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Langstreckenläufer, Skandal-Twitterer, Ratspräsident

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Der andere Donald - Langstreckenläufer, Skandal-Twitterer, Ratspräsident

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Donald Tusk wird als EU-Ratspräsident abgelöst. Nach einem holprigen Start musste er viele Krisen managen. Dabei empörte er über Twitter und agierte stur für seinen Traum: Europa.

Donald Tusk
Donald Tusk gibt die EU-Ratspräsidentschaft ab und wird künftig als Chef der Europäischen Volkspartei (EVP) agieren.
Quelle: AP

Das 58-sekündige Abschiedsvideo, das Donald Tusk an seinem vorletzten Arbeitstag auf Twitter postet ist vielsagend, fast verräterisch: Der EU-Politiker, der sich US-Präsident Trump mal als der "andere Donald" vorstellte, joggt durch Brüssel, vorbei an aufpoppenden Bildern von sich selbst auf Dutzenden EU-Gipfeln, händeschüttelnd mit den Mächtigen dieser Welt. Er rennt im Laufdress an den Themen seiner Amtszeit vorbei: Europas Platz in der Welt, Klimaschutz, Nachbarschaftspolitik.

Und sagt am Schluss in die Kamera: "It’s been a long run".

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Holpriges Englisch, ungelenke Auftritte

Donald Tusk ist tatsächlich ein Langstreckenläufer, er hat Europas Geschicke mit Humor und Hartnäckigkeit (mit)gelenkt, Diplomatie aber war seine Sache nicht immer. Vor fünf Jahren wird der ehemalige polnische Ministerpräsident mit Merkels Unterstützung von den 28 EU-Staats- und Regierungschefs zum EU-Ratspräsidenten gewählt, sein Job ist es fortan die EU-Gipfel vorzubereiten, Konflikte zu erspüren und zu glätten, zwischen den Interessen der einzelnen Mitgliedsstaaten und ihrer Regierungschefs zu vermitteln.

Tusk folgt als erster Osteuropäer auf den unscheinbaren Belgier Herman Van Rompuy, der sich selbst nie in den Vordergrund spielte, aber mit Verhandlungsgeschick leise die Gipfelstrippen zog. Tusk wird zunächst belächelt, nicht alle trauen ihm das Amt zu, sein Englisch ist holprig, seine ersten Auftritte ungelenk.

Grexit: "Sorry, aber keiner von Ihnen verlässt den Raum"

Doch der drahtige Danziger, der über die Solidarnosc-Bewegung und den Widerstand gegen den Kommunismus in die Politik kam, lernt schnell. Die rasch aufeinander folgenden Krisen seiner Amtszeit bescheren ihm reichlich Übung in Gipfelmanagement: erst das Griechenland-Drama, dann der Brexit, schließlich die Flüchtlingskrise.

Im Juli 2015 droht der Grexit, der Rauswurf der Griechen aus dem Euro. Merkel und der griechische Ministerpräsident Tsipras verhandeln 14 Stunden lang, ohne Ergebnis und wollen erschöpft auseinander gehen. Tusk verhindert das: "Sorry, aber keiner von Ihnen verlässt den Raum!" Am Ende steht ein Kompromiss, der Griechenland im Euro hält.

"Teuflischer, Dreizack-schwingender Euro-Irrer"

Ich frage mich, wie der besondere Platz in der Hölle aussieht, der für jene reserviert ist, die den Brexit vertreten ohne die geringste Ahnung, wie er zu bewerkstelligen ist.
Donald Tusk über hardcore Brexiteers wie Boris Johnson

Den Brexit hält der Gipfelchef für einen Unfall, für einen groben politischen Fehler des damaligen britischen Premierministers Cameron - und macht klare Ansagen, die in London und auch im Kreis der Staats- und Regierungschefs, für die er ja eigentlich sprechen soll, nicht immer gut ankommen.

"Ich frage mich, wie der besondere Platz in der Hölle aussieht, der für jene reserviert ist, die den Brexit vertreten ohne die geringste Ahnung, wie er zu bewerkstelligen ist", denkt er laut im Februar 2019 und meint damit hardcore Brexiteers wie Boris Johnson. Aus Großbritannien wird er dafür postwendend als "teuflischer, Dreizack-schwingender Euro-Irrer" beschimpft.

Mit Donald ist nicht immer gut Kirschen essen

Auf dem EU-Gipfel in Salzburg im Sommer 2018, wieder ein vom Brexit überschattetes Treffen, postet er ein Foto von sich und der damaligen Premierministerin Theresa May, wie er ihr auf einer Etagere Kuchen anbietet. Dazu der Text: "Ein Stück Kuchen gefällig? Sorry, keine Kirschen." Eine Anspielung auf das "cherry-picking" (Rosinenpicken), das die Europäer den Briten ständig vorwerfen: May wolle aus der EU austreten, aber die Vorteile des Binnenmarktes behalten.

Der Salzburg-Gipfel geht gründlich schief, der Streit zwischen der EU und der britischen Premierministerin vertieft sich. Tusks Tweet trägt nicht zur Entspannung bei, viele Staats- und Regierungschef sind verärgert. "Was Twitter angeht, ist der Chef leider völlig beratungsresistent", stöhnt einer seiner Mitarbeiter. Unterhaltsam, aber nicht hilfreich, lästert ein EU-Diplomat.

In der Flüchtlingskrise von Merkel und Juncker ausmanövriert

Während der Flüchtlingskrise verlässt Tusk seine qua Amt vorgeschriebene Vermittlerrolle noch deutlicher und sympathisiert mit den Osteuropäern, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Tusk und Merkel stehen plötzlich auf verschiedenen Seiten.

Im Juni 2015 erklärt der Pole schon im Einladungsschreiben zu einem Migrationsgipfel die Verteilungsquote für Flüchtlinge für tot, später weigert er sich weitere Gipfel zur Lösung der Krise einzuberufen. Merkel und EU-Kommissionspräsident Juncker umgehen ihn schließlich und veranstalten einen Mini-Gipfel der Willigen - ohne Tusk.

Der Traum von Europa

Die Sturheit, die er in der Flüchtlingskrise an den Tag legt, kommt ihm auf anderen Politikfeldern zugute. Der Pole hält Europa nach Russlands Krim-Annexion zusammen und verteidigt die europäische Handelspolitik konsequent gegen Angriffe des US-Präsidenten. Mit EU-Kommissionspräsident Juncker teilt er einen Hang zur Romantik. Im Juni 2017 wünscht er sich nach einem EU-Gipfel, dass die Briten vielleicht doch noch den Weg zurück in die EU finden mögen und zitiert eins seiner Idole, John Lennon: "You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one."

In seinem neuen Job als Chef der Europäischen Volkspartei, dem Dachverband von Europas Christdemokraten, wird er weniger in der Öffentlichkeit und mehr im Hintergrund wirken. Mal sehen, ob er das hinbekommt.

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