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Historiker Sönke Neitzel zum D-Day - "Die Alliierten konnten nicht scheitern"

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Weshalb die Deutschen 1944 in Frankreich "mit heruntergelassenen Hosen dastanden" und der Krieg längst entschieden war - der Historiker Sönke Neitzel im Interview.

Deutsche Batterie und Bunker La Redoute von Merville
Deutsche Batterie und Bunker La Redoute von Merville
Quelle: picture alliance / Eibner-Pressefoto

heute.de: Viele Menschen sehen in der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 die "eigentliche Wende im Zweiten Weltkrieg". Wenn wir von einer "Wende" sprechen wollen: Hat es diese aber nicht bereits viel früher gegeben?

Sönke Neitzel: Viele deutsche Soldaten und Zivilisten glaubten 1944 an eine Kriegswende, wenn es gelingen würde, eine Invasion der Alliierten in Frankreich abzuschlagen. Dann könnte man alle Kräfte nach Osten richten und Deutschland den Krieg noch gewinnen - so war das damalige Denken. Belege findet man in Tagebüchern, Briefen und auch in der Propaganda. Der Kampf in der Normandie ist also tatsächlich als eine "Entscheidungsschlacht" wahrgenommen worden - und zwar stärker als andere, vorherige Kriegsmomente, wo es auch um vermeintliche Entscheidungsschlachten ging.

heute.de: Aber?

Neitzel: Wenn wir als Historiker nach einem Wendepunkt fragen, an dem der Krieg für Deutschland definitiv verloren war, dann kommen wir auf den Herbst 1941. Da scheiterte der deutsche Kriegsplan, der die schnelle Niederwerfung der Sowjetunion vorsah, um den eurasischen Landblock zu kontrollieren, um mit diesem "Hinterland den Kampf gegen die Seemächte Großbritannien und perspektivisch auch die USA erfolgreich führen zu können. Im Herbst 1941 war klar, dass es den schnellen Sieg gegen die Sowjetunion nicht geben wird. Damit waren die Deutschen in einem Zweifrontenkrieg, einem Abnutzungskrieg. Darauf waren sie nicht vorbereitet. Das hieß eigentlich schon: game over!

heute.de: Das bedeutet, der Zweite Weltkrieg war 1944 längst entschieden?

Neitzel: Ja, das war er und die Deutschen hatten überhaupt keine Chance, die Schlacht in der Normandie zu gewinnen. Sie waren der militärischen Übermacht des Gegners völlig unterlegen und standen quasi mit heruntergelassenen Hosen da. Als die Alliierten am Morgen des 6. Juni 1944 an Land gingen, war der Kampf schon entschieden - sie konnten nicht scheitern. Nur an zwei der fünf Landestrände schafften es die Deutschen, die Offensive bis mittags aufzuhalten. An den anderen Stränden konnten die US-Amerikaner und Briten sofort Zehntausende Soldaten an Land bringen.

heute.de: In Spielfilmen und auch in manchen Dokumentationen wird der D-Day allerdings als infernalisches Gemetzel dargestellt. Wie nahe kommt diese Darstellung dem damaligen Geschehen?

Neitzel: Natürlich sind an diesem Tag Tausende Soldaten gestorben, aber in Spielfilmen wie "Der Soldat James Ryan" et cetera gibt es eine unendliche Übertreibung. Ich beobachte auch mediale Konstruktionen, dass ganz bestimmte Ereignisse herausgegriffen werden und man sie pars pro toto setzt, um damit ein dramatischeres Narrativ zu haben. Nach dem Motto: Alles hing am seidenen Faden und lag in den Händen einzelner Helden. Das ist alles Quatsch, lässt sich aber spannender erzählen.

heute.de: Die Wehrmacht war tatsächlich chancenlos?

Neitzel: Die einzige Chance hätte am 6. Juni darin bestanden, dass Gott einen großen Sturm aufziehen lässt und die ganze Landeflotte vernichtet (lacht). Tatsächlich gab es zwar knapp zwei Wochen nach der Landung der Alliierten einen Orkan, der auch die künstlichen Häfen der Alliierten zerstörte. Wenn der vorher gekommen wäre, hätten sie ein Problem gehabt. Aber auch das hätte den Erfolg nur etwas aufgeschoben.

heute.de: Der D-Day oder Le Jour J, wie die Franzosen sagen, jährt sich zum 75. Mal. Sie waren bereits mehrfach zu Gedenkfeierlichkeiten in der Normandie. Wie nahe gehen die Erinnerungen den Menschen dort heute noch?

Neitzel: Die Zeitzeugengeneration ist nicht mehr unter uns. Das Geschehen liegt einfach sehr lange zurück. Stattdessen gibt es durch eine Vielzahl von Museen eine institutionelle Erinnerung. Jede Nation hat inzwischen auch ihr eigenes Narrativ: Die Franzosen betonen sehr stark das Leiden der eigenen Bevölkerung und den Kampf der Résistance, die US-Amerikaner haben ihren "Omaha-Beach" und die Inszenierung des Heldentums. Bemerkenswert fand ich aber zum 70. Jahrestag das Zugehen der Franzosen auf die Deutschen. Es gab eine symbolische Verbrüderung eines französischen und eines deutschen Veteranen. Man begreift das damalige Geschehen als Teil der gemeinsamen Geschichte, aus dem Franzosen und Deutsche das Beste gemacht haben.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Doku | Momente der Geschichte - Entscheidung im Westen

In der Normandie erwartet niemand eine Landung. Am 6. Juni 1944 beginnt hier die alliierte Invasion zur Befreiung Europas.

Videolänge:
4 min
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