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Missbrauch bei Pfadfindern - Das düstere Geheimnis der Boy Scouts

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Die Klagen wegen Missbrauchs gegen die Pfadfinder-Organisation "Boy Scouts of America" werden immer mehr. Bei "Abused in Scouting" kämpfen mehrere Anwälte für das Recht der Opfer.

Wappen der amerikanischen Pfadfinder "Boy Scouts of America"
Den "Boy Scouts of America" gehören rund eine Million Mitglieder an. Damit ist sie die größte Jugendorganisation der USA.
Quelle: Reuters

"Die Organisation sollte niederbrennen", bei diesen Worten glänzen Tränen in den Augen von James Kretschmer. "Vielleicht entsteigt aus der Asche ein Verband, der unsere Kinder beschützt." Es könnte kaum ein härteres Urteil geben über die "Boy Scouts of America" (BSA), die in den USA mehr als zwei Millionen Kindern und Jugendlichen die Werte der Pfadfinderbewegung vermitteln will. Aber die Organisation wird erschüttert von einer "Epidemie der Pädophilie", so heißt es in der Klageschrift eines neuen Verfahrens, in dem hunderte von bisher unbekannten Missbrauchsfällen verhandelt werden sollen.

Eines der Opfer ist James Kretschmer. Bei einem Campinglager 1970, so sagt er den Kollegen des US-Fernsehsenders NBC, sei er von einem Betreuer sexuell belästigt worden: "Sie machten die Lichter aus, ich bin eingeschlafen. Dann spüre ich den Atem einer Person in meinem Nacken und fühle, wie mich jemand berührt." Ed Pittson hat ähnliches erlebt. Ein Gruppenleiter habe ihn in sein Zimmer gelockt, um ihm etwas zu zeigen. "Dann forderte er, dass ich meine Hosen ausziehe." Auch Pittson wurde zu sexuellen Praktiken gezwungen. Beide Opfer hatten damals Familienmitgliedern oder Freunden anvertraut, was ihnen widerfuhr, aber erst jetzt finden sie den Mut, sich öffentlich zu äußern.

Fehlender Aufklärungswille innerhalb der Organisation

So ist es bei allen der insgesamt 350 Opfer, die sich in vergangenen Monaten bei "Abused in Scouting", einem Verbund von Anwaltskanzleien, gemeldet haben. Die Anwälte treiben die Aufklärung des Skandals voran und werfen dem Pfadfinderverband vor, viele der Fälle über Jahrzehnte vertuscht zu haben. Hauptkläger ist ein 57-jähriger Mann aus Pennsylvania, der als Kind über einen Zeitraum von vier Jahren hunderte Male von einem Gruppenleiter sexuell missbraucht worden sein soll. Um die Identität des Opfers zu schützen, ist sein Name in der Klageschrift nur mit den Buchstaben S.D. angegeben. Der mutmaßliche Täter, der 62-jährige Paul A., sagte dem Fernsehsender NBC, er suche sich gerade rechtlichen Beistand.

Ganz neu sind die Pädophilie-Vorwürfe gegen "Boy Scouts of America" nicht. Im Januar 2019 war eine interne Untersuchung an die Öffentlichkeit gelangt, nach der in Unterlagen des BSA bereits 7.819 Täter und 12.254 Opfer identifiziert werden konnten. Aber nur wenige der Opfer in der neuen Klage finden sich in den schon bekannten Listen. Der Anwaltsverbund sieht darin einen Beleg für den fehlenden Aufklärungswillen innerhalb der Organisation: "Man kann BSA nicht vertrauen, dass sie die faulen Äpfel aussortiert, weil sie genau das nicht getan hat", meint Anwalt Tim Kosnoff.

"Wir glauben den Opfern"

"Boy Scouts of America" hat eine Reihe der neuen Fälle geprüft, aber bisher nur mit einem schriftlichen Statement auf die Vorwürfe reagiert: "Wir glauben den Opfern", heißt es darin, "und bitten aufrichtig um Entschuldigung bei jedem, der in seiner Zeit als Pfadfinder verletzt wurde". Die Organisation behauptet, sie habe schon seit "vielen Jahren bedeutsame Maßnahmen" ergriffen, um sicherzustellen, dass sie "aggressiv und effektiv auf Berichte über sexuellen Missbrauch reagiert". Genau daran aber zweifeln viele der Opfer.

Nach Auskunft des Anwaltsverbunds sind unter den mehreren hundert Klienten nicht nur ältere Männer bis zum Alter von 88 Jahren, sondern auch Jugendliche, die jüngsten gerade mal 14 Jahre alt. Sie berichten von zahlreichen sexuellen Übergriffen in jüngster Zeit. Die Klage wirft dem Verband deshalb grobe Fahrlässigkeit vor: "BSA wusste seit Jahrzehnten, dass Sexualtriebtäter die Pfadfinderbewegung infiltriert hatten. Die Organisation kannte die Gefahr." Da hilft es wenig, dass "Boy Scouts of America" auf "Jugendschutz-Kurse" und eine vor Jahren eingerichtete Telefon-Hotline für Opfer von sexuellem Missbrauch verweist.  

Ist es das Ende der "Boy Scouts of America"?

Vor wenigen Tagen erst war BSA Gastgeber für das Welttreffen der Pfadfinderbewegung, dem sogenannten Jamboree. Auf einem riesigen Gelände in den Bergen von West-Virginia trafen sich 45.000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus 150 Ländern, aus Deutschland waren 1.300 Teilnehmer angereist. Offiziell war der Pädophilie-Skandal kein Thema bei der Veranstaltung, aber dennoch Gegenstand zahlreicher Gespräche zwischen den Jugendlichen. Einige sagten dem ZDF, dass gerade in Amerika ja das Thema Sex so tabuisiert werde, dass die Kinder sich gar nicht trauen, mit Unbeteiligten darüber zu reden, wenn sie sexuell missbraucht worden sind. Auch dass "Boy Scouts of America" bis zu Beginn dieses Jahres eine reine Jungenorganisation war, hat möglicherweise dazu beigetragen, dass das düstere Geheimnis der Organisation nicht bekannt wurde.

Die nun eingereichte Musterklage mit mehreren hundert Betroffenen könnte das nun ändern. Gleichzeitig stellt sie auch die Existenz von "Boys Scouts of America" in Frage. Die Verbandsleitung denkt offenbar darüber, die BSA für bankrott erklären zu lassen. Damit könnte sich die Organisation vor drohenden Schadensersatzzahlungen in mehrstelliger Millionenhöhe drücken. Am Ende würde also das passieren, was James Kretschmer sich wünscht: Der Untergang des Pfadfinderverbandes in den USA. Er selbst kämpft immer noch mit den psychischen Folgen seiner Erfahrung von 1970. Damals hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen: "Ich saß in der Mitte eines Highways und dachte, es wäre ok, wenn jetzt ein großer LKW kommt. Dann wäre es vorbei. Dann müsste ich damit nicht mehr leben." Jetzt will Kretschmer nur noch eines: Dass kein Pfadfinder mehr das durchmachen muss, was ihm vor langer Zeit angetan wurde.

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