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Verdi-Chef Frank Bsirske - Der Dienstleistungs-Gewerkschaftler tritt ab

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Er konnte hinter verschlossenen Türen verhandeln und den Arbeitskampf auf die Straße tragen. Ob es ohne ihn den Mindestlohn gäbe? Offen. Heute endet Frank Bsirskes Reise bei Verdi.

Verdi Chef Frank Bsirske spricht zu protestierenden Beschäftigten im öffentlichen Dienst
Frank Bsirske war viele Jahre das Gesicht von Verdi.
Quelle: imago

2003 kam er zum ersten Mal in das weitläufige Hotel am Potsdamer Havelufer, das von da an fast jedes Jahr Schauplatz mehrtägiger Verhandlungen zwischen Gewerkschaften einerseits und den Arbeitgebern des Öffentlichen Dienstes andererseits war. Begleitet von jeweils einer Handvoll Experten bestimmten dann der jeweilige Innenminister, der Sprecher der Tarifgemeinschaft der Bundesländern oder der Vorsitzende des Kommunalen Arbeitgeberverbandes über den Lebensunterhalt von Millionen Menschen: Den Beschäftigten – und in der Folge immer auch den Beamten - der Behörden und Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes - und ihren Familien.

Damals verkündete Bsirske nach drei Gesprächsrunden: "Für die große Masse der Beschäftigten haben wir unser Ziel erreicht, den Anschluss an die Privatwirtschaft zu halten." Vier Prozent mehr Gehalt erreichte er ohne Streik. Nicht immer gelang das dem studierten Politologen, der kurz zuvor bereits Gewerkschaftsgeschichte geschrieben hatte. 

Mitgliederschwund und bröckelnde Tarifbindung

2001 hatten die Delegierten der neuen Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den gebürtigen Niedersachsen zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt. Zu der Riesenorganisation mit fast drei Millionen Mitgliedern hatten sich fünf unterschiedliche Gewerkschaften zusammengeschlossen: Neben der von Bsirske geführten ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) waren das die Postgewerkschaft, die HBV (Handel, Banken, Versicherungen), die linke IG Medien und die CDU-nahe DAG. Ziel war, dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken.

Den konnte allerdings auch Bsirske nicht aufhalten. Derzeit  zählt Verdi nur noch knapp zwei Millionen. Denn Privatisierungen und Stellenabbau gingen weiter. Immer weniger Beschäftigte sind tarifgebunden.

Geschickter Verhandler und nervenstarker Straßenkämpfer

Dass er bis diese Woche Chef einer der größten deutschen Arbeitnehmerorganisationen blieb, die mit rund 1.000 verschiedenen Berufen einzigartig in ihrer Vielfalt ist,  lag auch daran, das er sowohl hinter verschlossenen Türen verhandeln als auch den Arbeitskampf auf die Straße tragen konnte. Er modernisierte das Tarifsystem: Es geht nicht mehr nach Lebensalter, sondern nach der Arbeitsleistung. Auch den Mindestlohn, den die Bundesregierung vor zwei Jahren einführte, schrieb er dem Einfluss seiner Gewerkschaft zu.

Zwar musste er auch mal nachgeben. So nahm er zehn Prozent Lohnverzicht für die Beschäftigten hin, als er mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin den aufgeblähten Öffentlichen Dienst der Bundeshauptstadt reformierte. Wo der Organisationsgrad der Beschäftigten dagegen hoch blieb, erreichte er überdurchschnittliche Zuwächse, etwa für Erzieher, die dafür zu Zehntausenden auf die Straße gingen.

Sein Nachfolger tritt in große Fußstapfen

Bei seinen letzten Tarifverhandlungen in Potsdam Ende Februar 2019 zeigte er noch einmal, was in ihm steckt. Vor den Gesprächen mit Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz für die Bundesländer ließ er sich besonders viel Zeit bei der Begrüßung der Gewerkschaftler vor dem Hotel, die ihm wie immer kamen, um ihm den Rücken zu stärken. Er nahm er das Megaphon und kündigt kämpferisch eine harte Gangart an: "Unter 6 Prozent gehen wir hier nicht weg".

Am Ende, nach 37 zähen Verhandlungsstunden, wurden es sogar acht Prozent, bei einer Laufzeit von 33 Monaten. Bsirske nennt es "das beste Ergebnis seit Jahren". Er hat es wieder geschafft. Sein Nachfolger, sein bisheriger Stellvertreter Frank Werneke, wird sich daran messen lassen müssen.

Abschied in den Ruhestand mit einem Festakt

Mitte Oktober wird der am längsten amtierende Gewerkschaftschef der deutschen Nachkriegsgeschichte in einem Festakt in Berlin verabschiedet. Keine Selbstverständlichkeit für einen Mann, der als Teenager mit der Deutschen Kommunistischen Partei sympathisierte und deshalb 1970 aus der SPD ausgeschlossen wurde, bevor er am Otto-Suhr-Institut in Berlin studierte und 1986 Mitglied der Grünen wurde.

Kaum zu glauben ist auch, dass er nach seinem politisch engagierten Leben Berlin verlassen und sich zurückziehen will nach Hannover "in eine ruhige Gegend am Stadtrand". In einem Zeitungsinterview vor einem Monat kündigte er an, dass er sich als Rentner vor allem körperlich und geistig fit halten will. Ein politisch engagierter Mensch aber werde er auch im Ruhestand bleiben, ergänzte er vielsagend.

Jan Meier ist Redakteur im ZDF-Studio Potsdam und hat lange Jahre von Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst berichtet.

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