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Cybermobbing - Rainer gegen alle

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Der YouTuber Rainer Winkler erlebt täglich Cybermobbing im Netz. Ein weit verbeitetes Phänomen mit teils schwerwiegenden Folgen für die Opfer. Von Bauchweh bis zur Suizidgefahr.

Für Anerkennung steigern sich Hater im Netz zu immer drastischeren Taten, oft verbunden mit ökonomischen Interessen - denn hohe Klickzahlen können hohe Einnahmen erzeugen.

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Er ist ein Metalfan, ein YouTuber und Streamer, ein eigenwilliger Typ aus der bayerischen Provinz. Einer, der viele private Details ins Netz stellt. Belanglose, peinliche und auch verstörende Einblicke: Was er von Analsex denkt, dass er abnehmen will und dass er massenhaft Schulden hat.

Sie beobachten ihn im Netz, schauen ihm bei seinen Streams zu. Beleidigen ihn in den Kommentaren der Videos, suchen sein Haus auf, um es mit Eiern zu bewerfen, und fälschen Notrufe bei der Feuerwehr in seinem Namen.

Er ist Rainer Winkler alias "Drachenlord". Sie sind tausende Hater aus dem Internet.

Jahrelanges Mobbing

Das Ganze geht seit Jahren so. "Drachenlord" postet seine Videos im Netz und erntet dafür Spott, Häme und Drohungen. Dass er übergewichtig und hässlich sei, sind die harmlosesten Bemerkungen darunter. Als sogar die Schwester des YouTubers mit Drohanrufen eingeschüchtert wird, platzt Winkler der Kragen. Er veröffentlicht ein Video, in dem er seine Gegner, sogenannte Hater, zum offenen Kampf herausfordert. Dabei begeht er einen folgenschweren Fehler: Er veröffentlicht seine Adresse.

Seitdem kommt das 40-Seelendorf, in dem Winkler in einem heruntergekommenen Haus wohnt, nicht mehr zur Ruhe. Fast täglich besuchen die Hater den umstrittenen YouTuber. Um ihn zu provozieren und zu demütigen. Mobbing rund um die Uhr - seit fast fünf Jahren. Erst im August riefen die Hater zu einem großen "Fest" auf. Rund 800 junge Menschen - vor allem Männer - reisten in Winklers Wohnort, um "dem Drachenlord das Fürchten zu lehren".

Polizeieinsatz beim Drachenlord
Polizeikräfte halten die Winkler-Gegner zurück.
Quelle: dpa

Eskalation im echten Leben

Was nach einer Spaßaktion klingt, ist bitterer Ernst. Polizeikräfte mussten anreisen und ein Versammlungsverbot für den kleinen Ort aussprechen. Auf zahlreichen Videos im Internet ist zu sehen, wie Hunderte Personen trotzdem versuchen, zum Grundstück des Drachenlords zu gelangen. Erlebnistourismus auf Kosten eines Einzelnen.

Winkler beschreibt sich als Mobbingopfer. Dass er seine Feinde teilweise selbst provoziert, angreift und Autos der "Winkler-Touristen" mit Steinen bewirft, verbessert seine Situation allerdings nicht. Die Polizei hat ihm mehrfach geraten, die Stimmung nicht noch weiter aufzuheizen. Aber beide machen weiter - Winkler und die Hater.

Opfer zum Teil suizidgefährdet

Der Fall um Rainer Winkler ist außergewöhnlich. Mobbing im Netz ist es allerdings nicht. Weder bei Jugendlichen, noch bei Erwachsenen. Das bestätigen Studien des Vereins "Bündnis gegen Cybermobbing". Betroffene leiden häufig unter schwerwiegenden Folgen. 33 Prozent der Opfer von Cybermobbing in Deutschland geben an, unter Depressionen zu leiden. 13 Prozent sind akut suizidgefährdet. Die Hater treiben ihre Opfer im schlimmsten Fall in den Selbstmord. Aus unterschiedlichen Motiven. 41 Prozent der Täter sagen, sie haben Ärger mit dem Opfer. 22 Prozent machen es aus Neid. Und 15 Prozent nur so zum Spaß.

Das Mobbing im Internet wird dabei immer direkter und persönlicher, beobachtet Uwe Leest vom "Bündnis gegen Cybermobbing". Ein Problem sei die unzureichende Strafverfolgung. "Die totale Meinungsfreiheit steht im Internet über der Würde des Menschen. Es gibt dort keine sozialen Regeln", kritisiert Leest. Er fordert ein Gesetz gegen Cybermobbing, um Opfer besser zu schützen. Jemand wie Winkler sei allerdings auch zum Teil selbst schuld an seiner Situation, betont er.

Verhaltenstipps für Opfer

Leest rät Opfern von Cybermobbing, nicht auf die Beleidigungen einzugehen, selbst wenn es schwer fällt. Denn dadurch nehme man den Tätern die Grundlage. Ihr Ziel sei es, eine Reaktion zu provozieren. Stattdessen sollten Opfer sich Vertrauenspersonen öffnen und über das Mobbing berichten. Schließlich sei es besonders wichtig, zur Polizei zu gehen und die Internetplattform, auf der das Cybermobbing stattfindet, zu informieren. Denn nur so können die Täter bekämpft werden.

Trotz möglicher Hilfe belastet Cybermobbing die Opfer teilweise sogar körperlich. 21 Prozent der geschädigten Personen leiden unter Beschwerden. Dazu gehören vor allem Magen-Darm-Probleme, Herz- und Atembeschwerden sowie weitere körperliche Schmerzen.

Die Feuerwehr rückt an

Ungeachtet dieser Auswirkungen auf die Opfer wird Rainer Winkler weiter gemobbt. Den Tiefpunkt des Konflikts erreichte der Hater Alexander S. mit seinem Versuch, Winkler zu schaden. Er rief die Feuerwehr zu Winklers Haus, während der in seinem Haus einen Livestream sendete. Die Einsatzkräfte rasten auf das Grundstück, dachten, es brennt. Winkler wusste von nichts. Eine Tat, die in den USA als Swatting bekannt ist.

Das bleibt nicht unbestraft. Alexander S. bekommt vor Gericht eine harte Strafe: zwei Jahre und fünf Monate Haft. Allerdings nicht nur für den Anruf. Alexander S. verbreitete unter anderem auch noch Kinderpornos und machte sich der Volksverhetzung schuldig.

Der "Drachenlord" Winkler überlegt mittlerweile, sich selbst zu schützen. Er zieht in Betracht umzuziehen. Und hofft, dass ihn seine Feinde dann nicht mehr finden.

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