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Demokratie-Bildung an Schulen - "Mit 15 ist der Drops gelutscht"

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Demokratiebildung müsse an Schulen bei den Jüngsten beginnen, doch Lehrer- und Geldmangel bedrohe dies, beklagen Praktiker und fordern ein konsequentes Umdenken der Politik.

Archiv: Schülerinnen und Schüler in Frankfurt am Main am 21.04.2008 auf dem Schulhof
Schülerinnen und Schüler auf dem Schulhof (Archivbild)
Quelle: dpa

Die Atmosphäre auf deutschen Schulhöfen und in den Klassenzimmern ist spürbar rauer geworden. Erfahrene Lehrer berichten heute.de von deutlich mehr verbaler und körperlicher Gewalt. "Da wird nicht nur angedroht, dem anderen 'in die blöde Fresse' zu hauen, da wird gleich losgedroschen", sagt eine Lehrerin. Migrationsthemen oder der Nahost-Konflikt seien "heiße Eisen, die bei bestimmten Schülergruppen schnell zur Eskalation führen", bestätigt eine andere Lehrkraft.

"Die Situation in unserer Gesellschaft wird gefährlicher"

Zwar warnen Experten davor, beim Thema "Gewalt an Schulen" aufgrund von gravierenden Beispielen ein generelles Horrorszenario zu zeichnen, allerdings häufen sich die registrierten Fälle von Gewalt gegen Lehrer seit Jahren und Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats, konstatiert besorgt: "Die Situation in unserer Gesellschaft wird immer schwieriger und gefährlicher." Wie er sehen viele andere Beobachter in der Schule eine wichtige Institution, die unser gesellschaftliches Miteinander widerspiegelt. Ein zentraler Punkt: einander zugewandtes, demokratisches Verhalten. Darin müssten Kinder früh gefördert werden, fordert Wassmuth. Und ist damit nicht allein.

Demokratiebildung bereits im Kindergarten

"Demokratiebildung kann man nicht früh genug beginnen", sagt zum Beispiel Helmut Holter, Chef der deutschen Kultusministerkonferenz. Auf heute.de-Anfrage konkretisiert er: "Ich kenne Projekte in Kindergärten, da stimmen die Kinder mit bunten Steinchen darüber ab, welche Farbe die neu anzuschaffende Bettwäsche haben soll." Schon die Jüngsten könnten dabei ihre Fähigkeit stärken, Verständnis für die Position anderer zu entwickeln. Es gehe darum, dass Kinder so früh wie möglich statt eines "Wir" und die "Anderen" ein "wertschätzendes Miteinander" vorgelebt bekämen.

Ob es dafür ein Demokratiegesetz braucht, wie Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) jüngst vorgeschlagen hat, ist umstritten. Unbestritten ist dagegen, dass Kinder und Jugendliche demokratische Werte in der Schule lernen sollen. Allerdings hat der Staat bereits heute allen Einfluss darauf, denn auf Basis des Grundgesetzes steht das gesamte Schulwesen in Deutschland unter staatlicher Aufsicht.

Lehrer- und Finanzmangel bedroht Demokratiebildung

Praktiker sehen eher in nicht bereitgestellten finanziellen Mitteln und im vielerorts beklagten Lehrermangel einen Grund dafür, dass das Thema Demokratiebildung an deutschen Schulen nicht den Raum bekomme, den es dringend bräuchte. Eine Grundschullehrerin aus Mainz etwa berichtet davon, dass sie mehrere traumatisierte Flüchtlingskinder im Unterricht habe. "Diese Kinder sind in sich versunken und sind nicht fähig, etwas aufzunehmen." Sie drohten, völlig ins Abseits zu geraten. "Aus meiner Sicht müssten sich an unseren Schulen Psychologen und Sozialarbeiter verstärkt um solche Kinder kümmern", so die Lehrerin.

Zudem fordert sie mehr Lehrpersonal. "Wir haben viele Kinder in den Klassen, die kaum Deutsch sprechen und deshalb besondere Förderung bekommen, was gut ist. Auf der anderen Seite gibt es dann aber deutsche Eltern, die sich beklagen, weshalb ihre Kinder keine Zusatzförderung bekämen und Extra-Geld 'nur für die Ausländer' ausgegeben werde – da gehen die Probleme doch schon los." Um ein Gefühl von "Wir" und "Die" gar nicht erst aufkommen zu lassen, brauche es "schlicht mehr Geld, um in Schulen politische Bildung und soziale Integration zu ermöglichen".

Weitere Stimmen

"Demokratie muss von Lehrern vorgelebt werden"

Bessere finanzielle Mittel für Schulen, das fordert auch Wolfgang Beutel, Geschäftsführer des Förderprogramms "Demokratisch handeln", das seit 1990 demokratische Kultur im schulischen Alltag zu stärken versucht. "Ich sehe die große Aufgabe nicht ausreichend gewürdigt, auch die mentale Bindung zur Demokratie in Schulen zu stärken", sagt er. Vielerorts heiße es, Demokratiebildung sei Aufgabe der Geschichts-, Ethik- oder Sozialkundelehrer. Dabei müsse jeder Lehrer dazu in der Lage sein. "Demokratiebildung muss auch in der Ausbildung der Lehrer viel tiefer verankert werden", fordert Beutel.

Er begründet dies auch damit, dass Schule neben dem Elternhaus einer der wichtigsten Erlebnisräume für Kinder sei, in dem diese ihre Grundwerte entwickeln könnten. Schulen müssten deshalb auch finanziell stärker in die Lage versetzt werden, die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken. "Demokratie lebt von Vorbildern, sie muss von Lehrkräften vorgelebt werden, damit Kinder sie lernen können", sagt Beutel. Lehrer stimmen dem zu: "Wir müssen mehr Kraft in solche Themen investieren, denn sind die Kinder erstmal 15 und haben ein schiefes Weltbild, dann ist der Drops gelutscht, dann haben wir keine Chance mehr", sagt zum Beispiel eine Lehrerin aus Thüringen im Gespräch mit heute.de.

Forderung nach "Minimum an Respekt, Solidarität und Empathie"

Ulrich Bongertmann, Gymnasiallehrer und Vorsitzender des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands, fordert viele Kolleginnen und Kollegen außerdem dazu auf, im Unterricht klar Stellung zu beziehen "gegen einen demonstrativen Rechtsextremismus". (siehe: "Weitere Stimmen") Wichtig sei es zudem, "den historisch-politischen Unterricht immer wieder zu öffnen für aktuelle Fragen und Probleme".

Dass engagierte, mutige Lehrer allein nicht ausreichen, um Kindern demokratische Werte zu vermitteln, sondern dass der Staat im Ganzen gefordert ist, zeigt indes ein aktueller Appell der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung, in dem es heißt: "Wir sind bestürzt über die offenkundige Gewaltbereitschaft und den eklatanten Mangel an Zivilcourage in der Bevölkerung, der wir selbst angehören. Wir sind entsetzt über das Sprachversagen großer Teile der Politik, über den kalkulierten Opportunismus selbst staatlicher Organe, über die dienstfertige Vergesslichkeit, als gäbe es kein Gestern oder Morgen. Wir rufen auf zum Innehalten. Wir brauchen eine kulturelle Selbstbesinnung. Wir fordern ein zivilisatorisches Minimum an Achtung und Respekt, Solidarität und Empathie."

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