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Depressionsbarometer - Wie durch eine schwarze Brille

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Unter einer Depression leidet nicht nur der Betroffene selbst, sondern auch Partner, Familie und Freunde. Zu diesem Schluss kommt jetzt eine Studie der Deutschen Depressionshilfe.

Eine Frau sitzt traurig und zusammen gekauert in der Ecke.
Eine Frau sitzt traurig und zusammen gekauert in der Ecke.
Quelle: colourbox

"Es kommt mir so vor, als ob die ganze Welt in Watte gepackt wäre." Seit über einem Jahr erlebt Lisa immer wieder schwierige Phasen mit großer Traurigkeit, Selbstzweifeln und innerer Leere. Den Abi-Stress hat die 18-Jährige nur mit Mühe überstanden, den Tanzsport hat sie aufgegeben. Die jüngere Schwester fühlt sich vernachlässigt. Die Eltern sind verstört, spätestens, seit Lisa einmal von Suizid gesprochen hat. Seit ein paar Monaten ist sie in Behandlung. Seitdem gehört auch ein Hund zur Familie. Vielleicht kann der Golden Retriever helfen, die Depression zu überwinden.

Depressionen können einsam machen. Wenn Menschen an Depressionen erkranken, sind davon häufig auch die Familien und Freunde stark betroffen. Das geht auch aus dem am Dienstag in Berlin vorgestellten zweiten Deutschland-Barometer "Depression" im Auftrag der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung hervor.

Ein Großteil der Erkrankten reagiert mit sozialem Rückzug

Mehr als 80 Prozent der Erkrankten reagieren mit sozialem Rückzug, ermittelte die Studie. 86 Prozent erklärten, sie hätten kein Interesse für Menschen, Hobbies und andere Dinge aufbringen können, 84 Prozent haben sich während ihrer Depression von anderen Menschen zurückgezogen. 72 Prozent sagten, sie hätten keine Verbundenheit zu Menschen empfinden können. 53 Prozent fühlten sich in der Krankheitsphase isoliert.

Nicht selten erleben Angehörige und Freunde dieses Verhalten als Zurückweisung. 58 Prozent der Erkrankten erklärten, die Krankheit habe Auswirkungen auf ihre Familienbeziehung gehabt, 56 Prozent erlebten Veränderungen bei Freundschaften. Wissenslücken führen zu Unverständnis und Fehlinterpretationen.

Verschlechterung der Beziehungen kann eine Folge sein

50 Prozent berichteten auch von Veränderungen in der Partnerschaft: Unter ihnen erklärten 84 Prozent, sie hätten sich von ihrem Partner unverstanden gefühlt und Vorwürfe von ihm bekommen. 83 Prozent registrierten eine Verschlechterung ihrer Beziehung, mehr Streit und Konflikte. 45 Prozent erlebten sogar, dass es aufgrund der Depression zu einer Trennung gekommen ist.

"Die hohe Zahl der Trennungen zeigt, was für eine tiefgreifende Erkrankung die Depression ist", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl. "An Depression erkrankte Menschen verlieren den Antrieb, ihr Interesse und fühlen sich innerlich abgestorben, ohne Verbundenheit mit anderen Menschen oder ihrer Umwelt", so der Mediziner. "Sie ziehen sich zurück und sehen den gesamten Alltag wie durch eine schwarze Brille."

Hegerl: "Es gibt auch eine tröstliche Botschaft"

Hegerl hat allerdings auch eine tröstliche Botschaft. Ein Teil der Betroffenen berichtet laut Studie rückblickend aber auch von positiven Erfahrungen: 36 Prozent gaben an, dass die Depression die Beziehung zum Partner sogar vertieft habe. "Das gemeinsame Überstehen des großen Leidens, das die Depression verursacht, kann zu einem Zusammenwachsen führen", betont der Mediziner.

Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig mahnt Freunde und Angehörige, sich nicht zu überfordern. "Man ist als Partner nicht schuld, dass der andere depressiv ist, und man ist auch nicht verantwortlich dafür, ihn da rauszuholen", unterstreicht er. Zu wissen, dass nicht man selbst, sondern die Krankheit die Schuld trägt, sei elementar wichtig für Angehörige. Depression sei eine Krankheit, für deren Diagnose und Behandlung vor allem der Arzt zuständig sei.

8,2 Prozent der Deutschen sind depressiv

Depressionen gehören dabei zu den häufigsten psychischen Leiden. Insgesamt erkranken in Deutschland laut einer Studie von 2016 rund 8,2 Prozent, also rund 5,3 Millionen der Deutschen zwischen 18 bis 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer depressiven Störung.

Betrachtet man das gesamte bisherige Leben, so waren 17,1 Prozent der erwachsenen Deutschen zwischen 18 bis 65 Jahren mindestens einmal an einer anhaltenden depressiven Störung erkrankt. Frauen sind dabei häufiger betroffen: Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen.

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