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Comedian Gayle Tufts - "Trump missbraucht den 4. Juli"

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Zum US-Nationalfeiertag geht Gayle Tufts mit dem US-Präsidenten hart ins Gericht. Trump würde die Entertainerin am liebsten eine lange Kneipp-Kur in Europa verpassen.

Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag in den USA: Soldaten und Panzer am 03.07.2019 in Washington
Seit zwei Jahren schon träumt Trump von einer großen Militärparade in Washington. Am Unabhängigkeitstag ist es soweit.
Quelle: reuters

heute.de: Wie feiern Sie den amerikanischen Nationalfeiertag, den berühmten "4th of July"?

Gayle Tufts: Ich bin auf Kreta - zusammen mit einem britischen Paar. Die können das Wort Brexit nicht mehr hören, so wie ich allergisch auf Trump reagiere. Wir haben abgemacht, nicht über Politik zu sprechen. Stattdessen mache ich einen Kartoffelsalat und ein richtiges amerikanisches Barbecue und Hotdogs.

heute.de: Warum sind Sie nicht in Berlin - auf dem Empfang der amerikanischen Botschaft?

Tufts: Seit der Trump-Mann Richard Grenell US-Botschafter ist, bin ich von der Gästeliste gestrichen. Wahrscheinlich kritisiere ich Trump zu sehr. Dabei habe ich alle US-Präsidenten kritisiert, auch George W. Bush. Trotzdem war ich immer in die US-Botschaft eingeladen.

heute.de: Sind Sie jetzt beleidigt?

Tufts: Nein, ich sehe es eher als Kompliment und als Auszeichnung. Das muss man doch erst mal schaffen, Persona non grata zu werden.

heute.de: Trump scheint sich schon riesig auf den Nationalfeiertag zu freuen.

Tufts: Es ist super peinlich. Wie ein kleiner Junge lässt er Panzer durch Washington rollen. Er hat sich von den französischen Militärparaden inspirieren lassen. Dabei ist für uns der 4. Juli total unpolitisch. Es geht darum, mit der Familie einen schönen Tag zu verbringen: gutes Essen, Baseball, Konzerte, Freizeit. Also so, wie Deutsche Pfingsten oder Christi Himmelfahrt verbringen. Ein Feiertag, um sich zu erholen. Trump missbraucht den 4. Juli für politische Zwecke.

heute.de: Wie fanden Sie Trumps Treffen mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un?

Tufts: Ich begrüße jede diplomatische Maßnahme, um einen Krieg zu verhindern. Aber das Treffen war doch lächerlich, eine einzige PR-Show. Ich habe das Video gesehen, das Trump und Kim Jong Un von hinten zeigt. Trump wirkt dabei wie ein alter Mann, total statisch. Kim Jong Un hingegen wirkt agil, wie die Frauen bei der Fußball-WM. Entschuldigen Sie meine Direktheit, aber man sieht, wie "fucked up" Trump ist. Er sollte mal dringend nach Europa kommen und eine Fasten- oder Kneipp-Kur machen. Gesunde Ernährung statt Cheeseburger, Bewegung an der frischen Luft. Am besten gleich eine Drei-Jahres-Kur.

heute.de: Wahlbeobachter sehen das anders: Sie sehen Trump voller Energie und mit guten Chancen auf eine Wiederwahl.

Tufts: Ich weiß, und das macht mich tierisch fertig. Trump ist längst keine Komödie mehr, sondern eine Tragödie. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. In eineinhalb Jahren kann noch viel passieren. Und Frauen wie Elizabeth Warren von den Demokraten können Trump gefährlich werden. Auch wenn die Demokraten das gleiche Problem wie die SPD haben: Sie haben den Kontakt zur Arbeiterschaft, zum kleinen Mann verloren.

heute.de: Amerika führt wieder eine heftige Abtreibungsdiskussion. Warum?

Tufts: Hier kommt eine Mischung aus Frauenfeindlichkeit und religiösem Fundamentalismus zusammen. Man will den Frauen nicht die Entscheidung über ihren Körper überlassen. Abtreibungsgegner kommen oft aus einem ländlichen, evangelikalen Umfeld und haben ein niedriges Bildungsniveau. Sie verstehen nicht, dass es Abtreibungen immer geben wird und es doch darum geht, Frauen so gut wie möglich zu unterstützen. Denn am Ende sind die Frauen die Leidtragenden.

heute.de: Sie leben gerne in Berlin. Was macht Deutschland so faszinierend?

Tufts: Der Sozialstaat, die Krankenversicherung, der öffentliche Nahverkehr. Man kann vieles mit dem Fahrrad machen. Überhaupt, das Umweltbewusstsein: Deutschland ist Recycling-Weltmeister. Deutschland ist kinderfreundlich, hat viele Spielplätze, ist hundefreundlich. Und Berlin hat keine Sperrstunde. Die Leute gehen am Wochenende ins Berghain und kommen erst am Dienstagmorgen wieder raus. Das wäre in New York unmöglich, da ist morgens um zwei Uhr Schluss.

heute.de: Berlin hat aber auch viele Probleme...

Tufts: Ja, aber es ist trotzdem eine faszinierende Stadt. Sie ist gerade am Kippen und droht, zu teuer und zu spießig zu werden. Im kalten Januar versuchen viele Amerikaner, ins sonnige Kalifornien zu flüchten. Aber im Sommer kehren sie gerne zu den Berliner Badeseen zurück. Wo sonst kann man mit dem Fahrrad an den See fahren? Aber natürlich ist nicht alles toll hier. Uber funktioniert nicht, es gibt noch kein 5G auf dem Handy. Und viel zu viele Filme werden synchronisiert. Das nervt.

heute.de: Mit Blick auf Ihre amerikanische Heimat: Was macht Ihnen Hoffnung?

Tufts: Menschen wie die liberale Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg. Sie ist 86 Jahre alt und sorgt am Supreme Court dafür, dass der Rechtsstaat in den USA nicht komplett ausgehöhlt wird. Es ist gut, dass wir sie haben. Ich wünsche ihr Glück und Gesundheit. Sie soll uns noch möglichst lange erhalten bleiben. Sie kann als Richterin das Schlimmste verhindern und Trump richtig ärgern.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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