Sie sind hier:

Vor der Europawahl - Spitzenkandidaten warnen vor Abkehr von Europa

Datum:

Debatte vor der Europawahl - die sechs größten Fraktionen haben ihre Spitzenkandidaten geschickt. Gestritten haben sie über die Zukunft Europas, Klimaschutz und Migration.

Es war die einzige Europawahl-Debatte, zu der die sechs größten Fraktionen im EU-Parlament ihre Topleute schickten. Eineinhalb Stunden hatten sie, um die Zuschauer von sich zu überzeugen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Es war die einzige Europawahl-Debatte, in der die Top-Kandidaten der sechs größten Fraktionen im EU-Parlament aufeinandertrafen. Eineinhalb Stunden hatten sie, um die Zuschauer von sich zu überzeugen. Mehrere Kandidaten warnten dabei am Mittwochabend in Brüssel davor, sich bei der Wahl zu enthalten. "Wenn sie nicht wählen, wird jemand anderes ihre Stimme übernehmen", sagte der Sozialdemokrat Frans Timmermans. "Wählen ist Macht", sagte die Liberale Margrethe Vestager. "Gehen Sie wählen, sonst werden das andere Leute nutzen."

Der konservative Spitzenkandidat Manfred Weber (CSU) warb in der Debatte für Optimismus in Sachen Europa. Er wolle nach der Wahl eine EU-Kommission "eines Neuanfangs, einer neuen Ära", die Europa näher an die Bürger bringe. In der Außenpolitik sprach er sich für eine Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips aus. Sonst könne Europa nicht schnell genug reagieren und seine Rolle in der Welt wahrnehmen.

Grüne fordert "anderes Europa"

Der in Spanien geborene und in Belgien lebende Linkspolitiker Nico Cué verteidigte ein soziales und solidarisches Europa. Einwanderung sei dabei auch "eine Chance", sagte der Gewerkschafter. Es sei falsch zu sagen, "dass es eine Invasion in Europa" gebe. Gleichzeitig brauche Europa aber eine wirksame Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Arbeitslosigkeit bekämpfe und nicht ständig den Sparkurs verschärfe.

Die grüne Kandidatin Ska Keller sagte, sie wolle "ein anderes Europa", das "unseren Planeten schützt". Hier müssten die Europäer dringend gemeinsam handeln. Timmermans, der nach der Wahl eine "progressive Allianz" gegen Webers Konservative schmieden will, bot den Grünen und den Linken an, in den nächsten fünf Jahren zusammenzuarbeiten und den Klimaschutz "an die höchste Stelle unsere Agenda" zu setzen.

Deutlich weniger Europa forderte der Tscheche Jan Zahradil, der für die Allianz der Konservativen und Reformer in Europa (Akre) antritt. Europa sei "kein Staat" und müsse "zurückgefahren" und dezentralisiert werden. Er wolle aus Brüssel keine Bevormundung oder Belehrungen, sondern "ein neues Gleichgewicht zwischen nationaler Ebene und europäischer Ebene".

Streit um Klimaschutz

Der Kampf für den Klimaschutz sorgte für Zündstoff in der Debatte. Während Grüne und Sozialdemokraten einen deutlich stärkeren Einsatz gegen den Klimawandel forderten, warnte der Konservative Manfred Weber vor Jobverlusten. Im Ziel, dass die EU bis 2050 klimaneutral werden müsse, stimme er mit den anderen Parteien überein, sein Weg sei jedoch ein anderer. "Ich glaube an Innovation", sagte Weber, der EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Amt folgen möchte.

Timmermans von den Sozialdemokraten hielt dagegen: "Ich bin die Ausreden leid." Er forderte, eine Steuer auf Flugbenzin und eine CO2-Steuer für alle Unternehmen. Weber lehnt die verpflichtende Abgabe auf den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid hingegen ab. Seiner Ansicht nach müsste die EU den Rest der Welt davon überzeugen, mehr für den Klimaschutz zu tun. Ska Keller von den Grünen warf dem CSU-Politiker vor, seine Parteiengruppe habe im Parlament so gut wie immer gegen besseren Klimaschutz gestimmt.

Engeres Verhältnis zu Afrika soll Migration verhindern

Zur Vermeidung von Migration von Afrika nach Europa sprachen Weber und Timmermans sich für einen ähnlichen Ansatz aus: ein deutlich engeres Verhältnis zum Nachbarkontinent. Es brauche einen umfassenden Plan für Afrika, sagte Timmermans. So könne verhindert werden, dass Menschen sich auf den Weg nach Europa machten.

Zugleich müssten alle EU-Staaten sich bei der Verteilung von Asylbewerbern solidarisch zeigen. "Solidarität ist nicht nur für Dinge, die man gut findet", sagte Timmermans. Weber verwies darauf, dass die EU möglichst schnell 10.000 Grenzschützer brauche. Als Präsident der EU-Kommission werde er einen Kommissar einsetzen, der nur für Afrika zuständig sei.

Die Grünen-Spitzenkandidatin Keller forderte wie Timmermans, dass alle EU-Staaten sich bei der Verteilung von Flüchtlingen solidarisch zeigen müssten. Auch die Liberale Margrethe Vestager sprach sich für ein gemeinsames Asylsystem aus. Die EU müsse gemeinsam handeln - oder werde scheitern. Jan Zahradil von den Liberal-Konservativen Reformern lehnte diesen Ansatz hingegen ab.

Selbstbewussteres Auftreten gegenüber Trump

Die sechs Kandidaten stritten auch teils heftig über die Spar-, die Sozial, die Steuer- und die Freihandelspolitik. Weitgehend einig waren sie sich über ein entschiedeneres Auftreten gegenüber der Politik von US-Präsident Donald Trump. "Es gibt Raum für ein selbstbewussteres Europa", sagte Vestager. "Und vielleicht auch für ein etwas durchsetzungsstärkeres."

Mehr als 400 Millionen Europäer können nächste Woche von Donnerstag bis Sonntag das neue Europaparlament wählen. In Deutschland ist der Wahltag am Sonntag, 26. Mai. Unmittelbar danach dürften die Verhandlungen um die Topjobs in der EU beginnen. Die Staats- und Regierungschefs der EU haben ein Vorschlagsrecht, müssen aber das Ergebnis der Wahl berücksichtigen.

Die komplette Debatte der sechs EU-Spitzenkandidaten:

Sechs Kandidaten bewerben sich für den Posten des neuen EU-Kommissionspräsidenten. Verfolgen Sie die komplette Debatte im EU-Parlament in Brüssel auf Deutsch.

Beitragslänge:
90 min
Datum:

Die EU-Spitzenkandidaten im Porträt

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.