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Fundamentalkritik an WEF - "Das Weltwirtschaftsforum gehört abgeschafft"

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Im heute.de-Interview prangert der Schweizer Soziologe Jean Ziegler das Weltwirtschaftsforum in Davos als "alljährliche Zelebration der neoliberalen Herrschaftsideologie" an.

Techniker sind am 21.01.2018 in Davos mit den Vorbereitungen des Wirtschaftsforums beschäftigt
Techniker sind am 21.01.2018 in Davos mit den Vorbereitungen des Wirtschaftsforums beschäftigt Quelle: dpa

heute.de: Die globale Elite aus Wirtschaft und Politik will in Davos nach eigener Aussage dazu beitragen, die Welt zu verbessern. Sie haben das Weltwirtschaftsforum (WEF) dagegen als "Ball der Vampire" geschmäht. Warum?

Jean Ziegler: Von Davos aus wird es keine Veränderung zum Besseren geben, weil die Herrschaften dort so unglaublich von der weltweiten Ungleichheit profitieren – und das natürlich nicht ändern wollen. Ich sehe kein Handeln gegen die alles beherrschenden Wirtschaftsoligopole, gegen Steueroasen und eine weitverbreitete, pervertierte Steuerpolitik zugunsten der Ultrareichen und Konzerne, die Steuern vermeiden, wo es nur geht.

heute.de: In Davos mehren sich aber die Appelle zum Abbau sozialer Ungleichheit auf der Welt. Davon haben Sie bestimmt gehört, oder?

Ziegler: Das ist doch heiße Luft. Davos war und ist die alljährliche Zelebration der neoliberalen Herrschaftsideologie. Ein Treffen der Finanzoligarchen, die mit ihren mörderischen Praktiken die Ungleichheit in der Welt fördern, Demokratien und Sozialstaaten bedrohen. Damit schaffen sie in den Industriestaaten, vor allem aber in der Dritten Welt, unsägliches Leid und wirtschaftliches Elend bei den ärmsten Schichten der Bevölkerung.

heute.de: Übertreiben Sie nicht?

Ziegler: Nein, das Treffen in Davos ist eine verlogene Veranstaltung. Das Weltwirtschaftsforum gehört sofort abgeschafft!

heute.de: Aber unter den Teilnehmern des Treffens sind auch Vertreter von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Oxfam. Das heißt doch: Kritische Stimmen werden ernst genommen, oder bezweifeln Sie auch das?

Ziegler: Diese Stimmen werden nicht ernst genommen. Das ist reine Dekoration! Es stimmt, dass zum Beispiel die großartige Ökonomin und Oxfam-Leiterin Winnie Byanyima Jahr für Jahr den Herrschaften in Davos ins Gewissen redet. Dass die Ungleichheit wächst. Aber was ist bisher  geschehen? Nichts! Byanyima wiederholt ihr Mantra wie ein griechisches Orakel, vergeblich. Weil die Herren der Welt lieber sich selbst entlasten und staatliche Kontrollen aushöhlen, mit verheerenden Konsequenzen. Der aktuelle Oxfam-Bericht bestätigt das ja.

heute.de: Oxfam prangert darin wachsende Vermögensunterschiede an…

Ziegler: … Der Bericht zeigt eine skandalös ungleiche Verteilung der Güter auf dieser Welt, wo die 42 ultrareichsten Milliardäre so viel Vermögen besitzen wie die 3,7 Milliarden ärmsten Menschen der Welt zusammen. Eine Näherin in Bangladesch verdient in ihrem ganzen Leben so viel wie die Chefs führender Textilunternehmen in nur vier Tagen. Und: Die Dynamik ist negativ.

heute.de: Den Vereinten Nationen zufolge hat sich der Anteil jener Menschen, die in extremer Armut leben, in den vergangenen 20 Jahren aber halbiert. Auch Oxfam erkennt das an …

Ziegler: … Aber wir könnten schon viel weiter sein, wenn wir nicht dem Diktat dieser Raubierkapitalisten unterliegen würden. Nochmal: Das WEF steht nicht für eine Politik zur Verringerung von Ungleichheit und Armut auf der Welt. Die Teilnehmer tun doch das Gegenteil: In den USA mästet Donald Trump mit seiner Steuerreform die Ultrareichen. Auch in Frankreich unter Macron ist die Steuerreform zugunsten der Ultrareichen gemacht worden.

Und in Deutschland geht es bei den Verhandlungen zu einer neuen Regierung auch nicht um einen höheren Spitzensteuersatz oder eine Rückkehr der Vermögenssteuer. Dagegen stagnieren die Reallöhne vieler Menschen. Deutschland ist auch ein 'Ungleichland'. Überall lautet das Mantra: Wir entlasten die Ultrareichen und die Unternehmen, dann investieren die mehr, schaffen mehr Arbeitsplätze und damit Kaufkraft bei den ärmsten Schichten.

heute.de: Stimmt das denn nicht?

Ziegler: Nein, das stimmt nicht. Wenn Ultrareiche noch mehr Geld bekommen, dann spekulieren sie mit dem Geld und schaffen damit neue Ungleichheit. Es fehlt ein Investitionszwang in Projekte, die der Gesellschaft in Gänze zugutekommen. Diese Steuerreformen zeigen, dass die Leute, die in Davos zusammenkommen und die Welt beherrschen, nicht das tun, was sie vorgeben tun zu wollen.

heute.de: Sie klingen zornig und kämpferisch…

Ziegler: … Das sollten wir alle sein angesichts der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit in einer Welt, in der alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger stirbt, in der eine Milliarde Menschen permanent schwerstens unterernährt sind und das Welternährungsprogramm im Jahr 2017 ein Drittel seines Budgets verloren hat, weil die Beiträge vieler Industriestaaten gekappt worden sind, mit dem Argument, die Kassen seien leer. Es wird zu viel gelogen - mit katastrophalen Folgen für die Schwächsten der Welt.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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