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Bürgerrechtler über Russland-Thema - Gewachsene Beziehungen? "Stimmt einfach nicht"

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Der bekannte DDR-Bürgerrechtler Richard Schröder übt scharfe Kritik an den ostdeutschen Ministerpräsidenten. Deren Wahlkampf-Gerede über das Verhältnis zu Russland sei nicht wahr.

Michael Kretschmer und Wladimir Putin
Sucht die Nähe Moskaus: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer traf im Juni auf Russlands Präsidenten Putin.
Quelle: dpa

heute.de: Die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Länder haben Russland als Wahlkampfthema entdeckt. Was halten Sie davon?

Richard Schröder: Es wird da viel erzählt, was nicht stimmt. Es gebe aus DDR-Zeiten ein besonders enges Verhältnis zwischen Ostdeutschen und Sowjetbürgern, wie sie damals genannt wurden: Das stimmt so nicht. Ein Individualtourismus in die Sowjetunion war gar nicht erlaubt. Es gab nur Gruppenreisen und in diesen Gruppen haben dann die SED-Mitglieder sogar noch ein Parteiaktiv (parteiliche Arbeitsgruppe, Anmerkung d. Redaktion) für die Dauer der Reise gebildet. Das war also ziemlich kontrolliert. Und selbst Verwandtenbesuche machten sehr große Schwierigkeiten.

heute.de: Die Regierungschefs verweisen auf die Präsenz der sowjetischen Streitkräfte.

Schröder: Was die sowjetischen Soldaten in der DDR betraf: Denen war es ja verboten, Kontakt mit der Bevölkerung zu unterhalten. Die einfachen Soldaten durften die Kaserne nur in Gruppen verlassen. Sie sind nicht gehasst worden, sondern eher bedauert. Und Offiziere, die freundschaftliche Verbindung zu einer einheimischen Familie aufgenommen haben, wurden umgehend in die Sowjetunion zurückbeordert. Ich habe selbst so einen Fall erlebt.

heute.de: Aber vor allem die Ministerpräsidenten Kretschmer, Ramelow und Schwesig wiederholen doch ständig, dass die Beziehungen zur Sowjetunion so eng waren und fordern, dass sie deshalb jetzt auch zu Russland wieder enger werden müssten. Ist das eine Mär?

Man könnte sagen, die Westdeutschen haben durch ihre Geschichte ein enges Verhältnis zu Amerika. Man kann aber nicht sagen, dass die DDR-Bürger ein ebenso enges Verhältnis zur Sowjetunion gehabt hätten. Das ist gemogelt.

Schröder: Es stimmt einfach nicht. Die Beziehungen waren eben die, ich sag jetzt mal salopp, zur Kolonialmacht. Das einzige, das man vielleicht sagen könnte: Es gab in der DDR einen ziemlich starken Antiamerikanismus. Man könnte sagen, die Westdeutschen haben durch ihre Geschichte ein enges Verhältnis zu Amerika. Man kann aber nicht sagen, dass die DDR-Bürger ein ebenso enges Verhältnis zur Sowjetunion gehabt hätten. Das ist gemogelt.

heute.de: Die ostdeutschen Ministerpräsidenten verlangen, die Sanktionen gegen Russland zu beenden, weil die ostdeutsche Wirtschaft darunter besonders stark leide. Wie bewerten Sie diese Forderung?

Schröder: Ich muss mich wundern, weil auch das auf die Tatsachen bezogen, nicht stimmt. Soweit ich informiert bin, betreffen die Exportschwierigkeiten nach Russland, die auf Sanktionen beruhen, nur einen sehr kleinen Teil der ostdeutschen Wirtschaft. Die traditionellen Verbindungen zu den russischen Unternehmen sind vor allem durch die Zahlungsunfähigkeit abgebrochen, in die Russland in den 90er Jahren geraten ist. Da hieß es, wir brauchen eure Eisenbahnwaggons, aber wir können sie nicht mehr bezahlen. Da wurde dann zum Beispiel in Ammendorf das Werk geschlossen. Durch den Fall der Sanktionen würde in Ostdeutschland kein wirtschaftlicher Aufschwung ausgelöst werden. Das ist alles heiße Luft.

Durch den Fall der Sanktionen würde in Ostdeutschland kein wirtschaftlicher Aufschwung ausgelöst werden. Das ist alles heiße Luft.

heute.de: Aber Kreml-freundliche Haltungen gibt es auch im Westen, da müssen wir nur an Gerhard Schröder denken.

Schröder: Gerhard Schröder sagt, die Krim habe schon immer zu Russland gehört. Da soll er mal aufpassen, dass nicht jemand sagt, Königsberg hat auch schon immer zu Deutschland gehört. Mal abgesehen davon, dass da ein Krieg verloren wurde: Mit diesem Argument kannst du doch fast alles rechtfertigen.

heute.de: Wie erklären Sie sich, dass für die meisten westdeutschen Ministerpräsidenten ein Ende der Russland-Sanktionen kein Thema ist?

Schröder: Tatsache ist, dass die ostdeutsche Wirtschaft beim Export in westeuropäische Länder schwächer ist als die westdeutsche Wirtschaft. Das hatte auch mal einen gewissen Vorteil, denn von der weltweiten Wirtschaftskrise war der Osten nicht so sehr betroffen. Also diese Asymmetrie gibt es. Aber wissen Sie, wenn das so ist, dann soll man das sagen und nicht mit Argumenten kommen, die erstens nicht stimmen und die zweitens nicht dazugehören.

Das Interview führte Andreas Kynast - auf Twitter: @andikynast

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