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Politisches Cannes - Festival der starken Botschaften

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Dieses Jahr sind zahlreiche politische Filme in Cannes zu sehen. Am beeindruckendsten ist eine Doku einer jungen Filmemacherin aus Aleppo.

Waad al-Kateab am 16.05.2019 in Cannes
Waad al-Kateab
Quelle: picture alliance / abaca

Nackte Haut, wallende Roben, coole Posen - der rote Teppich in Cannes ist eine wunderbare Bühne. Dutzende Fotografen und Kameraleute halten auf alles, was irgendwie auffällig ist. Und in diesem Jahr waren es mehrfach auch politische Botschaften. So hatte sich etwa eine Frau "Stoppt Gewalt gegen Frauen" auf den bloßen Rücken schreiben lassen - ein Protest gegen die Ehrenpalme für den Schauspieler Alain Delon, der mit frauenfeindlichen Äußerungen in die Kritik geraten war.

Zur Premiere eines argentinischen Films trugen der Filmemacher und die Schauspieler grüne Tücher und ein Transparent, auf dem sie das Recht auf Abtreibung forderten. Eine von ihnen war sogar in eine grüne Abendrobe gekleidet, in der Farbe der Protestbewegung, auf der die Forderung kunstvoll aufgestickt war.

Syrischer Beitrag rüttelt auf: "Stop - Bombing - Hospitals"

Nüchtern und ernst hingegen war der Protest der Syrerin Waad al-Kateab. Die junge Filmemacherin stand gemeinsam mit ihrem Mann und einem weiteren Co-Regisseur am Ende der rotbedeckten Stufen und schaute auffordernd in die Menge. In den Händen hielt jeder von ihnen ein weißes Blatt mit je einem Wort: "Stop - Bombing - Hospitals" (Stoppt das Bombardieren von Krankenhäusern).

Ihr Dokumentarfilm "For Sama", der in Cannes außer Konkurrenz gezeigt wurde, hatte viele Zuschauer zu Tränen gerührt. Schon bei der Vorstellung des Programms hatte Festivalchef Thierry Frémaux angekündigt, dass dies einer der schockierendsten Filme sein werde, und er hatte Recht gehabt.

Die 26-Jährige hat den Film ihrer kleinen Tochter gewidmet, die sie vor dreieinhalb Jahren während des Bürgerkriegs in Aleppo zur Welt brachte. Ihr Mann arbeitete als Arzt, und das Paar entschied, trotz der immer schlimmeren Lage die Stadt nicht zu verlassen, sondern bis zuletzt für die Kranken und Verletzten da zu sein und die Verbrechen des Assad-Regimes zu dokumentieren.

"Meine Kamera war eine Waffe"

"Sama, ich will, dass Du verstehst, wofür wir hier kämpfen", heißt es am Anfang des Films. Er zeigt den Alltag in einer belagerten Stadt, in der Bomben einschlagen und acht von neun Krankenhäusern zerstört sind. In der zwei Jungen im Grundschulalter die staubbedeckte Leiche ihres kleinen Bruders küssen, der bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist.

Es sind erschütternde Bilder, die viele Zuschauer wohl noch lange in sich tragen werden. "Meine Kamera war eine Waffe", sagte die Syrerin im ZDF-Interview. "Filmen war das einzige, was ich tun konnte, für mich, für meine Tochter, für die Menschen in Aleppo." Sie hoffe, dass möglichst viele Menschen ihren Film sehen und verstehen, was in Syrien passiere.

Symbol der Frauen, die immer gekämpft haben

Bemerkenswert ist auch der Film "Papicha" (algerischer Slang für junges hübsches Mädchen) der Franko-Algerierin Mouna Meddour. Sie erzählt die Geschichte der selbstbewussten Studentin Nedjma  im Algerien der 90er Jahre. Nedjma möchte Modedesignerin werden und im Studentenwohnheim ihre erste Modeschau veranstalten. Doch die Islamisten sind auf dem Vormarsch und fordern die Frauen immer brutaler auf, sich zu verschleiern. 

"Nedjma ist für mich ein Symbol der algerischen Frau, die immer gekämpft hat, erst für die Unabhängigkeit, dann gegen den Terrorismus der 90er", sagt Meddour, die während des Bürgerkriegs mit ihrer Familie aus Algerien geflohen ist.

Erfreulich viele politische Filme

Cannes scheint dieses Jahr gespalten - auf der einen Seite gibt es die weißen, in die Jahre gekommenen Männer, die dem traditionellen, großen Kino und nicht zuletzt ihrem eigenen Beitrag dazu huldigen. Und auf der anderen Seite sind die jungen Frauen mit außereuopäischen Wurzeln, die politisch drängende Fragen aufgreifen und filmisch verarbeiten. 

Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen - etwa den Filmveteranen Ken Loach (82), der sich in "Sorry we missed you" der prekären Lebensbedingungen eines britischen Lieferwagenfahrers annimmt oder die Dardenne-Brüder, die in "Le Jeune Ahmed" die Geschichte eines ideologisierten 13-Jährigen erzählen, den niemand mehr von seinem Weg abzubringen scheint.

"Cannes ist nicht politisch, die Filme sind es", wiederholt Festivalchef Frémaux alljährlich. Und in diesem Jahr sind erfreulich viele politische Filme im Programm. 

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