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Bayreuther Festspiele - Ein Jude fordert den Wagner-Komplex heraus

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Richard Wagner war nicht nur Virtuose, sondern auch Antisemit. Für den jüdischen Regisseur Barrie Kosky ist das eine Herausforderung. Wenn er heute die Bayreuther Festspiele mit Wagners "Meistersingern" eröffnet, beweist das: Eine Annäherung ist möglich, in der nichts beschönigt wird.

Die Konfliktgeschichte zwischen Juden und Wagner ist lang. Sie betrifft nicht nur die Lebenszeit Richard Wagners (1813-1883), die Zeit des Kaiserreiches und die Vereinnahmung Wagners durch die Nationalsozialisten. Es geht vor allem um die Zeit nach dem Holocaust.

Nach Auschwitz darf kein Wagner-Stück mehr gespielt werden - so sahen es viele Juden, und in Israel gab es lange Zeit einen inoffiziellen Wagner-Bann. Denn Wagner war nicht nur Antisemit, sondern machte den Judenhass mit seiner virtuosen Musik salonfähig. Der oft dumpf daherkommende Antisemitismus erhielt so ein schöngeistiges Antlitz.

Kann man Wagners Werk von der Ideologie trennen?

Der israelische Rundfunk boykottierte Wagner lange Zeit ebenso wie Orchester und Bühnen. Als 1981 das Israelische Philharmonische Orchester einen Auszug aus der Wagner-Oper "Tristan und Isolde" als Zugabe spielen wollte, sprang ein KZ-Überlebender auf die Bühne, zeigte seinen vernarbten Bauch und schrie den Dirigenten an. Die Zugabe wurde abgebrochen.

Mittlerweile wird Wagner auch in Israel aufgeführt, bisweilen noch begleitet von Protesten. Man müsse musikalisches Werk von Wagners Ideologie trennen, sagen die Befürworter. Genau das sei nicht möglich, argumentieren Wagner-Gegner. Der Zündstoff ist programmiert.

"Nürnberg ist das deutsche Jerusalem"

Nicht so in Bayreuth, wo dieses Mal zum ersten Mal ein nichtdeutscher Regisseur die Festspiele mit "Die Meistersinger von Nürnberg" eröffnet. Barrie Kosky ist Australier - und Jude. Eine pikante Mischung für das schwierige deutsch-jüdische-wagnerische Verhältnis.
"Ich habe keine Angst hier. Ich habe gedacht, ich werde Angst fühlen oder Angst spüren. Aber das stimmt nicht", berichtet Barrie Kosky im Interview mit "Kulturzeit"-Redakteurin Hannah Kristina Friedrich. Anfangs sei er davon ausgegangen, dass "Meistersinger" ein "sehr deutsches Stück" seien, "es nur über deutsche Kultur, nur über deutsche Identität" gehe. "Das ist nichts für mich", dachte sich Barrie Kosky - und sagte ab. Später entschied er sich um. Er habe festgestellt, dass das Stück nicht deutsche Kultur und Identität abbilde, sondern ein "Laboratorium für Wagners falsche Ideen" sei. Es geht also nicht um deutsche Kultur, sondern um deren Verzerrung.

Barrie Kosky hat die Herausforderung Bayreuth angenommen. Er inszeniert kein romantisch-verklärtes Nürnberg, sondern ein Trugbild. "Nürnberg ist das deutsche Jerusalem, eine Fantasie, das nie existiert hat", meint Barrie Kosky.

Eine Frankenstein-Kreatur von allem, das Wagner hasst

Wagner nach Auschwitz zu inszenieren, das bedeutet für ihn, Nürnberg nicht ohne die mörderischen Seiten der Stadt zu denken. Nürnberg ist schließlich die Stadt, nach der die Nürnberger Gesetze 1935 benannt sind. Sie gossen den Rassenwahn der Nazis in juristische Sprache, legten fest, wer fortan als Jude galt und wer als "Mischling". Nürnberg ist auch die Stadt, in der die NSDAP auf dem Reichsparteitagsgelände zu Hochform auflief.

Wagner nach Auschwitz, das heißt für den jüdischen Regisseur Barrie Kosky auch, an der Figur des Beckmessers nichts zu beschönigen. In den "Meistersingern von Nürnberg" nimmt Sixtus Beckmesser die unsympathische Figur eines pedantischen Kritikers ein. An ihr scheiden sich die Geister. Ist es eine antisemitische Karikatur oder nicht? "Natürlich hat das was mit Antisemitismus zu tun. Und diese Figur kommt dann nicht nur als Jude auf die Bühne, sondern als Frankenstein-Kreatur von alldem, das Wagner hasst: Juden, Franzosen, Italiener", sagt Barrie Kosky. Die antisemitisch motivierte Gewalt wird auf der Bühne in Bayreuth deutlich gezeigt, Beckmesser wird geschlagen und gedemütigt.

Kosky macht die Spannung produktiv

Barrie Kosky ist aus dem deutschen Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Seit 2012 ist er Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, 2013 wurde sie zur "Oper des Jahres" gewählt. Seine frischen Ideen kommen an. Nichts deutet darauf hin, dass das in Bayreuth anders würde. Das deutsch-jüdische-wagnerische Verhältnis bleibt angespannt, doch Barrie Kosky macht die Spannung künstlerisch produktiv.


Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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