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Des Kaisers letzter Tag - Akihitos Vermächtnis

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Thronwechsel in Japan - Des Kaisers letzter Tag - Akihitos Vermächtnis

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Als einziges Land der Welt unterhält Japan ein Kaiserhaus. Doch der Kaiser darf nicht regieren, sondern nur repräsentieren. Nun ist er abgetreten, eine neue Zeitrechnung beginnt.

Erstmals seit über 200 Jahren tritt in Japan ein Tenno (wörtl. "Himmelsherrscher") zurück und übergibt den Chrysanthementhron vorzeitig an seinen ältesten Sohn. Für die Japaner beginnt eine neue Ära.

Jahreswechsel ohne Silvester 

Ob auf der Steuererklärung oder als Verfallsdatum auf dem Joghurtbecher: ab morgen beginnt in Japan eine neue Zeitrechnung. Das seit 30 Jahren geltende Schriftzeichenpaar "Heisei", das übersetzt soviel wie "Frieden schaffen" bedeutet, wird ersetzt durch die Kombination "Reiwa", die man mit "schöne Harmonie" übersetzen könnte.

Parallele Zeitrechnung  

Japan gönnt sich eine parallele Zeitrechnung als Verbeugung vor seinem Kaiser, dessen Regentschaft traditionshalber unter einem bestimmten Motto steht. Um nur mal einige der Neuzeit zu nennen:

In der "Meiji"-Zeit (1886-1912) wurde Japan aus der Feudalzeit in die Moderne katapultiert. In der kurzen, wirren Periode unter dem "Taisho"-Kaiser (1912-1926) experimentierte es mit Fortschritt und Demokratie. Die "Showa"-Ära (1926-1989) brachten Krieg, Atombomben und Wiederaufstieg. Und "Heisei" - die 30 Jahre des nun abdankenden 85-jährihen Akihito? 

Durchwachsene "Heisei"-Bilanz

"Heisei": Das war nach dem Boom der letzten "Showa"-Jahre vor allem eine Zeit des Sturzfluges. Wirtschaftlich ging es ungebremst in die Rezession, politisch in die Zersplitterung und Instabilität. Das Land verlor sein Gefühl der Sicherheit: die Giftgasanschläge eines Endzeit-Kultes mitten in Tokio 1995. Das schwere Erdbeben von Kobe und das noch verheerendere Beben 2011 in Tohoku, das auch die Kernschmelze in Fukushima auslöste. Das alles erschütterte die Japaner. Da war der Tenno für viele Japaner ein wichtiger Ruhepol und ein Trostspender.

Rolle des Kaisers

Und mehr darf er auch nicht sein. Die Verfassung, nach dem Krieg von den Amerikanern diktiert, verbietet ihm jede politische Aktivität und gibt ihm nur die Rolle eines Symbols. Eigene Akzente kann er kaum setzen. Die Regierung und vor allem die Hofschranzen und Traditionswächter der Palastbehörde engen seinen Handlungsspielraum ein. Doch immerhin konnte Akihito mit manchen der eisenharten Traditionen brechen: Er heiratete eine Bürgerliche, setzte durch, dass er seine Kinder selbst erziehen durfte. Erinnerte - zur Zerknirschung vieler konservativer Politiker - immer wieder an das Leid, das die japanische Armee im Krieg seinen Nachbarn vor allem in China und Korea zugefügt hatte. Ansonsten hat der Kaiser auch kultische Funktionen - er ist der oberste Priester der japanischen Religion, des "Shinto" ("Weg der Götter").

Schwierige Familienangelegenheiten

Der neue und der mythischen Berechnung nach 126. Kaiser Japans, Akihitos ältester Sohn Naruhito (geboren 1960), wird wohl auch nichts ändern können an dem strengen Korsett aus Riten und Regelungen. Ihn kennt die Welt vor allem wegen seiner Ehefrau und deren traurigem Schicksal. Kronprinzessin Masako war eine Karrierediplomatin, als sie widerwillig sein Werben erhörte. Ihr setzten die strengen Hofregeln und unzähligen Verbote so sehr zu, dass sie Depressionen erlitt. Am Druck, einen Thronerben zu gebären, ist sie fast zerbrochen. Als sie 2001 ein Mädchen bekam, löste das eine hässliche Thronfolgedebatte aus, denn ein Mädchen auf dem Thron war für Traditionalisten ein Horror. Es wurde beschlossen, dass ihr Cousin die Linie fortführt.

Skandalfreies Kaiserhaus

Anders als die westlichen Königshäuser bietet Japans Hochadel keine Skandale und kein Futter für die Klatschpresse. Geheimnisvolle Würde und feierliches Schweigen umgibt den Kaiserpalast in Tokio, den das Volk nur zweimal im Jahr zum Jubeln und Fahnenschwenken betreten darf: zu Neujahr und zu Kaisers Geburtstag. Dann winken die Majestäten entrückt hinter Panzerglas.

Abgesehen von rituellen und wohltätigen Auftritten ist der Tenno ansonsten eher unsichtbar. Entsprechend gering ist die emotionale Bindung der wohl meisten Japaner an ihren Kaiser. Und auch den Thronwechsel nehmen sie anscheinend eher leidenschaftslos hin.

Eine Woche aus Platin

Indes: eines wird in guter Erinnerung bleiben. Die Zeit Ende April, Anfang Mai, ist Dank einer Häufung von Feiertagen im arbeitssamen Japan die "Goldene Woche". Mit dem Thronwechsel aber kommen nun noch ein paar Tage hinzu. Heuer herrschen quasi von 27. April bis zum 6. Mai Ferien. Sie nennen es die "Platinwoche" - und die werden die Japaner ihrem Kaiserhaus bestimmt lange nicht vergessen ... 

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