ZDFheute

Der Gipfel der Ungewissheit

Sie sind hier:

Macron will G7-Flop vermeiden - Der Gipfel der Ungewissheit

Datum:

Der G7-Gipfel soll kein Flop werden - das ist oberstes Ziel des französischen Präsidenten und Gastgebers Emmanuel Macron. Ein Drahtseilakt.

Die Gesichter der Politiker der G7-Gipfel sind von dem Sandkünstler Sam Dougados im Sand übertragen worden, aufgenommen am 23.08.2019 in Biarritz (Frankreich)
Große Erwartungen vor dem G7-Gipfel im französischen Strandbad Biarritz.
Quelle: Reuters

Dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron steht ein diplomatischer Kraftakt bevor: Am Samstag empfängt er als Gastgeber des G7-Gipfels in Biarritz die Chefs der wichtigsten westlichen Industrienationen - und selten war der Ausgang eines G7-Treffens so ungewiss wie diesmal. Mit aller Kraft will der ehrgeizige Macron einen Flop wie beim Gipfel im Vorjahr in Kanada vermeiden, als US-Präsident Donald Trump die gemeinsame Abschlusserklärung kurzerhand platzen ließ.

In Biarritz dürften die Konfliktlinien zwischen den einstmals so konsensorientierten G7-Ländern allerdings klar zutage treten: Beim Umgang mit dem Iran, dem Klimaschutz, der Frage der Besteuerung globaler Internetkonzerne und der Zusammenarbeit mit Russland vertreten Trumps USA gänzlich andere Positionen als die europäischen G7-Partner. Weiteres Streitthema könnte der Brexit sein: Der neue britischer Premierminister Boris Johnson gibt in Biarritz sein Gipfel-Debüt.

Die "neue Weltordnung" mitgestalten

Die widerstrebenden Interessen schwächen die G7 und stellen ihr weltpolitisches Gewicht in Frage. Gastgeber Macron sah sich vor dem Gipfel zu einer Warnung veranlasst: Angesichts neuer aufstrebender Mächte etwa in Asien könne sich der Westen keine Schwäche erlauben - er müsse die "neue Weltordnung" aktiv mitgestalten, andernfalls könne sich Europa letztlich "in einer Vasallenrolle" wiederfinden.
In besonders schlechter Erinnerung dürfte Macron den gescheiterten G7-Gipfel 2018 in Kanada haben. Damals hatte Trump für einen Eklat gesorgt. Nach dem Treffen zog er per Twitter seine Zustimmung zu der gemeinsamen Abschlusserklärung zurück - und verband den Rückzieher mit wüsten Beschimpfungen von Gipfelgastgeber Justin Trudeau. Trumps Alleingang hatte die Frage aufgeworfen, ob sich das Format der G7-Gipfel in einer Zeit nationalistischer Interessenpolitik nicht längst schon überlebt hat.

Macrons Antwort auf diese Frage lautet: die Erwartungen herunterschrauben und weitermachen. Den Gipfel im mondänen Strandhotel Hôtel Du Palais will er zum "Arbeitslabor" machen, in dem die wichtigsten Fragen der Zeit besprochen werden, ohne dass am Ende zwingend eine gemeinsame Position der Teilnehmer herauskommen muss. "Wir werden auf sehr informelle Weise über die großen Themen sprechen - Sicherheit, Handel und die Weltwirtschaft -, und wir werden sehen, ob es dann genug Stoff für Abschlusserklärungen gibt", sagte Macron im Vorfeld.

Keine gemeinsame Erklärung

In den Kernbereichen Außenpolitik und Weltwirtschaft ist nach Einschätzung deutscher Regierungskreise keine gemeinsame G7-Erklärung absehbar. Neben den Gipfelberatungen soll es viel Raum für bilaterale Treffen geben - auch eine Begegnung zwischen Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist anvisiert.
Eine Kostprobe des neuen rauen Tons in der Diplomatie konnte die Weltöffentlichkeit am Freitag vernehmen: Macron kündigte an, die Feuerkatastrophe im Amazonas-Gebiet auf dem Gipfel ansprechen zu wollen - und musste sich daraufhin von Brasiliens Rechtsaußen-Präsident Jair Bolsonaro eine "kolonialistische Mentalität" vorhalten lassen. Macron bezichtigte den Brasilianer der "Lüge" in der Klima- und Umweltpolitik. Bolsonaro ist in Biarritz nicht dabei.

Erweiterter Kreis

Allerdings hat Macron den einstmals so exklusiven G7-Kreis erweitert und mehrere Staatschefs aus Afrika sowie Staats- und Regierungschefs aus Indien, Chile und Australien hinzugebeten. Im großen Rahmen soll dann über das von Macron gewählte Motto "Kampf gegen die Ungleichheiten" beraten werden. Das umfasst die Gleichstellung von Frauen ebenso wie die digitale Transformation der Weltwirtschaft und eine deutsch-französische Initiative zur Stärkung der instabilen Sahel-Staaten in Afrika.

Dem America-First-Populisten Trump sind solche multilateralen Diskussionsrunden freilich ein Gräuel. In Biarritz steht ein Gipfel der Ungewissheit bevor - selbst die an der Vorbereitung beteiligten Diplomaten können nicht sagen, welche Ergebnisse zu erwarten sind. "Es ist das erste Mal, dass wir ohne den Entwurf für eine Abschlusserklärung in einen solchen Gipfel gehen", sagte ein hochrangiger EU-Diplomat.

von Peter Wütherich, AFP

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.