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Wahlmüdigkeit - Lieber Diktatur statt Demokratie?

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Um das Vertrauen in die Politik und das Demokratieverständnis von Jugendlichen ist es nicht gut bestellt. Das belegen aktuelle Studien. Das Verstehen politischer Prozesse kann dem Trend aber entgegenwirken.

Kompetenztests für Wähler?

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Am 24. September wird über den nächsten Bundestag abgestimmt. Dann dürfen auch 9,4 Millionen Wahlberechtigte unter 30 Jahren ihr Kreuzchen auf dem Stimmzettel machen - drei Millionen davon sind Erstwähler. Doch nicht alle jungen Wähler sind an demokratischer Meinungsbildung interessiert.

Laut der europäischen Jugendstudie 2017 haben 27 Prozent der Befragten keinerlei Vertrauen in die Politik. Eine im Journal of Democracy 2016 veröffentlichte Studie zeichnet ein noch düsteres Bild: Laut dieser ist es nur noch für knapp 45 Prozent der nach 1980 geborenen Europäer wichtig, in einer Demokratie zu leben.

Parteien gehen nicht mit der Zeit

Dabei könnten sich unter 30-Jährige durchaus für Demokratie interessieren, wenn sie mehr Bezugspunkte hätten, ist der stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Union Hessen, Martin-Benedikt Schäfer, überzeugt. "Ich glaube, wenn man sich Politik vor Ort anschaut, kann man durchaus Vertrauen gewinnen", sagt Schäfer. Was fehlte, seien offenbar Vorbilder: Würden Jugendliche Idole in ihrem Alter kennen, die Politik machten, würden die Ergebnisse dieser Studien Schäfers Meinung nach anders ausfallen.

Lino Leudesdorff, Sprecher der Jusos Frankfurt, sieht die Schuld an der Demokratieverdrossenheit zum Teil auch im Parteiensystem: "Die Parteien sind eigentlich ein System, das sich in seiner jetzigen Form in den 50er, 60er Jahren erschaffen, und sich in seinen Strukturen den Bedürfnissen von jungen Menschen nicht angepasst hat." Hier gebe es Nachholbedarf. In einem sind sich Leudesdorff und Schäfer von der Jungen Union aber einig: "Auf Lokaler Ebene" könne man viel kompensieren. Denn hier würden Ergebnisse schneller sichtbar und die Möglichkeiten der Demokratie spürbar.

Doch Leudesdorff beklagt auch, dass "bei vielen Jugendlichen nur ein rudimentäres Wissen über unser politisches System vorhanden ist". Sie hätten an politischen Vorgängen kein Interesse. Das Journal of Democracy untermauert diese Aussage: 38 Prozent der 16- bis 35-jährigen Europäer sind demnach nicht an Politik interessiert.

Nicht alle vertrauen auf Demokratie

Dabei steigt das Verständnis für etwas, wenn man sich selbst damit beschäftigt - was sich dann wiederum auf die Motivation auswirkt. Es sei ein tolles Gefühl, sehen zu können, dass die eigenen Ideen auch umgesetzt würden, berichtet Schäfer.

Laut dem Journal of Democracy sind etwa 13 Prozent der 16- bis 24-jährigen Europäer der Überzeugung, dass ein demokratisches System ein schlechter Weg sei, ein Land zu führen. Das sind Ansichten, die womöglich auch Donald Trump dabei geholfen haben, Präsident zu werden.

"Ich bin sehr besorgt darüber, wie wenig Respekt Trump gegenüber der Demokratie zeigt", sagte US-Politiker Bernie Sanders während einer Podiumsdiskussion an der Freien Universität Berlin. Er sei empört "von einer Politik, die das Land spaltet und Menschen nach Hautfarbe und religiöser Überzeugung aufteilen will". Denn die Aufgabe eines demokratischen Staatsoberhaupts sei es, Menschen zusammenzubringen, nicht zu spalten: "Der derzeitige Präsident scheint sich unter Autokraten am Wohlsten zu fühlen."

Der Wert charismatischer Kandidaten

Kann Personenkult also demokratische Prozesse überstrahlen? In Deutschland konnte man im Frühjahr ein vergleichbares Phänomen beobachten. Während es im gesamten Jahr 2016 bei den Jusos Frankfurt 150 Neuanmeldungen gab, waren es von Januar bis Mai 2017 schon 100 neue Mitglieder, teilte der Ortsverband auf Anfrage mit - der Schulz-Effekt. "100 Neuanmeldungen bei 800 Mitgliedern sind schon eine ganze Menge", sagt Leudesdorff.

Wie wichtig sind also charismatische Kandidaten? "Extrem wichtig", ist sich Leudesdorff sicher. Die SPD brauche diese schon beinahe traditionell, vor allem wegen der jungen Anhängerschaft. Er halte es für wichtig, dass Kandidaten eine gewisse Anziehungskraft hätten. Das sei jedoch auch kritisch. Demokratie sollte sich auf Parteien stützen.

Auch Schäfer sagt, die Persönlichkeit der Kandidaten und deren Aussagen werde immer wichtiger: Die Wahlprogramme rückten immer mehr in den Hintergrund. Das sei schade, aber der Kandidat sei dafür verantwortlich, das Wahlprogramm zu repräsentieren.

Die Vertreter von Jusos und Junger Union sind sich in einem Punkt einig: In Deutschland sind die Inhalte noch immer sehr wichtig. "Das sieht man nun bei Schulz", sagt Leudesdorff. Alle wollten im Frühsommer etwas über die Inhalte wissen. Doch die hielt die SPD vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen zurück - und Schulz stürzte in den Umfragen ab. "Das Verlassen auf diesen Hype hat nichts gebracht."

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