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Bundestagswahlkampf - "Die Themen der Jugend spielen keine Rolle"

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Die Wahlbeteiligung ist bei jungen Menschen am geringsten - seit Jahrzehnten. Ein möglicher Grund: eine Politik, die sich nie wirklich für junge Wähler und ihre Themen interessierte. Jugendforscher Mathias Albert sieht dieses Problem auch im aktuellen Wahlkampf.

Felix Geiger wird Metzger. Am 24. September darf er zum ersten Mal wählen. Was bewegt den jungen Mann, was erwartet er von Politikern?

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In Sachen Wahlbeteiligung markierte die Bundestagswahl 2009 einen historischen Tiefpunkt. Nur 71,4 Prozent der Wahlberechtigten setzten ihre Kreuze. Vier Jahre später sah es kaum besser aus: 72,4 Prozent gingen 2013 wählen. Mit kaum mehr als 60 Prozent Wahlbeteiligung besonders abwesend: Wahlberechtigte unter 30 Jahren. Aber warum?

Grundsätzlich haben Nichtwähler aller Altersgruppen verschiedene Motive. Manche glauben, dass es Politikern ohnehin nur um ihre eigene Karriere geht. Andere fühlen sich von der Politik vernachlässigt. Sie haben den Eindruck, dass Politiker nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen - und allgemein kein Ohr für die Sorgen der kleinen Leute haben. Nachzulesen unter anderem bei der Konrad-Adenauer- und der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Versäumnisse der Politik

Liegt da also das Problem? Versäumt es die Politik, gezielt die Sorgen und Themen der Jugend anzusprechen? Für Jugendforscher Mathias Albert ist das so. Der Bielefelder Professor, der maßgeblich an der Shell-Jugendstudie mitarbeitet, sagt zwar, dass der Wahlkampf momentan grundsätzlich kaum wahrgenommen werde - "weder bei Jugendlichen noch in der Gesamtbevölkerung". Aber er sagt auch: "Jugendbezogene Themen spielen im Wahlkampf praktisch keine Rolle."

Beispiel Schule, Beispiel Bildungswesen: Bei den unter 29-Jährigen sehen zwölf Prozent das Themenfeld als eines der momentan zwei wichtigsten Probleme Deutschlands. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen hervor. Nur die Integration der Ausländer nehmen die Befragten der Altersgruppe als wichtiger war (42 Prozent). Bildung also - ein Thema, das Wahlen gewinnt?

Für die großen Parteien offenbar nicht. Zwar ist Bildungspolitik in erster Linie Ländersache, und damit nicht per se ein Thema für die Bundestagswahl. In den Wahlprogrammen der Parteien taucht das Bildungsthema aber durchaus auf - allerdings meist nur in abstrakten Forderungen wie "mehr Geld für Bildung", wie Albert bemängelt. "Es gibt, glaube ich, keine Partei, die das nicht fordert", sagt Albert. Doch bei solchen Allgemeinplätzen könne man "schlecht davon sprechen, dass insbesondere die Jugendlichen angesprochen werden". Junge Wähler würden da wie der Rest der Bevölkerung behandelt.

Jugend und Politik reden aneinander vorbei

Die Bildungsproblematik ist dabei kein Einzelfall. Bei den Themen der Jugend schläft die Politik; bei den Themen der Politik schaltet die Jugend ab. Ein wiederkehrendes Muster, wenn Albert die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen analysiert - und das sich immer wieder auf eine Eigenschaft zurückführen lässt: die positive Lebenseinstellung der jungen Erwachsenen.

"Jugendliche blicken insgesamt relativ positiv in die Zukunft", sagt Albert. "Trotz aller Ängste schauen sie unbekümmert nach vorne und freuen sich auf die vielfältigen Möglichkeiten, ihr weiteres Leben zu gestalten." Themen, die weiter weg seien - Steuern, Renten - rückten da einfach aus dem Blickfeld, sagt Albert.

Tatsächlich spielen diese Themen bei den unter 29-Jährigen nur eine untergeordnete Rolle. Nur acht Prozent der Befragten halten etwa die Altersvorsorge für eines der zwei wichtigsten Probleme Deutschlands. Bei den 50- bis 69-Jährigen sind es satte 19 Prozent. Ähnlich gering ist das Interesse der Jungen an Sicherheitsthemen: Lediglich fünf Prozent halten Terror und Kriege für die wichtigsten Probleme (im Schnitt aller Altersgruppen zehn Prozent), nur zwei Prozent das Themenfeld Ruhe, Ordnung, Kriminalität und Polizei (im Schnitt aller Altersgruppen sieben Prozent). "Ein Ausdruck der Unbekümmertheit", sagt Albert.

Die Politik aber macht mit genau diesen Themen Wahlkampf. Steuerversprechen, Rentenreformen, mehr Polizisten, mehr Sicherheit - die Themen der gesellschaftlich Etablierten eben, die am 24. September vermutlich wieder einmal die höchste Wahlbeteiligung haben werden.

Hohe Politikverdrossenheit

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber noch eine andere Zahl der Forschungsgruppe Wahlen. Obwohl die Politik kaum auf die Themen der Jugend eingeht, haben die unter 29-Jährigen noch am ehesten das Gefühl, dass die Politik sich um die Belange der Bürger kümmert. Zwar haben auch hier nur 35 Prozent das Gefühl, dass die Politik sich stark kümmert. Doch im Vergleich zu anderen Altersgruppen sind diese 35 Prozent ein starker Wert: Bei den 60- bis 69-Jährigen finden beispielsweise nur 18 Prozent der Befragten, dass die Politik die Interessen der Bürger vertrete. Insgesamt sind es 24 Prozent.

Für Albert ist diese Zahl aber keineswegs ein Widerspruch. "Zunächst einmal geht es bei dieser Zahl ja nicht darum, ob die Politik sich um die eigenen Belange kümmert." Da, glaubt Albert, wäre das Ergebnis bei der Jugend deutlich schlechter ausgefallen. "Was wir sehen, ist nur, dass jüngere Menschen noch eher optimistisch sind, dass Politik etwas bewegen kann", sagt er. Zumal dieser Optimismus kein Grund zum Jubeln für Politiker sei. "Wenn 35 Prozent glauben, dass die Politik sich kümmere, heißt das im Umkehrschluss, dass zwei Drittel sagen: 'Die Politik kümmert sich nicht'." Und das, sagt Albert, sei dann doch ein Indiz "einer ziemlich hohen Politikverdrossenheit".

Folgen Sie heute.de-Redakteur Kevin Schubert auf Twitter: @waskevinsagt

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