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Experten - Londoner Inferno: In Deutschland fast unmöglich

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Der verheerende Großbrand in London wirft Fragen auf. Könnte ein Brand auch in Deutschland derart außer Kontrolle geraten? Der Direktor der Frankfurter Feuerwehr beruhigt: In Sachen Brandschutz sei Europa führend. Und er kenne kein Hochhaus, das die Richtlinien nicht einhalte.

heute-journal

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In Deutschland gelten nach Ansicht von Experten europaweit die schärfsten Richtlinien, um Bränden in Hochhäusern vorzubeugen. Bei Häusern ab 22 Metern Höhe dürften keine brennbaren Fassaden mehr verbaut werden, erläuterte der Chef der Feuerwehr Frankfurt, Reinhard Ries. Das sei hierzulande seit den 80er Jahren in den Hochhaus-Richtlinien verankert, sagte Ries im heute journal. "Da können wir fast stolz drauf sein." In anderen europäischen Staaten habe man Deutschland dafür immer belächelt.

"Alles Filmfantasie"

Die Grenze von 22 Metern sei wichtig, da die Drehleitern der Feuerwehr so weit reichen. Bei höheren Gebäuden müssten die Betroffenen über sogenannte Sicherheitstreppenräume flüchten - die seien statisch und technisch komplett vom Resthaus getrennt. "Die Rettung durch Abseilen oder Hubschrauber ist alles Filmfantasie", hatte Ries bereits am Vormittag erklärt - und im ZDF hinzugefügt: London sei "ein Worst-Case-Szenario, bei dem auch die Feuerwehr nicht mehr helfen kann."

Um das zu verhindern, seien die deutschen Feuerwehren früh in den Bau von Hochhäusern involviert. Das müsse auch so sein, "um Brandschutzmaßnahmen abzusprechen, ein sogenanntes Brandschutzkonzept zu entwickeln, Schutzziele zu beschreiben", so Ries. Dann könne so etwas eigentlich nicht mehr passieren.

Doch was, wenn es doch zum Brandfall kommt? Auch für solche Fälle gebe es Vorschriften, sagte Thomas Kirstein von der Berliner Feuerwehr. Dabei müsse es Feuerwehrleuten möglich sein, den Brand auch im Inneren eines Hochhauses wirksam zu bekämpfen. Deshalb schreibe eine entsprechende Richtlinie ab einer Gebäudehöhe von 22 Metern den Einbau eines Feuerwehraufzugs vor. Dieser müsse in einem feuerfesten Schacht verlaufen. "Mit diesem Aufzug fahren die Feuerwehrleute ein Stockwerk unter das brennende, falls erforderlich auch in das Brandgeschoss", erläutert Kirstein. Den Feuerwehraufzügen vorgelagert ist ein Aufzugvorraum mit sämtlichen Anschlüssen für Schläuche.

Rein ins Gebäude? Schwierige Entscheidung

Auch Treppenhäuser in deutschen Hochhäusern müssen besonders geschützt sein. Den Vorschriften zufolge müssen sie 120 Minuten "ein Feuer aushalten", sagt Kirstein, ehemaliger Leiter des Fachbereichs vorbeugender Brandschutz. Zudem dürfe die Fassade des Gebäudes nicht entflammbar sein. Die Bilder vom Hochhausbrand in London ließen dagegen vermuten, dass sich die Flammen beim Grenfell Tower über die Fassade ausbreiteten, sagt der Brandexperte. Auch Dries sagte im heute journal: "Das Feuer ist sehr schnell über die Fassaden gelaufen. Das heißt: Die Fassaden müssen brennbar gewesen sein."

Drohe Einsturzgefahr, müsse der Einsatzleiter entscheiden, ob er noch Feuerwehrleute in das Gebäude schicke, sagte Kirstein. Dies sei die "schwierigste Entscheidung" bei derartigen Einsätzen, sagte Kirstein. Für die Bewohner eines Hochhauses gelte die Devise Aufklärung und Vorsorge. Jeder müsse sich vorab über Rettungswege und Flurpläne informieren. Wer in einer brennenden Wohnung sei, müsse die Tür beim Verlassen schließen, um eine Ausbreitung des Rauchs in die Treppenhäuser zu verhindern.

Verband: Ältere Gebäude prüfen

Bewohner von Wohnungen, die nicht vom Feuer betroffen seien, sollten dort auf die Retter warten. Nasse Handtücher vor das Gesicht zu halten, wie Bewohner in London dies machten, sei nur kurzfristig hilfreich, weil das Überleben vom Sauerstoffgehalt abhänge, sagte Kirstein. Bei dem Hochhausbrand in London sind nach Angaben der dortigen Behörden mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Das Feuer war in der Nacht zum Mittwoch ausgebrochen.

Die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) indes fordert, ältere Gebäude in Deutschland zu überprüfen. Dort gebe es in der Regel weder Sprinkleranlagen noch Notrufeinrichtungen. Zugleich sei es dringend erforderlich, die hohen Standards auch auf internationaler Ebene zu vereinheitlichen und voranzutreiben.

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