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Mythos 68er-Kommunen - Geschlechterkampf statt Orgien

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Freie Liebe und Spaß-Guerilla: Die Kommune 1 gilt manchem noch immer als "Herzkammer" der 68er-Revolte. Mythos und Realität: Was blieb von den rebellischen Ideen übrig?

Archiv: Der deutsche Regisseur Rudolf Thome und das Fotomodell Uschi Obermaier, aufgenommen am 04.12.1968
Das Fotomodell Uschi Obermaier war eine der bekanntesten Bewohnerinnen der Kommune 1 (Archivbild, Dezember 1968).
Quelle: imago

"Erst blechen, dann sprechen": Uschi Obermaier, Rainer Langhans und die anderen Bewohner der Kommune 1 in einem Berliner Rotlichtviertel wussten, was die Stories über ihr vermeintlich wildes, ausschweifendes Leben wert waren und machten das mit dem Spruch im Flur ihrer WG klar. Reporter, die intime Einblicke gewinnen wollten, mussten 1.000 Mark und mehr an die Kommunarden "blechen". Dafür gab’s dann satte Geschichten über Sex, Drugs and Rock’n‘Roll.

"Rudelbumsen, gell, das macht ihr doch!?!"

Die Popstars des 68er-Studentenaufstands propagierten die Weltrevolution, freie Liebe und Besitzlosigkeit. Alles mit dem Ziel, einen besseren Menschen schaffen zu wollen. Dabei amüsierte sich die Spaß-Guerilla prächtig über die Spießer da draußen, die sich in Straßenumfragen dafür aussprachen, "die ganze Bande ins Arbeitslager" zu schicken. Die Kommunarden sammelten Sensationsgeschichten über sich in Aktendordnern und hielten die Schlagzeilen-Maschinerie mit inszenierten Aktionen am Laufen.

Eine Gemeinschaft zwischen Mao-Bildern, Matratzenlagern und Mega-Orgien: Das öffentlich verbreitete Bild hatte mit dem tatsächlichen Leben dort allerdings wenig gemein. Die Sache mit der freien Liebe hätte die Presse maßlos übertrieben, sagt Langhans im Rückblick. "Rudelbumsen, gell, das macht ihr doch!?!", hätten Reporter gefragt und die Antwort sei so ausgefallen: "Nein, aber schreibt es ruhig, man könnte es ja machen."

Aus revolutionären Kommunen werden biedere WGs

In Wahrheit, so berichten andere K1-Mitglieder, sei Sex eher als Problem betrachtet und in ausufernden Gesprächsrunden zerredet worden. Nach einem einwöchigen Inkognito-Besuch berichtete die Journalistin Marianne Schmidt über das zwischenmenschliche Miteinander der K1-Mitglieder: "Ich habe nie gesehen, dass sie dort einander auch nur umarmt hätten. Es war vollkommen unkörperlich." Schmidts Bericht passte nicht zum Klischee und blieb unveröffentlicht. Nach 35 Monaten war die K1 bereits aufgelöst, blieb aber als Mythos erhalten.

Und gesellschaftlich bewegte sich was: In den 1970er-Jahren "wurde die Kommune als Sozialform von Hunderttausenden junger Leute zwar als Vorbild auserkoren, andererseits verbreitete sie sich praktisch lediglich in der Form von Wohngemeinschaften", konstatiert der Historiker Wolfgang Kraushaar. Vom Anspruch, einen besseren Menschen zu entwickeln, blieb nicht viel übrig. Ebenso konnte sich ein Großteil der WG-Mitglieder nicht mit dem Konzept der freien Liebe anfreunden. "Die meisten wollten feste und monogame Partnerbindungen, Sexualpartner wurden außerhalb der Wohngemeinschaft gesucht", berichtet der Historiker Sven Reichardt in einem Aufsatz.

Zwist, weil auch die Männer das Klo putzen sollen

Archiv: Rainer Langhans posiert mit Uschi Obermaier
Rainer Langhans posiert mit Uschi Obermaier (Archivbild).
Quelle: dpa

Historische Tonbandaufnahmen, die das Leben in einigen der ersten Kommunen fernab der Berliner K1 dokumentieren, belegen auch den Eindruck, dass das Ende des Privaten längst nicht überall festes Prinzip gewesen ist. Keine ausgehängten Toilettentüren! Keine Matratzenlager! Und statt gelebter Revolution nach chinesischem Vorbild entsteht eher der Eindruck, dass sich nach anfänglicher Kommunarden-Euphorie Pragmatismus durchgesetzt hat: ein Leben nach Putzplan!

So berichteten junge Frauen einer Hamburger Kommune, die von ihren Mitbewohnern ständig für den Küchendienst abgestellt worden sind, von Aufbegehren und dem Wunsch nach einer "strengen Organisation" mit dem Ziel, dass auch Männer Bad und Toilette putzen. Noch seien die Aufgaben nicht alle kollektiviert, "dadurch gibt’s Spannungen", sagte eine der Frauen. Gelebter Geschlechterkampf unter den 68ern.

Modeln statt revolutionieren

Uschi Obermaier war da schon einen Schritt weiter. "Ich bin doch kein Kocherl", soll sie ihren K1-Mitbewohnern gesagt und sich stattdessen durch Fotomodell-Aufträge aufs Geldverdienen konzentriert haben. "Sie hat im Haushalt weiß Gott keinen Finger gerührt", berichtete Rainer Langhans später einmal, der zu K1-Zeiten Obermaiers Geliebter und auch "Manager" war. Während der K1-Anführer Dieter Kunzelmann sich für einen bewaffneten Kampf und Kommunismus in Reinform starkmachte, hatten Langhans und Obermaier anderes im Sinn.

Sie vermarkteten Obermaiers Schönheit, träumten zudem vom Aufbau eines eigenen Musiklabels. Langhans berichtete später, dass ihm von Kunzelmann und anderen K1-Mitgliedern deshalb vorgeworfen worden sei, er habe sich von Obermaier "alles Politische aus dem Kopf ficken lassen". Er dagegen habe seine Uschi als "lebendige Politik" betrachtet, als "gesund, anmutig und völlig eins mit sich selbst", quasi als "unentfremdeten Mensch der Zukunft". Uschi Obermaier lebt heute als Schmuckdesignerin in den USA, Rainer Langhans in München mit mehreren Frauen in einer WG und betrachtet sich als "Angestellten eines Frauenprojektes".

Berlin gedenkt heute Rudi Dutschke, dem Gesicht der 68er Bewegung in Deutschland. Vor fünfzig Jahren traf ihn ein Schuss in den Kopf, weshalb er Jahre später verstarb.

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