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Nach 33 Jahren Haft: Söring kehrt zurück

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Ein Leben hinter Gittern - Nach 33 Jahren Haft: Söring kehrt zurück

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Der Fall polarisiert: Ein deutscher Diplomatensohn wird in den USA wegen Doppelmordes verurteilt und beteuert auch nach 33 Jahren Haft seine Unschuld. Jetzt kommt Jens Söring frei.

Archiv: Jens Söring
Jens Söring im Jahre 2011, damals noch in Haft.
Quelle: DPA

Mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens hat Jens Söring im Gefängnis verbracht. Zu Unrecht, sagen seine Unterstützer. In den USA ist er rechtskräftig wegen Doppelmordes an den Eltern seiner damaligen Freundin verurteilt worden. Mehr als 30 Jahre nach der Tat im US-Bundesstaat Virginia polarisiert der Fall des deutschen Diplomatensohns noch immer. Nun kommt der 53-Jährige nach Deutschland zurück. Am Dienstagmittag soll er in Frankfurt am Main landen. Das Flugzeug werde gegen 11.20 Uhr am Frankfurter Flughafen erwartet. "Wir werden ihn dort mit Freunden in Empfang nehmen", teilte der Freundeskreis des 53-Jährigen mit. Im Anschluss wird Söring ein knappes Pressestatement abgeben.

Wie alles begann

Wer einmal damit anfängt, sich in die Geschichte Sörings einzulesen, kann lange nicht mehr damit aufhören. Der Fall liefert heute wie damals jede Menge Erzählstoff: Es geht um Drogen, Sex und die scheinbar grenzenlose Liebe zwischen einer schönen Kanadierin und dem "kindergesichtigen" Deutschen, wie die "Washington Post" Söring einst beschrieb. An die unzähligen Artikel reihen sich Filme und Bücher über den Fall, Söring schrieb selbst darüber. Auf Blogs und Facebook-Seiten ist darüber zu lesen, vielfach in Sörings Sinne. Der beteuert bis heute seine Unschuld.

Rückblick: Im August 1984 lernt Söring Elizabeth Haysom kennen - sie sind bei einem Orientierungsabend für Hochbegabtenstipendiaten der University of Virginia. Söring verliebt sich in die zwei Jahre ältere Frau und wird sie später als "verdammt sexy" beschreiben.

Fluchtversuch zwecklos

Elizabeth Haysom
Elizabeth Haysom, damalige Freundin von Jens Söring
Quelle: ap

Im März 1985 werden Haysoms Eltern Derek und Nancy in ihrem Haus in Lynchburg in Virginia mit zahlreichen Messerstichen ermordet. Am Tatort finden die Ermittler blutüberströmte Leichen. Es sei gewesen, als ginge man in ein "Schlachthaus", erinnert sich ein Polizist später. Zum Zeitpunkt des Mordes ist Söring 19 Jahre alt. Das Paar nimmt an der Beerdigung der Haysoms teil. Als Elizabeth und Jens unter Verdacht geraten, fliehen sie. Erst ein Jahr nach dem Mord fliegen sie in London wegen Scheckbetrugs auf und werden gefasst.

Nach der Auslieferung in die USA wird Haysom 1987 wegen Anstiftung zum Mord zu zweimal 45 Jahren Haft verurteilt. Söring wird später zu zweimal lebenslang verurteilt. Großbritannien hatte seiner Auslieferung nur unter der Bedingung zugestimmt, dass die Todesstrafe nicht verhängt wird.

"Ich dachte, ich sei ein Held"

Wie Söring vor Gericht ins Kreuzverhör genommen wurde, kann man im Dokumentarfilm "Das Versprechen" sehen. Der Film wurde 2016 veröffentlicht und rekonstruiert den Fall - er ist ein Plädoyer für Sörings Unschuld. Söring wird als hochintelligenter Diplomatensohn dargestellt, Elizabeth Haysom als Tochter eines reichen Unternehmers, die bisexuell ist und möglicherweise von ihrer Mutter sexuell missbraucht wurde.

Der Fall hatte stets viele Fragen aufgeworfen. Söring hatte die Morde zunächst gestanden, später aber das Geständnis widerrufen und erklärt, die psychisch kranke und drogenabhängige Elizabeth habe ihre Eltern getötet. Er habe den Mord für Haysom auf sich genommen und sie vor der Todesstrafe bewahren wollen. Der deutsche Staatsbürger erklärte, er habe erwartet, dass er als Diplomatensohn Immunität genieße. "Ich dachte, ich sei ein Held." Haysom erklärte, sie habe Söring zu den Morden nur angestiftet.

Beyer: DNA-Spuren am Tatort passten nicht zu Söring

Unter Juristen ist das Urteil umstritten. Viele Beweismittel aus dem Prozess wurden bereits entkräftet. Auch kürzliche DNA-Untersuchungen sprechen gegen des Urteil. "Die Schuldfrage ist meines Erachtens bis heute nicht abschließend geklärt", sagte der CDU-Transatlantik-Koordinator Peter Beyer kürzlich. Er traf Söring zweimal im Gefängnis. "Es sind immer noch viele Fragen offen." Im Deutschlandfunk betonte Beyer, dass die Verurteilung rechtskräftig sei - verweist aber darauf, dass am Tatort gefundene DNA-Spuren nicht zu Söring passten.

Die Freilassung des 53-Jährigen - und auch Haysoms - ändert nichts an dem Urteil in einem der wohl spektakulärsten transatlantischen Kriminalfälle der vergangenen Jahrzehnte. In ihrer Entscheidung machte die Gnadenkommission im Bundesstaat Virginia klar, dass es keine Grundlage für Sörings Behauptung gebe, unschuldig zu sein.

Söring: Lange Haftstrafe schlimmer als Giftspritze

Jens Söring steht in der Justizvollzugsanstalt. Archivbild
Söring in der Justizvollzugsanstalt Brunswick
Quelle: Carlos Santos/AP/dpa

Der ehemalige US-amerikanische Strafverteidiger Andrew Hammel hat keinen Zweifel an Sörings Schuld. "Bei der Beweislage wäre Söring zweifelsohne auch in Deutschland für schuldig befunden worden", schrieb Hammel kürzlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Er spricht von einem "Mythos von Sörings Unschuld", der in den deutschen Medien besonders populär sei.

Mehrfach hat Söring seit seiner Verurteilung als Haupttäter Entlassung auf Bewährung beantragt, mehrfach erfolglos. In einem Brief schrieb Söring: Eine lebenslange Haftstrafe sei in den USA eine Todesstrafe auf Raten. "In den Vereinigten Staaten brüstet man sich mittlerweile damit, dass diese Strafe viel grausamer ist als die schnelle, schmerzlose Giftspritze. Ist sie auch."

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