Sie sind hier:

Rebellen-Enklave vor Katastrophe - Assad nimmt Idlib ins Visier

Datum:

Wieder ist die syrische Provinz Idlib Schauplatz blutiger Kämpfe. Mit Bombardierungen und Luftangriffen dringen syrische Regierungstruppen in die Rebellen-Enklave vor.

Die Stadt im Norden Syriens zeichnet sich als neuer Brennpunkt im Konflikt zwischen den Truppen Präsident Assads und den sogenannten Rebellen ab. Die Kämpfe nehmen an Heftigkeit zu. Für die drei Millionen Zivilisten wird die Lage zunehmend dramatisch.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Mindestens 80 Tote und mehr als 300 Verletzte: Das ist die blutige Bilanz der jüngsten syrischen Angriffe in der Provinz Idlib. Nach acht Monaten Bürgerkrieg steht die Rebellen-Enklave vor einer neuen Katastrophe. Die Gewalt der vergangenen Tage droht das ohnehin brüchige Abkommen zur Waffenruhe vom September 2018 endgültig zunichte zu machen. Mit dem zwischen der Türkei und Russland in Sotschi ausgehandelten Vertrag konnte ein drohender Angriff des syrischen Regimes zur Rückeroberung der Provinz abgewendet werden. "Was Idlib angeht, gibt es keine guten Optionen", erklärte die Brüsseler International Crisis Group schon im März in einer Analyse. Die Provinz ist eine der letzten Regionen in dem Bürgerkriegsland außerhalb der Kontrolle von Präsident Baschar al-Assad - und die letzte in der Hand der Rebellen. Assad kündigte an, Idlib und alle anderen im Krieg verlorenen Gebiete zurückerobern zu wollen. Ein Blick auf die Region und die Kämpfe dort:

Warum ist Idlib wichtig für Assad?

Für Assad stellt Idlib ein Hindernis für einen endgültigen Sieg gegen die bewaffnete Opposition dar. Nach acht Jahren Krieg hat er den Volksaufstand weitgehend zerschlagen, der 2011 aus Protest gegen die jahrzehntelange Herrschaft seiner Familie begonnen hatte. Vorbild der Demonstranten waren die Proteste des Arabischen Frühlings, der die Region in jenem Jahr erfasst hatte. Eine Rückeroberung der Provinz an der Grenze zur Türkei wäre der finale Triumph über die oppositionellen Kräfte, die einst das halbe Land kontrollierten und Assads Macht in Damaskus bedrohten.

Doch nicht nur für Assad hat das Gebiet große Bedeutung. Die angrenzende Türkei hat lange Zeit die Rebellen im benachbarten Idlib logistisch und politisch unterstützt. Im Falle einer Großoffensive dort befürchtet das Land, das bereits drei Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, einen weiteren Zustrom von Vertriebenen.

Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Quelle: ZDF

Warum wird jetzt wieder gekämpft?

Die im September vereinbarte Waffenruhe bröckelt seit einigen Wochen, fast täglich kommt es zu Verstößen. Teile des Abkommens wurden noch gar nicht umgesetzt, darunter der Abzug von Al-Kaida-nahen Extremisten von der Front, den die Türkei unterstützen sollte. Auch sind die beiden strategisch wichtigen Schnellstraßen M4 und M5, die eigentlich bis Ende 2018 wiedereröffnet werden sollten, nach wie vor geschlossen.

Eine starke militärische Aufrüstung und ein Vormarsch auf wichtige Orte in der Umgebung deuten darauf hin, dass bereits ein Angriff angelaufen ist. Die Kämpfe konzentrieren sich aktuell auf Städte und Dörfer im nördlich gelegenen Hama und im Süden Idlibs. Dort hat die Regierung am Donnerstag eine Reihe von Ortschaften eingenommen, darunter das für seine mittelalterliche Zitadelle bekannte Kalaat al-Madik. Russland und die syrischen Streitkräfte haben erklärt, sie reagierten mit den Einsätzen auf vermehrte Angriffe von Al-Kaida-nahen Extremisten auf Regierungsgebiete. Bei einer solchen Attacke waren im April in der Provinz Aleppo 22 Soldaten und regierungsnahe Kämpfer getötet worden.

Wer hält sich in Idlib auf?

Idlib ist der letzte Zufluchtsort der Opposition. Die Zahl der Einwohner stieg von 1,5 Millionen vor dem Krieg auf etwa drei Millionen, seit die Provinz im Mai 2017 im Zuge eines Abkommens zwischen der Türkei, Russland und dem Iran zur "Deeskalationszone" erklärt wurde. Im Zuge mehrerer Feuerpausen wurden Zehntausende Syrer, die in anderen Teilen des Landes festsaßen, nach Idlib gebracht.

Schätzungen zufolge leben Zehntausende Rebellenkämpfer und Dschihadisten in der Provinz. Die stärkste Gruppe ist Hajat Tahrir al-Scham, die aus dem Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front hervorging. Andere Milizen schlossen sich unter dem Dach der Nationalen Befreiungsfront zusammen. Darunter sind Islamisten, Überläufer der Armee und ehemalige bewaffnete Oppositionelle.

Was könnte jetzt passieren?

Eine umfassende militärische Offensive zur Rückeroberung von Idlib würde vermutlich zu einigen der brutalsten und blutigsten Kämpfen des syrischen Bürgerkriegs führen. Der Krieg hat insgesamt mehr als 400.000 Menschen das Leben gekostet und Millionen weitere in die Flucht getrieben. Hilfsorganisationen warnen vor einem potenziell katastrophalen Mix aus in die Enge getriebenen Extremisten, die kaum aufgeben dürften, und Hunderttausenden eingeschlossenen Zivilpersonen. "So schlimm der Status quo für Idlib ist - alle militärischen Lösungen wären schlimmer", hieß es in dem Bericht der International Crisis Group.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden in den ersten zehn Tagen seit Beginn der Luftangriffe und Bombardierungen am 28. April mindestens 80 Zivilisten getötet und mehr als 300 verletzt. Über 150.000 Menschen wurden innerhalb der Enklave in die Flucht getrieben. Durch Luft- und Bombenangriffe auf und Kämpfen in etwa 50 Orten wurden mindestens zehn Schulen zerstört und mindestens zwölf Gesundheitseinrichtungen getroffen. Die UN warnen davor, dass bis zu 800.000 Menschen erneut eine Vertreibung drohe. Da die Türkei ihre Grenze für neue Flüchtlinge schließt, ist unklar, wohin die Vertriebenen gehen könnten.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.