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CSU-Spitzentreffen - Seehofer-Dämmerung

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Wie weiter in der CSU? Am Abend will sich Parteichef Seehofer darüber äußern. In den Startlöchern: Bayerns Finanzminister Söder. Als Kandidat der Herzen gilt er aber nicht.

Der parteiinterne Druck auf Horst Seehofer wächst. Die CSU trifft sich deshalb zur Krisenbesprechung. ZDF-Reporter Christoph Röckerath ist vor Ort.

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Auch wenn die Münchener sich gerne als Norditaliener sehen und man mal eben nach Venedig zum Brunch fährt - das Meer ist weit weg von Bayern. Und so sind Beschimpfungen, die ins Nautische stechen, einigermaßen unerhört. Etwa, wenn sie aus dem Munde des Münchener CSU-Chefs und Bayerischen Kultusministers Ludwig Spaehnle kommen, der jüngst seine Kabinettskollegin Ilse Aigner als Leichtmatrosin bezeichnete. Hatte sie es doch gewagt, für den künftigen CSU-Anführer die Mitglieder in einer Urwahl zu befragen.

Plumpe Sägearbeiten

Die heftige Reaktion eines als Getreuen von Finanzminister Markus Söder bekannten offenbart zweierlei: Zum einen liegen die Nerven in der Partei blank. Vor allem auf der Seite des Söder-Lagers, das sich mit den mehr oder weniger plumpen Sägearbeiten am Stuhl des Chefs Horst Seehofer auch selbst ziemlich besudelt hat.

Ilse Aigner am 21. November in München
Ilse Aigner am 21. November in München Quelle: reuters

Zum anderen wird deutlich, dass auch die "nette Ilse" aus dem Hinterhalt schießen kann und damit Freund und Feind überrascht hat. Denn mit dem Vorschlag legt sie den Finger in eine Wunde: Die CSU hat für die Zeit nach Seehofer keinen zwingenden Kandidaten. Markus Söder ist zwar der stärkste, weil er seit Jahren ohne Rücksicht auf Verluste sein Netzwerk und seinen Machtapparat ausbaut. Aber ein Kandidat der Herzen ist er nicht. Er polarisiert. Zu viele hat er auf seinem Weg überrollt. Zu oft hat er sich dabei erwischen lassen, dass es ihm am Ende um nichts anderes geht, als um sich selbst.

Lob für die rebellische Junge Union

Zuletzt beim auch von ihm mitgetragenen Vorstandsbeschluss, während der Sondierungen in Berlin die Personaldebatte ruhen zu lassen. Als eine Mehrheit der Jungen Union vor gut zwei Wochen in Erlangen den Aufstand gegen Seehofer probt, ist sein Drang nach schnellem Applaus stärker als politische Weitsicht oder gar Fairness: Auf der Showbühne des Delegiertenabends lobt er die rebellische Jugend, attestiert ihr Rückgrat.

Sogar eine nur scheinbar spontane Demo, bei der JUler auf Schildern Söders Machtübernahme fordern und über die sowohl Seehofer als auch Söder informiert waren, steuert er gezielt an, stellt sich dazu, anstatt sie zu meiden.

Söder wirkt unglaubwürdig

Die Folge: In Erlangen kurz ein Held, für viele im Rest Bayerns jemand, auf dessen Wort man sich eben nicht verlassen kann. Dabei ist es gerade die Glaubwürdigkeit, bei der Söder, der sonst so unermüdlich und fleißig für sich arbeitet, Nachholbedarf hat, wenn er Landesvater werden möchte. Chance vertan, Partei beschädigt.

So zumindest sieht es das Seehofer Lager, das wohl eher ein Anti-Söder Lager ist. Dass Horst Seehofer etwas - gemeint ist: sich - verändern muss, darin ist eine Mehrheit der Partei längst einig. Doch wer kann es machen, wenn nicht Söder?

Machtkampf der Bezirke

In Bayerischen Machtkämpfen gelten Kriterien, die im Rest der Republik fremd anmuten dürften. Jenseits inhaltlicher Verortungen zwischen konservativen und liberalen Christsozialen kämpfen Franken gegen Altbayern, Katholiken gegen Protestanten. Sieben Bezirke sind das, die alle vertreten sein wollen. Das stärkste Gewicht haben die Oberbayern. Seit Jahrzehnten sind sie immer in einem der Spitzenämter dabei, wenn es nicht ohnehin in einer Hand ist, wie bei Franz Josef Strauß oder Horst Seehofer.

Vieles spricht dafür, dass die Partei das Amt des Ministerpräsidenten beziehungsweise Spitzenkandidaten für die Wahl 2018 und das des Parteichefs trennen wird und dass der Parteichef nach Berlin geht. Da möchte Söder auf keinen Fall hin. Er strebt das Amt des Ministerpräsidenten an. In der Landtagsfraktion, die den Ministerpräsidenten wählt, hat er dafür eine breite Unterstützung. Und doch eröffnet seine Weigerung, nach Berlin zu gehen, seinen Gegnern Möglichkeiten.

Herrmann statt Söder?

Mit Joachim Herrmann gibt es eine fränkische Alternative zu Söder. Er ist allseits beliebt, integer, loyal. Eine gewisse Trägheit wird ihm nachgesagt, wenn es um seinen eigenen Ehrgeiz geht. Doch einer wie er, sagen viele, könnte die Partei heilen. Mehr als einen Franken an der Spitze kann es allerdings nicht geben. Da sind die Altbayern davor. Sollte es Seehofer gelingen, ihn in einer der beiden Funktionen der Landtagsfraktion und/oder dem Parteitag schmackhaft zu machen, wäre Markus Söder de facto kalt gestellt.

Herrmann als Parteichef ins Berliner Kabinett? Oder doch Spitzenkandidat bei der Landtagswahl? So oder so müsste der Gegenpart ein Altbayer sein. Kombinationsmöglichkeiten gibt es viele, Spekulationen noch mehr. Gestreute Gerüchte: unzählige. Hier ein paar:

Aigner als Ministerpräsidentin?

Ilse Aigner, Vorsitzende des mächtigsten Bezirks Oberbayern als Landesmutter. In der Fraktion, die den Ministerpräsidenten wählen muss, hätte sie bislang keine Chance, doch bis zur Landtagswahl im Herbst 2018 könnte sich das ändern, wenn es den Söder-Gegnern am Parteitag im Dezember gelingen sollte, die Stimmung zu drehen und sie zum Teil eines Gesamtpakets zu machen. Etwa mit Herrmann als Parteichef oder Alexander Dobrindt, der in Bayern als kluger Stratege gilt und als Berliner Landesgruppenchef den Vorteil hätte, nicht in die Disziplin eines eventuellen Kabinetts und Angela Merkel eingebunden zu sein.

Neu auf der Liste ist ein angeblich längst ausgeklüngeltes Duo aus Manfred Weber und Alexander Dobrindt. Weber, als Chef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament einer der mächtigsten Männer des Kontinents, hat zwar nicht den Münchener Stallgeruch. Manche trauen ihm aber ebenfalls zu, als Ministerpräsident geeignet zu sein. Und Dobrindt: siehe oben. Aus dem Söder-Lager dagegen streuen sie, dass sich stattdessen Söder mit Dobrindt geeinigt habe. Dass die alte Feindschaft der beiden längst vergessen, ja, sie gar inzwischen Freunde seien.

Die Zukunft des Horst Seehofer

Horst Seehofer verlässt am 22. November 2017 Schloss Bellevue
Horst Seehofer verlässt am 22. November 2017 Schloss Bellevue Quelle: dpa

Und Horst Seehofer? Er schweigt bislang und hat damit die Räume für all jene Macht- und Gedankenspiele geschaffen. Nun will er sich erklären. Zuerst vor der ihm nicht gerade wohl gesonnenen Fraktion im Landtag. Dann vor dem Parteivorstand. Gut möglich, dass der Taktikveteran alle überrascht. Dass er Worte findet, mit denen er seine Parteifreunde wieder einmal auf seine Seite ziehen kann.

Am Ende werden wohl zwei Fragen entscheidend sein: Wie viel Kollateralschaden ist es ihm wert Söder zu verhindern? Und: Inwieweit will er auch für sich selbst über das nächste Jahr hinaus noch weiter kämpfen?

"Ich persönlich gehe davon aus, dass es über kurz oder lang zu einer Teilung der Ämter kommt", sagt der ehemalige CSU-Vorsitzende Erwin Huber zum Machtkampf um die CSU-Spitze.

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