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Ende der Terrororganisation - Der Kampf um die richtige Erinnerung

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Der fast 60-jährige Kampf der ETA ist vorbei, die baskische Terrororganisation ist aufgelöst. Doch ein neuer Kampf beginnt: Der um die richtige Art des Erinnerns.

Die baskische Untergrundorganisation ETA hat nach Jahrzehnten des bewaffneten Kampfes offiziell ihre Auflösung und das Ende "ihrer politischen Aktivität" verkündet.

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364 Tage im Jahr gedenken Familien in Spanien des Todes eines geliebten Menschen, der der ETA zum Opfer fiel. Nur an einem einzigen Kalendertag, dem 10. November, gab es zudfälligerweise nie ein tödliches Attentat der baskischen Terrororganisation. Daran erinnert im Moment eine Ausstellung in San Sebastian unter dem Titel "Luces en la Memoria" (Lichter in der Erinnerung). Verschiedene Künstler zeigen Fotos von Attentatsorten der letzten fünfzig Jahre. Eines ist ganz weiß geblieben, im Andenken an den einzigen Tag ohne Anschlag der ETA.

"Man darf es nicht vergessen", sagte Patxi García, ein Besucher der Ausstellung, dem ZDF. "Auf den Fotos sieht man nur die Landschaften, nicht den Terror, den wir erlebt haben. Und den wir gerne vergessen würden", kommentiert Olga Lopez Armendi, die "viele schlechte Erinnerungen" an die ETA Zeit hat. Wie man sich an die Geschichte der Untergrundorganisation erinnern soll, darüber wird in Spanien schon heftig debattiert. Ein Zeichen für die tiefe Spaltung der Gesellschaft. Am 20. April bat die ETA für jene Opfer, die nicht am Konflikt teilgenommen haben, um Verzeihung. Was andeutet, dass Polizisten als Opfer weiterhin als legitim befunden werden.

Rajoy: Keine Straffreiheit für Verbrechen

Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in San Sebastian verlangte das Kollektiv der Terroropfer (Covite), dass die ETA den Terror verurteile, aufhöre, öffentlich ihre Mitglieder zu ehren und helfen solle, 358 noch unaufgeklärte Verbrechen zu lösen. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy stellte sich sofort auf die Seite der Opfer. Für ihn ist die Selbstauflösung der ETA ein Erfolg für den harten Kurs, den die spanische Regierung gefahren ist. "Die ETA ist durch die Stärke des Rechtsstaats und der spanischen Demokratie entwurzelt worden", sagte er heute. "Sie hat getan, was sie getan hat und es wird keine Straffreiheit für ihre Verbrechen geben".

Die überwiegende Mehrheit der Basken verurteilt die Gewalt der ETA, aber ein Teil der Bevölkerung beharrt auf der Unabhängigkeit. Die separatistische Koalition EH Bildu, zweitstärkste Kraft im baskischen Parlament, bekam bei den Wahlen 2016 21 Prozent der Stimmen. Sie macht sich unter anderem dafür stark, dass die Gefangenen der ETA ihre Haft in der Nähe ihrer Familien absitzen können. Opferfamilien und Gegner der Separatisten befürchten jetzt, dass sie eine beschönigte Version der Geschichte der ETA verbreiten werden. Auch Rajoy warnte vor der Propaganda der Unabhängigkeitsbefürworter, die die ETA nicht als Terrorgruppe, sondern als Freiheitskämpfer für das unterdrückte baskische Volk darstellen.

Attentat auf Lokalpolitiker als Wendepunkt

Als solche war die Gruppe nämlich 1959 unter der Diktatur von General Franco ins Leben gerufen worden. Das erste offizielle Attentat der linksnationalistischen Gruppe wurde allerdings erst am 7. Juni 1968 begangen, also knapp zehn Jahre später. Und nach dem Sturz Francos und der Diktatur, hat das Töten in keiner Weise aufgehört. Lange hat Spaniens Regierung hilflos reagiert. Auch die baskische Bevölkerung hat den Mund gehalten. Oft aus Angst. Ein Wendepunkt war für viele das Attentat am 12. Juni 1997 gegen den konservativen Lokalpolitiker Miguel Ángel Blanco.

"Da hat die Zivilgesellschaft angefangen soziale Initiativen zu ergreifen, die schweigende Mehrheit hat eine größere Bedeutung gewonnen. Ich glaube, von dem Moment an beginnt der Niedergang, der Machtverlust für die Allgegenwart der Einschüchterung, der Erpressung und des Terrors", sagte der Kurator der Ausstellung Fernando Golvano dem ZDF. Auch "das internationale Umfeld hat sich seit 9/11 verändert", sagt der Historiker und Baskenlandkenner Ingo Niebel dem ZDF. "Die ETA konnte den Terror nicht weiterführen" und somit ist das Kollektiv der Häftlinge "zum Schluss gekommen, dass die ETA ihre Aufgabe erfüllt habe", wie immer man diese beurteile.

Vergeben fällt vielen schwer

Unabhängigkeit fürs Baskenland haben sie nicht erreicht, auch das Selbstbestimmungsrecht der Region ist nicht in die spanische Verfassung aufgenommen worden. Aber "gäbe es eine baskische Autonomie wenn es die ETA nicht gegeben hätte", hinterfragt Ingo Niebel, in der Hoffnung, dass die Archive eines Tages Aufschluss geben werden.

Vergessen kann bis jetzt niemand. Vergeben fällt vielen auch schwer. In einem Video, das laut spanischer Presse heute Abend bei der BBC laufen wird, sollen mehrere Etarra die komplette Auflösung der Organisation bestätigen. Unter ihnen Jose Antonio Urrutikoetxea der seit 2002 für elf Morde gesucht wird. Nicht unbedingt ein guter Start in den angekündigten Frieden.

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