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Von der Straße ins Netz - Wie die sozialen Medien den Wahlkampf verändern

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Die Bundestagswahl naht - und die Parteien wappnen sich für einen Kampf um Wählerstimmen im Netz. Denn längst spielt sich der Stimmenfang nicht mehr nur auf der Straße ab. Aber wie sehen die Online-Strategien der Parteien aus? Und: Wo lauern die Gefahren im digitalen Wahlkampf?

Samstagvormittag, Fußgängerzone, Rosen, Kugelschreiber und Luftballons. So sieht Wahlkampf ganz klassisch aus - doch heute läuft vieles auch im Netz. Denn dort trifft man auf diejenigen, die für die Parteien besonders wichtig sind: Junge Leute und …

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Es ist der erste Morgen des Bundesparteitages der FDP im April: Schon auf dem Weg zur Veranstaltung legt Nils Droste sein Handy nicht aus der Hand. Für Instagram-Stories dokumentiert der Wahlkampfmanager seine Anfahrt. Als er auf dem Gelände ankommt, dreht er ein 360-Grad-Video. Dann betritt Droste die volle Halle des Parteitags, schießt ein Foto der Menge, legt schnell einen Filter über das Bild und lädt es hoch. Als FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner unter tosendem Beifall seiner Parteikollegen die Bühne betritt, wird es hektisch. Die Rede soll live auf Facebook gestreamt werden.

Wähler in sozialen Medien ansprechen

Dass der Wahlsieg nicht mehr nur auf der Straße entschieden wird, zeigt die Online-Strategie der FDP zur Bundestagswahl 2017. Die Wähler, vor allem die jungen, sind im Netz - auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und YouTube. Das haben nicht nur die Freien Demokraten erkannt: CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke und AfD - sie alle investieren in den Stimmenfang im Netz. Und dabei gilt: je mehr Aufrufe, Likes und Retweets, desto besser.

Der Online-Wahlkampf hat für die Freien Demokraten einen besonders hohen Stellenwert, sagt Droste. Vorrangiges Wahlkampfinstrument sei das regelmäßige Schalten von Werbung auf Facebook - "weil damit eine Vielzahl von Menschen erreicht werden kann". Dabei verwende die FDP nur aggregierte - also zusammengefasste - und anonymisierte Daten zur Ansprache der Nutzer.

Online- und Offline-Wahlkampf verschmelzen

"Wir leben im Jahr 2017. On- und Offline-Welt sind so stark miteinander verschmolzen, dass es gar keinen Unterschied zwischen digitalem und klassischem Wahlkampf gibt", sagt Politikberater Martin Fuchs. Das zeigen auch die Zahlen: Mehr als 80 Prozent der Deutschen bewegen sich im Netz. Davon greifen über 60 Prozent der unter 30-jährigen Internetnutzer täglich auch mobil auf digitale Inhalte zu. Das beliebteste soziale Netzwerk der Deutschen ist Facebook. Fast jeder Fünfte (22 Prozent) ist hier täglich online.

Fuchs beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Online-Wahlkampfstrategien der Parteien. Einen erfolgreichen Wahlkampf mache laut Fuchs eine Kombination von sowohl digitalen als auch klassischen Strategien aus. Das bedeutet: "Online versuchen, Leute offline zu mobilisieren - beispielsweise auf Facebook zu einer Demonstration aufzurufen. Oder andersherum: Bei Hausbesuchen auf die Online-Präsenz der Partei aufmerksam machen."

Professionalisierung im Netz seit der Bundestagswahl 2013

Fuchs rät den Parteien, genau zu definieren, welche Wähler sie auf welchen Kanälen erreichen wollen. Er räumt zugleich ein: "Die Parteien haben aber seit der letzten Bundestagswahl viel dazugelernt." Vor allem habe sich ein hohes Maß an Professionalisierung im Online-Wahlkampf durchgesetzt.

Durch den Wissenszuwachs setzen Parteien seiner Beobachtung nach auf mehr Mitarbeiter im Wahlkampfteam, buchen zur Unterstützung Agenturen und investieren mehr Geld in den Wahlkampf im Netz. "Außerdem wird die Netzkultur verstanden und auch genutzt", sagt Fuchs. Parteien nähmen nun Kritik im Netz an - und bänden diese in ihre Strategie ein.

Die Linke setzt auf eine junge Zielgruppe im Netz

Auch für die Linke wird sich ein großer Teil des Wahlkampfes zur Bundestagswahl im Netz abspielen - vor allem, um mit den Wählern zu interagieren. "Social Media bietet uns die Möglichkeit, direkt mit unseren Wählern und Wählerinnen ins Gespräch zu kommen", sagt Thomas Lohmeier, Wahlkampfmanager der Linken. In den Social-Media-Kanälen will seine Partei "verstärkt Themen aufgreifen, die jüngere Menschen interessieren."

Dabei setzt die Linke auf mehrere Social Media-Kanäle: "Im heißen Wahlkampf werden wir auch die Instagram-Stories benutzen", erklärt Lohmeier. Hier sollen dann, wie auf Snapchat, Hintergrundberichte und Behind-the-Scenes-Eindrücke ausgespielt werden. Faktenlastigere Inhalte werden bei Twitter und Facebook veröffentlicht.

Um die Wählerschaft auf Facebook zu erreichen, sind bei der Linken heute neun Mitarbeiter für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig - mit einem Wahlkampfbudget im sechsstelligen Bereich. Das Geld fließe aber nicht in den Einsatz von Social Bots. "Bei uns reden Menschen mit Menschen und nicht mit Algorithmen", so Lohmeier.

Wenig Einflussnahme durch Social Bots

Politikberater und Blogger Martin Fuchs prophezeit aber: "Wir werden Social Bots sehen. Sie werden aber nicht von Parteien eingesetzt werden, sondern von Unterstützergruppen." Obwohl sich alle Parteien gegen die Verwendung von Social Bots ausgesprochen haben, glaubt Fuchs, dass sie trotzdem in dem diesjährigen Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen. Denn nicht zuletzt seit der Verwendung im US-Wahlkampf werden Social Bots auch im Zuge des deutschen Bundestagswahlkampfes gefürchtet.

"Einen positiven Blick in die Zukunft kann ich wagen: Die Social Bots werden keinen Einfluss auf das Wahlergebnis der Bundestagswahl haben", sagt Fuchs. Journalisten, Politiker und auch Wähler seien zunehmend auf die computergesteuerte Meinungsmache im Netz sensibilisiert. Außerdem seien die Social Bots vorrangig auf Twitter aktiv: "Hier bewegen sich viele Kommunikations-Spezialisten, die das Phänomen einordnen können", erläutert der Politikberater. Grundlegend gebe es aktuell keinen direkten Zusammenhang zwischen manipulierten Tweets und Trends - doch im Hinblick auf die Bundestagswahl 2021 könnte sich laut Fuchs das Blatt wenden, denn: "Social Bots werden immer schlauer."

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