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US-Trend-Thema: Tod und Sterben - "Vergiss nicht, dass du sterben wirst"

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Niemand spricht gerne übers Sterben. Warum eigentlich? Immer mehr New Yorker treffen sich in Sterbe Cafés, besuchen Friedhöfe und nutzen Apps, die täglich an den Tod erinnern.

Caitilin Doughty - Leichenbestatterin
Caitilin Doughty, Leichenbestatterin und You Tube Star (Foto: Mara Zehler)
Quelle: Mara Zehler

Auf dem Smartphone-Bildschirm erscheint ein pinkfarbener Gift-Frosch. "Vergiss nicht, dass du sterben wirst" steht darunter. Digitale Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. "We Croak" ("Wir krepieren") heisst die App, die mit makaberen, lustigen und philosophischen Sprüchen mehrfach am Tag an den Tod erinnert. "Die Idee stammt aus Bhutan. Die Menschen dort glauben, dass sie glücklicher leben, wenn sie fünfmal täglich ans Sterben denken", sagt der Erfinder der App, Hansa Bergwall. Für 99 Cent kann sich jeder seine tägliche Dosis Sterblichkeit herunterladen. Die elektronischen Erinnerungen kommen so unberechenbar wie der Tod, irgendwann zwischen 7 und 22 Uhr.

Tod als Tabu

"Natürlich interessiere ich mich für den Tod", sagt Joanna Ebenstein. "Ich interessiere mich für den Tod, weil er zum Leben gehört. Wir Menschen denken, dass wir alles wissen, alles durchschauen, auf alles eine Antwort haben. Aber eines ist und bleibt ein grosses, ungelöstes Rätsel: Der Tod."

Die 46-jährige Graphikdesignerin aus Brooklyn ist nicht sterbenskrank. Sie trauert auch nicht um einen Angehörigen oder Freund. "Ich war schon als Kind fasziniert vom Tod. Vielleicht weil niemand darüber redete. Es ist ein großes Tabuthema in der amerikanischen Gesellschaft. Die meisten Menschen finden es düster, makaber und gruselig über Sterben und Tod zu reden. Ich finde es eher komisch, nicht darüber zu reden."

Als Studentin reiste sie durch Europa, besuchte Anatomiemuseen, Friedhöfe und Kirchen. Sie las Bücher über Sterberituale, fotografierte Reliquien-Altäre und interviewte Bestattungsunternehmer. "Irgendwann hatte ich die Idee, einen Blog zu schreiben, der sich mit Tod und Sterben beschäftigt."

Aus Angst, ihren Job bei einem Kinderbuchverlag zu verlieren, startete Joanna ihren Blog "Morbid Anatomy" zunächst anonym - und war überwältigt vom positiven Feedback. Tausende meldeten sich bei ihr. Gemeinsam mit Freunden und unzähligen freiwilligen Helfern eröffnete sie eine kleine Bibliothek und ein Morbid Anatomy Museum in Brooklyn.

Trauer und Trost im Sterbe-Café

Wenige Kilometer entfernt in Midtown Manhattan lädt Nancy Gershman einmal im Monat zum Sterbe-Café ein. In einem kleinen marokkanischen Restaurant diskutieren New Yorker bei Couscous und Pfefferminztee über Leben und Sterben. "Dabei geht es nicht immer todernst zu", sagt Nancy Gershman. "Es kommen ganz unterschiedliche Menschen, junge und alte, Trauernde und Trostsuchende."

Nancy ist Moderatorin und Gastgeberin des Cafés. Gleichzeitig arbeitet sie als Trauercoach. "Wir sind Teil einer Bewegung. Hier in New York gibt es inzwischen Sterbe-Hebammen, Experten für alternative, ökologische Beerdigungen und sogar einen eigenen Studiengang, das Death Lab, an der Columbia Universität."

You Tube Star mit Totenschädel

Aber nicht nur in New York boomt die alternative Trauerbewegung. Caitlin Doughty aus Los Angeles ist Leichenbestatterin  - und You Tube Star. "Hi, I am Caitlin und das hier ist ein Totenkopf. Willkommen zu 'Ask a Mortician'." Mehr als 100 Episoden ihrer populären Show "Frag einen Bestatter" hat sie in den vergangenen acht Jahren produziert. Keine Frage zum Thema Tod ist ihr zu peinlich, makaber oder dumm: Wachsen Fingernägel weiter, wenn ich tot bin? Nein! Kann man Leichen kompostieren? Ja! "Je mehr wir darüber sprechen, desto weniger angsteinflössend ist der Tod", sagt die 34 Jährige.

Joanna, Nancy, Caitlin - interessanterweise sind es vor allem Frauen, die sich intensiv mit dem Thema Tod auseinandersetzen. "So wie Frauen traditionell für Geburten zuständig waren, waren sie auch für die Toten verantwortlich", sagt Joanna Ebenstein. "Vielleicht haben wir weniger Angst, dem Tod ins Auge zu schauen."

Friedhof als Touristenattraktion

Mitte September wird Joanna auf dem größten Friedhof New Yorks ihre eine eigene Ausstellung eröffnen. Der Green-Wood Cemetery wird von vielen Familien als Parkanlage genutzt. Zwischen Grabsteinen und Mausoleen finden Konzerte, Theateraufführungen, Zirkusvorstellungen und sogar  Apfelwein-Verkostungen (aus friedhofseigenen Äpfeln!) statt. "Das ist großartig, aber eigentlich gar nicht so neu", erklärt Joanna Ebenstein. "Im 19. Jahrhundert war der Green-Wood Cemetery eine der Top Touristenattraktionen in New York. Leute kamen hierher um Gräber anzuschauen und zu picknicken! Es wäre toll, wenn Friedhöfe endlich wieder zu Begegnungsstätten zwischen Lebenden und Toten würden."

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