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Die 68er in der DDR - "Prag war wichtiger als Dutschke"

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1968 war Prag der Sehnsuchtsort für die DDR-Jugend. Die neue Freiheit dort faszinierte. Ihren Protest gegen das jähe Ende des Prager Frühlings mussten DDR-68er aber teuer bezahlen.

Sowjetische Truppen zerschlugen heute vor 50 Jahren den Traum eines ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘ in der damaligen Tschechoslowakei.

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Auf junge Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee der DDR wirkten die Tage nach dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühlings" wie eine extreme Zerreißprobe. Dauerhaft erhöhte Alarmbereitschaft an der innerdeutschen Grenze, das hieß auch für den damals 19-jährigen NVA-Rekruten Volkmar Seyfarth Dauerstress. An etwas Ruhe war selbst nachts nicht zu denken: "Wir mussten zwei Wochen lang in unseren Kampfanzügen schlafen und haben in der Hitze kaum ein Auge zugemacht", erinnert sich der Lehrer. Die Gewehre hingen griffbereit an den Betten und von der anderen Grenzseite sei Panzerbrummen zu hören gewesen. Nervenkrieg hüben wie drüben.

SED-Regime hatte Angst vor "Konterrevolution" in der DDR

Auslöser der Krise an der Grenze zwischen Ost und West, an der Trennlinie der Machtblöcke von NATO und Warschauer Pakt: In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 hatten die Sowjetarmee und verbündete Truppen aus Polen, Bulgarien und Ungarn mit Waffengewalt begonnen, ein kühnes politisches Experiment in der ehemaligen Tschechoslowakei (CSSR) zu beenden. Der Grund: Die dortige kommunistische Partei unter ihrem neuen Vorsitzenden Alexander Dubcek wollte die Gesellschaft von stalinistischen Fesseln befreien und einen demokratischen Sozialismus wagen – inklusive freier Wahlen, freier Medien und freierer Wirtschaft. Dass die KP der Tschechoslowakei auf ihr Machtmonopol verzichten wollte, löste in Moskau und auch in Ost-Berlin Angst vor einer "Konterrevolution" aus.

Dubcek hatte vom "Problem der mangelnden Freiheit" gesprochen. Da war also einer, der die Verhältnisse aus dem Inneren des Machtapparats heraus grundlegend verändern wollte, und der Funke sprang über auf die Jugend. Wer Menschen in Ostdeutschland heute befragt, die 1968 gerade volljährig oder in ihren Zwanzigern waren, der blickt immer wieder in Gesichter, die sich spontan aufhellen: "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", dieses Ziel Dubceks haben Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR tief verinnerlicht.

DDR-68ern war Prag wichtiger als Dutschke

"In der DDR war Prag wichtiger als Rudi Dutschke", bringt es der Schriftsteller Rolf Schneider auf den Punkt. "Linksradikales Auftreten" und "ideologisches Omnipotenzgehabe" westdeutscher Studenten habe auf die Ost-68er eher befremdlich und "kindisch" gewirkt. Statt nach West-Berlin richtete sich der Blick auf die östlichen Nachbarn, zu denen junge Ostdeutsche im Frühling und Sommer '68 pilgerten, um sich selbst ein Bild von deren neuen Freiheiten zu machen.

"Da hat keiner ein Blatt vor den Mund genommen, das hatte etwas Fröhliches und Unbeschwertes", erinnert sich eine Zeitzeugin. Dazu völlig unzensiert der Sound der Beatles und der Rolling Stones. Zuhause in der DDR hatte sich SED-Chef Walter Ulbricht dagegen über die "Monotonie des jäh, jäh, jäh" derart in Rage geredet, dass das Regime Beat-Musik längst offiziell verboten hatte. Auf Proteste der Jugend in Leipzig reagierte die Staatspartei mit Härte, ließ Demonstranten massenhaft verhaften und steckte mehr als 100 von ihnen für einige Wochen "zur Bewährung" in den Braunkohletagebau. Zudem ließ die SED in den durchweg staatsgelenkten Medien gegen "Rowdytum", "Langhaarige", "Verwahrloste" und "Gammler" agitieren.

Traum vom freieren Leben wird gewaltsam begraben

Zwar lachten viele 68er in der DDR darüber, hörten und schauten "West-Sender" und tauschten munter selbstaufgenommene Mixed-Tapes mit West-Musik. Junge Männer, die ihre Haare weiter demonstrativ lang trugen, flogen in der DDR aber reihenweise aus dem Unterricht oder mussten, wenn sie Pech hatten, sogar demütigende Prozeduren über sich ergehen lassen: wenn Mitschüler auf Geheiß der "Freien Deutschen Jugend" oder Volkspolizisten ihnen die Haare unter Zwang abschnitten.

Zeitzeugen sprechen davon, wie sehr sie sich "etwas mehr Luft zum Atmen" und ein "Leben wie in der CSSR" gewünscht hätten. Mit dem Niederschlagen des Prager Frühlings wurde ihnen aber vor Augen geführt, welche Folgen ein Fordern nach anderen Verhältnissen nach sich ziehen würde. "Das war für viele ein harter Schlag", sagt der damalige NVA-Rekrut Volkmar Seyfarth. "Der Druck von oben war stark, weil sie dort Angst hatten vor einem Flächenbrand."

Lehrlinge, Arbeiter und Studenten protestieren gegen SED-Linie

Die Repression bekamen auch Künstler zu spüren, weil die Staatspartei den Film etwa als einflussreiches und damit gefährliches Medium argwöhnisch beäugte. Hatte es Anfang der 1960er-Jahre noch deutliche Freiräume gegeben, so zog der Zensurapparat 1968 beim Film wie auch im Literatur- und Theaterbetrieb die Notbremse, mit der Folge, dass es nur noch "sehr wenig Bewegungsfreiheit in dieser Zeit" gegeben habe, wie Claus Löser, Kurator der Ausstellung "Die DDR und die 68er" sagt.  

Und dennoch protestierten viele Lehrlinge und Studenten gegen die eigene Regierung, die den Sowjeteinmarsch in der CSSR als Sieg feierte. Die Stasi hielt mehrere Tausend Fälle fest, in denen Jugendliche Flugblätter hergestellt hatten, Dubceks Namen an Häuserwände schrieben oder die CSSR-Flagge darauf malten. Außerdem weigerten sich viele Arbeiter in Betrieben, von der SED vorgefertigte Zustimmungserklärungen zum Einmarsch zu unterschreiben.

Staatssicherheit geht hart gegen "Provokateure" vor

"Angesichts der voll mobilisierten politischen und militärischen Macht des Sowjetblocks ist es nicht verwunderlich, dass die Intervention keine Revolte hervorbrachte, sondern dass angesichts der absehbaren unmittelbar-praktischen Aussichtslosigkeit von Widerstand es überhaupt zu Protesten kam", schreibt der Zeithistoriker Bernd Gehrke.

Die DDR-Staatssicherheit schlug allerdings hart gegen "Provokateure" zu. Viele 68er mussten ihren Protest gegen das gewaltsame Ende des Prager Frühlings mit Verfolgung und Gefängnis bezahlen.

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