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Lebensmittel und Verbraucher - Das "Regional"-Siegel auf der Mogelpackung

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"Regional" liegt voll im Trend. Die meisten Deutschen legen Wert darauf, dass Lebensmittel in der Nähe produziert werden. Aber: Wo "regional" drauf steht, ist nicht immer auch "regional" drin. Denn anders als "bio" ist der Begriff gesetzlich nicht definiert und wird gerne großzügig ausgelegt.

Produkte, die als "regional" verkauft werden, haben manchmal schon eine weite Reise hinter sich. Das Problem dabei: Es gibt keine einheitlichen Kriterien, was als "Regio" gehandelt werden darf.

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"Aus der Region", "von hier" oder auch "aus der Nähe". Die Supermärkte sind voll mit solchen Labels und Werbe-Hinweisen. Der Handel stellt sich auf die Wünsche der Verbraucher ein. Denn die machen sich immer mehr Gedanken darüber, was sie kaufen wollen. 75 Prozent der Deutschen ist Regionalität wichtig oder sogar sehr wichtig. Das hat eine Umfrage für das ZDF-Doku-Format planet e. herausgefunden. Regionale Produkte hätten eine bessere Umweltbilanz, glauben 86 Prozent der Verbraucher, immerhin 47 Prozent vermuten, dass auch die Qualität besser ist. "Regional" ist längst ein Verkaufsschlager.

Der 800-Kilometer-Käse

Nur: Was genau mit "regional" gemeint ist, steht nirgendwo zuverlässig geschrieben. "Das hat jeder Händler für sich selbst festgelegt und das kann der Verbraucher gar nicht mehr nachvollziehen", sagt Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Als Beispiel zeigt sie eine Packung Käse, der in Mecklenburg-Vorpommern verkauft wird und damit wirbt, an der Müritz produziert worden zu sein. Das Problem dabei: Geschnitten wurde der Käse in Edewecht in Niedersachsen. "Wenn wir diese Strecke einmal zum Schneiden und dann wieder nach Mecklenburg-Vorpommern zurücklegen, haben wir 800 Kilometer. Da kann von regional natürlich keine Rede mehr sein", so Britta Schautz.

In Hamburg fand die Verbraucherschützerin eine "regionale" Süßkartoffelsuppe. Tatsächlich hatte der Hersteller eine örtliche Adresse. "Das ist toll für Verbraucher, die gern regionale Anbieter unterstützen wollen", meint sie. "Aber die Zutaten kommen wahrscheinlich nicht aus der Region. Denn Süßkartoffeln und Kokosnussextrakt wachsen eher nicht in Hamburg."

Schweinefleisch, das ebenfalls als regional beworben wird, kommt bei näherem Hinsehen aus "Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg" - eine "Region", die hunderte von Kilometern umfasst. "Uns fehlen verlässliche, einheitliche Kriterien, damit die Verbraucher ganz sicher sein können: Das Lebensmittel kommt jetzt auch wirklich aus dieser Region", fordert Schautz.

Eine "pfiffige Idee"

Denn Siegel gibt es viele, die Kriterien dafür unterscheiden sich allerdings erheblich. Eine wirklich zuverlässige Orientierung bieten sie nicht. Das "Regionalfenster" gehört da noch zu den hilfreichsten, weil es vergleichsweise ausführlich über die Herkunftsregion, den Ort der Verarbeitung und den Anteil der verwendeten regionalen Zutaten Auskunft gibt. Eigentlich eine "pfiffige Idee", findet Ulrich Hamm vom Institut für Agrar- und Lebensmittelmarketing der Uni Kassel. "Der Verbraucher kann selbst entscheiden: Ist das in seinen Augen noch regio? Entspricht das seinen Vorstellungen: Ja oder nein?" Allerdings sei die Zertifizierung aufwändig, das "Regionalfenster" deshalb noch nicht sehr weit verbreitet.

Und: Der Verbraucher sollte es tatsächlich auch lesen, denn die Lebensmittel können deutschlandweit vermarktet werden. Ein regionales bayerisches Produkt ist eben nur in Bayern regional, nicht aber in Schleswig-Holstein. Darüber hinaus haben die Verbraucherschützer auch im "Regionalfenster" schon unklare Formulierungen gefunden. Im Zweifel, so deren Empfehlung, sollte der Kunde eben nachfragen und genauere Informationen einfordern. Wenn er ganz sicher gehen will, müsse er am besten gleich direkt beim Erzeuger kaufen, etwa auf dem Wochenmarkt.

Direkt aus dem Hofladen

Oder direkt beim Erzeuger, zum Beispiel auf dem Hof von Bauer Eggers im schleswig-holsteinischen Bullenkuhlen. Die Milch seiner 98 Kühe gibt er nur noch zum Teil an Molkereien ab, die meiste verarbeitet er selbst zu Joghurt. "Es lohnt sich für uns schon, weil wir damit deutlich mehr Geld verdienen, als wenn wir die einfache Milch an die Meierei liefern würden", so Stephan Eggers. Vom niedrigen Milchpreis ist er damit kaum noch abhängig. Und den Joghurt verkauft er direkt an Supermärkte in der Nähe. Oder eben im eigenen Hofladen. Dass viele Verbraucher bereit sind, für regionale Produkte mehr zu bezahlen, hilft dabei natürlich.

Aber ist regional tatsächlich immer auch besser? Regional heißt nur, dass es aus der Region kommt. Über die Art und Weise der Herstellung - etwa die Haltung der Tiere - sagt es aber nichts aus. Und auch nicht über die Ökobilanz. "Es gibt unglaublich viele Beispiele, bei denen regionale Waren eine höhere Umweltbelastung aufweisen als Importware in bestimmten Einzelfällen", gibt Guido Reinhardt vom Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU) zu Bedenken. Zum Beispiel bei Rindfleisch schlage oft das aus fernen Ländern importierte Kraftfutter negativ zu Buche. "Hier ist es so, dass die Futtermittel mit Abstand die größte Umweltbelastung nachweisen." Die Regel sei das für wirklich regionale Produkte aber nicht. Bauer Eggers zum Beispiel baut sein Futter lieber selbst an.

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