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ZDFzoom: Der Amoklauf von München - Amoklauf München: Das Leben danach

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Jeden Abend, wenn Arberia Segashi schlafen geht, wird sie mit dem Tod ihrer kleinen Schwester Armela konfrontiert. Ihr ganzes Leben lang haben die beiden Mädchen ein Zimmer geteilt. Jetzt ist da eine Leere neben ihr auf der Matratze, die Arberia nicht füllen kann. Ein Jahr nach dem Amoklauf in München.

Vor einem Jahr schoss ein 18-Jähriger in München um sich, tötete 9 Menschen. Lange Zeit galt vor allem Rache als Reaktion auf Mobbing als Motiv. Doch jetzt rücken rechtsextreme Beweggründe in den Vordergrund.

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Die 19 Jahre alte Arberia starrt schlaflos auf die Fotos in ihrem Laptop. Fotos von einer Zeit, die ein junger Mann blitzartig beendet hat. Der Amokläufer von München. Am 22. Juli 2016, kurz vor 18 Uhr, hatte der Schüler David S. begonnen, in der Umgebung des Olympiaeinkaufszentrums auf Menschen zu schießen. Das erste von neun Opfern war Armela Segashi, eine 14-jährige Realschülerin, die an diesem beginnenden Freitagabend mit Freunden unterwegs war.

Tiefe Trauer und große Stärke

Die Schüsse von David S. wecken bei der Münchner Bevölkerung Terrorängste, sorgen per digitaler Flüsterpost für Konfusion und Chaos. Aber: Nach dem Selbstmord des Täters und der Entwarnung der Polizei kehrt das Leben der meisten Münchner zum Normalzustand zurück. Bei der Familie Segashi und den Angehörigen der anderen Opfer ist das nicht möglich.

Ein halbes Jahr nach der schrecklichen Tat haben wir zum ersten Mal Kontakt zu Armelas Bruder Arbnor Kontakt aufgenommen. Über mehrere Treffen hinweg erzählen er und die anderen Familienmitglieder von ihrem Leben seit dem Amoklauf. Wir erleben große Stärke, tiefe Trauer und sehen, welche Zerstörungskraft die Schüsse von David S. bei den Hinterbliebenen entfaltet haben. Durch die psychischen Wunden sind die Segashis arbeitsunfähig geworden.

Familien leben noch immer im Ausnahmezustand

"Wissen Sie, wie ich mich fühle?", fragt Armelas Vater im Interview: "Wirklich wie ein Bettler." Auch ein knappes Jahr nach dem Amoklauf herrscht bei den Segashis in vielerlei Hinsicht der Ausnahmezustand. Unsere Gesellschaft erwarte zu schnell Besserung, sagt Trauma-Experte Peter Zehentner, der Leiter des Münchner Kriseninterventionsteams beim Arbeiter-Samariter-Bund. Freunde und Verwandte seien jetzt gefragt. Oder auch die Verarbeitung des Geschehenen mit Hilfe von Therapeuten.

Weil der Amoklauf überall Entsetzen und Betroffenheit ausgelöst hat, wollen viele Menschen den Segashis wieder auf die Beine helfen. Auch die Stadt München engagiert sich. Bei unseren Besuchen aber stellen wir fest: Die Familie kann die Helfer kaum auseinander halten, bürokratische Formulare überfordern sie. Zwar funktioniert die Unterstützung durch den Sozialstaat in Form einer finanziellen Opfer-Entschädigung - ansonsten verpufft aber viel gut gemeinte Initiative.

"Weißer Ring" bietet individuelle Hilfe

Der Opferhelfer Karl Frass vom "Weißen Ring" in München erklärt uns die speziellen Nöte der Hinterbliebenen von Verbrechen. Von der zupackenden Hilfe, die oft geleistet werden muss, weil die Betroffenen von der Trauer gelähmt sind - und deswegen auch Hilfe nicht in Anspruch nehmen, auf die sie eigentlich ein Recht haben. Jeder Mensch reagiere auf tiefe Trauer ganz anders, die entstehenden Nöte seien ganz individuell.

Am Beispiel der Familie Segashi und durch unsere Gespräche mit den Experten unseres Films haben wir - anders, als man das in ähnlichen Fällen oft hört - den Eindruck, dass die Hinterbliebenen des Amoklaufs von München nicht allein gelassen werden. Wir sehen aber auch, dass in so einem Fall die Hilfe nur erfolgreich sein kann, wenn auf die besonderen Bedürfnisse von Betroffenen eingegangen wird. Dazu gehört auch, wie engagiert und lösungsorientiert die zuständigen Behörden reagieren.

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