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Demos gegen Antisemitismus - "Es reicht"

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So viel Solidarität mit den 100.000 Juden im Land ist selten. Tausende haben eine Kippa aufgesetzt und gezeigt: Antisemitismus gehört nicht zu Deutschland. Zumindest heute.

Mit der Kippa gegen Antisemitismus. In Berlin und anderen deutschen Städten gingen heute Tausende mit der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, der Kippa, auf die Straße um ihre Solidarität mit den Mitbürgern jüdischen Glaubens.

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Der Wind lässt sie nach rechts rutschen, dann nach links. Nach der Korrektur dann nach hinten. Es ist nicht so leicht Solidarität zu zeigen, wenn der Wind heftig, die Haare dünn sind und keine Klammer hält. Haltung erfordert Einsatz. Tausende Menschen mit einer Kippa auf dem Kopf oder in der Hand haben in Berlin, Köln, Magdeburg, Erfurt und Potsdam gegen Antisemitismus demonstriert. Die jüdischen Gemeinden hatten zu den Kundgebungen aufgerufen, nachdem vorige Woche ein israelischer Student wegen der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung in Berlin von arabisch sprechenden Jugendlichen angegriffen worden war.

"Wir haben es uns zu gemütlich gemacht"

Dass dieser Angriff kein Einzelfall ist, wird in Berlin schnell deutlich. Während sich Demonstranten, Vertreter aus Politik, der Kirchen und Zivilgesellschaft vor dem jüdischen Gemeindehaus in Charlottenburg versammeln, muss eine kleinere Demo im Stadtteil Neukölln abgebrochen werden. Zwei Männer mit einer Israelfahne werden bespuckt und beschimpft. "Hören wir auf mit dem Gerede vom Einzelfall, Antisemitismus gibt es", sagt Volker Kauder, Fraktionschef der Union im Bundestag, einer der vielen Redner mit Kippa an diesem Abend. Er kündigt an, dass die Bundesregierung zusammen mit den Kultusministern der Ländern schon bald Konsequenzen aus den Vorfällen ziehen wollen. Grünen-Politiker Cem Özdemir fordert, die Lehrer mit dem Problem nicht allein zu lassen.

Wie zahlreich antisemitische Vorfälle geworden sind, listet Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, auf. "Es reicht", sagt er und bedankt sich, dass zumindest die an diesem Abend Anwesenden Antisemitismus in der Gesellschaft nicht leugnen. Jüdische Eltern trichterten ihren Kindern ein, die Kippa nach dem Gottesdienst sofort auszuziehen, Schuster wiederholt seine umstrittene Warnung, als Einzelner in der Großstadt lieber keine Kippa zu tragen. All das müsse man ansprechen. Es habe keinen Sinn, über die Probleme eine "Harmoniesoße" zu kippen. "Wir haben es uns in Deutschland zu gemütlich gemacht", kritisiert Schuster. Ein bisschen Antisemitismus hier, ein bisschen Islamismus da. Es dürfe kein Weiterso geben. Viele Redner sehen es so: Die muslimischen Zuwanderer seien nur ein Teil des Problems. Sie dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden, sagt Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

Kippa-Freitag und viele Gespräche

Überhaupt suchen die Redner nach Möglichkeiten, dass dieses Kippa-Tragen an diesem Abend kein bloßes Symbol ist. Dass die Solidarität mit den 100.000 Juden in Deutschland bleibt. Lea Rosh, Initiatorin des Holocaustdenkmals in Berlin, schlägt einen Kippa-Freitag vor. Ob nun Jude oder nicht: Männer sollten freitags Kippa tragen und so ein Zeichen setzen, findet sie. Warum, fragt Özdemir, müssen solche Solidaritäts-Veranstaltungen eigentlich immer von jüdischen Gemeinden veranstaltet werden? "Da geht es doch schon los", sagt Özdemir. Antisemitismus, sagt Rosh, "ist nicht ein Problem der Juden, er ist ein Problem der Gesellschaft". Als "Gift" bezeichnet ihn Felix Klein, neuer Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung. "Schmerzlich" ist es, sagt er, dass es sein Amt überhaupt gibt.

Jüdische Schulen mit Panzerglas, Synagogen mit Sicherheitsschleusen und Polizisten davor, die Pöbeleien und Überfälle, Musikpreise an Antisemiten, all das muss nicht so bleiben. Jannik Schäfer (29) sagt, er habe keine Lust in einer Stadt zu leben, in der man sich mit einer Kippa auf dem Kopf nicht sicher fühlen kann. Er gründete die Aktion "Kopf hoch", suchte mit Hilfe der Jüdischen Gemeinde Sponsoren und wird am Sonntag 10.000 Kippot mit Freunden in Berliner Parks verteilen. Er will mit den Menschen ins Gespräch kommen. Und reden darüber, was sie eigentlich gegen religiöse Symbole haben. Wenn sie etwas dagegen haben. Nur miteinander reden, die Gruppen ins Gespräch bringen, das ist auch die Erfahrung von Christoph Walesch, bringt die Diskussion weiter. Er engagiert sich in der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. "Begegnung ist das wichtigste."

Die Begegnung an diesem Abend scheint den Juden, die bei der Kundgebung sind, schon einmal gut zu tun. So viel Solidarität scheint fast ungewohnt. "Danke, vielen, vielen Dank", sagt Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin. "Wir gehen heute glücklich nach Hause. Es wird sich etwas ändern."

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