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Jahresrückblick der ZDF-Korrespondenten - China - Macht mit globalem Anspruch

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Das Jahr 2018 hat gezeigt, wie stark Chinas Rolle in der Welt ist. Und sein Einfluss wächst - viel stärker, als es in Deutschland wahrgenommen wird.

Skyline von Shanghai bei Nacht
Skyline von Shanghai: China ist China wirtschaftlich, technologisch und militärisch eine Weltmacht.
Quelle: dpa

Es gibt Momente, in denen sich plötzlich jenseits der aktuellen Nachrichten und Ereignisse ein großes Bild offenbart. Als dürfte man kurz auf die Aussichtsplattform der Geschichte und einen Blick erhaschen auf die weltumstürzenden Trends und Veränderungen, die unsere Zukunft prägen werden.

Dieser Spätnachmittag Anfang Oktober war so ein Moment. Die Tage zuvor waren wir dem Karakorum Highway gefolgt - vom Kunjerab Pass, dem 4.800 Meter hohen Grenzübergang von China nach Pakistan, bis nach Mansehra, nicht weit von Pakistans Hauptstadt Islamabad entfernt. Und nun standen wir auf dieser halbfertigen Autobahnbrücke, 60 Meter hoch, und sahen zu, wie sich langsam eine 140 Tonnen schwere Betonplatte über den Abgrund schob.

Seit mehr als zehn Jahren baut die China Road and Bridge Corporation, ein Staatskonzern, am Karakorum Highway, der Straße über das Dach der Welt. Auf dem Weg hatten wir Steinschläge und Erdrutsche gesehen an Stellen, die kaum gebaut nun schon wieder erneuert werden mussten, hatten einen Friedhof besucht für chinesische Arbeiter, die beim Bau ums Leben gekommen waren. Und während der ganzen Fahrt hatte ich mich gefragt, warum China diesen hohen Preis bezahlt, wofür es diesen irren Aufwand betreibt.

Der Name ist Legende, das Projekt gigantisch: Chinas neue Seidenstraße. Sie führt auch durch Pakistan.

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In diesem Moment auf der turmhohen Brücke wurde mir das klar. Man sah von hier aus, wie China mit dieser Straße eine Schneise durch Pakistan schlägt - sich einen direkten Zugang verschafft zum Indischen Ozean. Bislang liegen alle seine Häfen im Osten Chinas, muss sein Handel durch die Meerenge von Malakka. Das wird sich ändern durch den Karakorum Highway, mit dem sich China sich aus einem strategischen Dilemma befreit.

Aufsteiger verschiebt globale Gewichte

So wie das Römische Reich seine Macht auf einem Netz von Heerstraßen gründete, so baut China nun Straßen für sein Imperium. Und die Vehemenz, mit der China sich in Pakistan einen Weg bahnt durch die Berggiganten des Karakorum, erschien mir an diesem Tag auf der Autobahnbrücke wie ein Vorbote für Chinas Ansprüche als neue Weltmacht, die die Regeln verändern und die Gewichte auf dem Globus verschieben wird.

Diese neue Rolle Chinas in der Welt war für mich deshalb der prägendste Eindruck in diesem Jahr. Natürlich reden alle schon seit gefühlten Ewigkeiten von Chinas Aufstieg. Schon Napoleon sagte, China sei ein schlafender Löwe, der, wenn er erwacht, die Welt erschüttern werde. Aber bislang galt, dass China vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Unter Staats- und Parteichef Xi Jinping aber ist China zu einer Macht mit globalem Anspruch geworden. Und die neue Seidenstraße, dieses Megaprojekt, das die halbe Welt umspannen soll, ist dafür nur ein Beispiel.

Es ist ein chinesisches Mammutprojekt: die neue Seidenstraße. Sie soll China mit dem Westen verbinden.

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China fordert die USA heraus

Der Handelskonflikt mit den USA und die militärischen Spannungen im Südchinesischen Meer - das alles waren Nachrichten, die sich einfügen in dieses große China-Bild. 2018 war das Jahr, in dem China die USA herausforderte als globale Führungsmacht. In dem es der Welt klar machte, dass es sich nicht nur für stark und mächtig genug hält, sondern sein eigenes System auch für überlegen hält gegenüber dem Westen. Ein System übrigens, das in diesem Jahr noch repressiver gegen Andersdenkende wurde und das sich mit Hilfe modernster Technologien entwickelt zu einer digitalen Überwachungsdiktatur.

Selbst Ereignisse, bei denen China in diesem Jahr nur an der Seitenlinie stand, erscheinen mir im Rückblick so, als sei China letztlich als Sieger vom Platz gegangen. Beim Gipfeltreffen von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un in der schwülen Hitze von Singapur war China nicht dabei. Aber die überraschende Annäherung und das plötzliche Ende der atomaren Drohungen zwischen Washington und Pjöngjang haben, so überraschend das klingen mag, zuallererst Chinas Einfluss auf Nordkorea erhöht.

Wir kamen in Peking danach kaum mehr mit, all die hochrangigen Treffen zwischen chinesischen und nordkoreanischen Offiziellen zu zählen, die es nach Jahren der Eiszeit zwischen den einstigen Verbündeten plötzlich gab. Zu Beginn des Jahres sahen wir an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze noch, wie Peking zum Ärger seiner Geschäftsleute die UN-Sanktionen gegen Nordkorea umsetzte. Seit dem Gipfel aber fordert Chinas Außenministerium eine Lockerung der Sanktionen und in den chinesischen Grenzregionen herrscht Euphorie bei der Aussicht auf neue Geschäfte mit Kims Reich.

Wie weit weg ist China wirklich?

Als Trump bei der Pressekonferenz in Singapur siegestrunken von einem historischen Verhandlungserfolg mit Nordkorea sprach, werden sie in Peking still gelächelt haben. Trumps Ankündigung, angesichts der Entspannung möglicherweise auch US-Truppen aus Südkorea und Japan abzuziehen, löste Entsetzen bei den beiden Verbündeten aus, während China vermutlich sein Glück kaum fassen konnte, dass der Weltmachtrivale quasi freiwillig seinen Einfluss in einer der wichtigsten Weltregionen räumen würde.

Sicher, noch ist es nicht so weit. Aber es war 2018 unübersehbar, wie sich tektonischen Verschiebungen gleich die Dinge in Richtung einer chinesischen Dominanz bewegen. Mich hat dabei immer wieder überrascht, wie wenig das bislang in Deutschland und Europa diskutiert wird. Wie sehr wir mit uns selbst beschäftigt sind und dem, was in Washington wieder Breaking News ist.

Vielleicht liegt es daran, dass ich seit gut vier Jahren in China lebe und sich meine Perspektive verändert hat. Aber ich staune, wie sehr China oft noch als das Land der Copycats angesehen wird, das irgendwie aufstrebend und wichtig, aber letztlich doch weit weg ist. Das ist falsch. 2018 hat gezeigt, dass China wirtschaftlich, technologisch und militärisch Weltmacht ist.

Es ist letztlich unwichtig, ob uns China interessiert oder ob wir es für ein Land halten, in dem gelegentlich ein Sack Reis umfällt. China kommt zu uns, macht seinen Einfluss geltend und seinen Willen, gestaltet und verändert - manchmal auch mit jener brachialen Macht, mit der es sich gerade einen Weg bahnt in Pakistan, um die die höchsten Berge der Welt zu überwinden.

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