelle - und wohlgemerkt künftige - Kanzlerin vom Vorsitz ihrer Partei zurückzieht, dann überwiegt bei mir etwas anderes: ein Grundgefühl der Achtung.

Beeindruckende Beständigkeit

Angela Merkel hat einen Unterschied gemacht, mit beeindruckender Beständigkeit. Sie hat die CDU gesellschaftspolitisch geöffnet, wenn auch zögerlich. Immer wieder hat sie zwar spät, dann aber mit Bestimmtheit erkannt, wann es Zeit war, Widerstände aufzugeben. Und ganz nebenbei hat sie sich 18 Jahre lang an der Spitze einer Partei gehalten, die ohne sie bisweilen vergessen hätte, wofür das C im Kürzel eigentlich steht.

All das erledigte sie mit Stil und Besonnenheit. Dem beleidigenden Geschrei der Rechtsstaatsverächter und Demokratiefeinde in Deutschland und weltweit hat Angela Merkel stets demonstrativen Anstand entgegengesetzt. Mit ruhiger Verlässlichkeit und klugem Witz hat sie sich Vertrauen erarbeitet in einer Welt internationaler Beziehungen, die bis heute geprägt ist von Männlichkeit und Paternalismus.

Bei aller Kritik: tiefer Respekt

Dann kam der Sommer 2015, und Angela Merkel blieb sich treu. Als nach dem einzig vertretbaren Offenhalten der Grenze aus dem üblichen Gegenwind des politischen Alltags ein hasserfüllter Sturm wurde, hat sie nicht etwa die Segel gestrichen. Jeden einzelnen Angriff hat sie gestanden, einige auch zielsicher pariert - und war dabei nicht selten allein auf weiter Flur.

Andere hätten hingeschmissen; vermutlich auch viele derer, die seither meinen, uns im Wochentakt daran teilhaben lassen zu müssen, was sie besser gemacht hätten. Angela Merkel ließ sie reden und kümmerte sich derweil um das, was eine verantwortungsbewusste Kanzlerin so tut: ihre Arbeit.

Egal, wohin sie jetzt geht: Angela Merkel erntet ehrliche Anerkennung - persönlich, aber auch stellvertretend für Deutschland. Bei aller inhaltlichen Kritik hat sie dafür meinen tiefen Respekt. Und der wird, wie die Kanzlerin selbst: nachwirken.

18 Jahre lang stand Angela Merkel an der Spitze der CDU. Wie Weggefährten und Gegner ihre Amtszeit bewerten.

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3 min
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