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Fehlendes Vertrauen in Parteien - Jung, bequem und politikverdrossen

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Das Brexit-Votum und die Präsidentenwahl in den USA haben wieder einmal gezeigt: Junge Menschen gehen seltener zur Wahl als ältere. Vielen jungen Erwachsenen fehlt schlichtweg die Nähe und das Vertrauen in die Politik. Doch woher kommt das Misstrauen?

Samstagvormittag, Fußgängerzone, Rosen, Kugelschreiber und Luftballons. So sieht Wahlkampf ganz klassisch aus - doch heute läuft vieles auch im Netz. Denn dort trifft man auf diejenigen, die für die Parteien besonders wichtig sind: Junge Leute und …

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"Guten Abend zu den heute-Nachrichten …" - für Millionen Deutsche gehört dieser Satz zum Alltag. Aber nicht für David Mayer, der seinen echten Namen hier lieber nicht lesen möchte. Er befürchtet Nachteile bei seinem Studium und später bei der Jobsuche. Der 27-jährige Student möchte sich nämlich nicht informieren. Auch nicht per Smartphone oder im Internet. "In den Nachrichten geht es meist nur um Politik", beklagt er sich. Und Politik habe nichts mit seiner Lebensrealität zu tun.

Was Mayer fehlt, ist das Vertrauen in politische Institutionen. Damit ist er in seiner Altersgruppe nicht allein: Europaweit haben gut sieben von zehn jungen Erwachsenen das Vertrauen in die Politik verloren. Das ergab die Studie "Generation What", an der auch das ZDF beteiligt war. Lediglich ein Prozent der Befragten zwischen 18 und 34 Jahren vertraut "der Politik" völlig.

Das Misstrauen in die Politik kann Sozialforscher Klaus Hurrelmann bestätigen: "Derzeit haben wir eine Schwächeperiode des Vertrauens, die sich möglicherweise bei den jüngsten Befragten wieder abbaut." Hurrelmann wertet regelmäßig die Shell-Jugendstudieaus, die seit 1953 untersucht, unter welchen politischen und sozialen Bedingungen Jugendliche aufwachsen. Die Generation Z, "junge Menschen, die zwischen 2000 und 2015 groß geworden sind", sei geprägt durch politische, ökologische, aber vor allem ökonomische Krisen, sagt der Sozialforscher. Auch eine hohe Arbeitslosigkeit falle in diesen Zeitraum. "Sorgen um die eigene Existenz, die Ausbildung und seinen Platz in der Gesellschaft machen unpolitisch", erklärt Klaus Hurrelmann.

Bequeme Demokraten

Auch etwas mehr als zwei Drittel der für die "Generation What"-Studie Befragten (im Alter von 18 bis 34 Jahren) beklagen, dass ihnen die Gesellschaft nicht die Möglichkeit gebe, zu zeigen, was wirklich in ihnen stecke. Viele haben den Eindruck, dass es nicht in ihrer Macht liege, was in ihrem Leben passiere. Außerdem nehmen neun von zehn Befragten wahr, dass die soziale Ungerechtigkeit wachse. Das spiegele sich auch im Interesse für politische Themen in dieser Generation wieder. "Wenn sie sich beteiligen, dann geht es ihnen um elementare und existenzielle Gestaltungsfragen des Lebens", sagt Sozialforscher Hurrelmann.

Junge Menschen seien zwar Demokraten, aber eben sehr bequeme Demokraten. Sie würden sich nur ungern in die Rituale mit einklinken, die zu einer repräsentativen Demokratie gehören. Außerdem können sie laut Hurrelmann nicht viel mit den Parteien anfangen: "Der parlamentarische Apparat wirkt auf sie sehr mühselig, behäbig und bürokratisch. Für Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind, ist das nicht nachvollziehbar".

Der 27-jährige David Mayer ist mit der Schnelllebigkeit des Internets aufgewachsen. Auf Twitter und Facebook beteiligt er sich an Debatten und Diskussionen. Dort könne er seine Meinung direkt einbringen: "Man sieht dort, wie andere das Thema kommentieren und genauso nehmen andere auch meine Meinung wahr." Diese direkte Interaktion fehle ihm in der Politik: "Wenn ich mein Kreuz bei einer der Parteien oder Kandidaten setze, habe ich nicht den Eindruck, dass ich dadurch viel beeinflussen kann".

Jugendquote und Zuschüsse für junge Parteimitglieder

Hurrelmann sieht die Verantwortung für das fehlende Verständnis von politischen Ritualen auch bei den Parteien: "Die junge Generation ist nicht anti-demokratisch, aber ihnen gefällt die heutige demokratische Realität nicht." Es sei jetzt die Aufgabe der Parteien, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie einzubinden.

Doch für viele junge Leute kommt eine Parteimitgliedschaft nicht in Frage. Sie seien sehr auf Effizienz aus. "Wenn sie sich irgendwo engagieren, dann möchten sie auch, dass das etwas bringt", sagt Hurrelmann. Zum Beispiel könnten Parteien lehren zu debattieren oder Position besser zu verstehen. Einige Ansätze hätten Parteien schon verfolgt, aber es sei noch kein richtiger Druck dahinter. "Parteien bräuchten eine Jugendquote oder erhöhte Zuschüsse, wenn sie für junge Mitglieder werben und probieren, die demografische Gesellschaft abzubilden."

David Mayer ist sich seiner Verantwortung trotz allen Misstrauens bewusst. Deshalb wird er auch bei der Bundestagswahl im September wählen gehen: "Ich klicke mich davor einmal durch den Wahl-O-Mat". Das reicht ihm dann aber auch schon an Informationen über die Wahlprogramme der Parteien.

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