Sie sind hier:

AfD-Direktmandat in Sachsen - "Anhaltend große Zukunftsängste in Ostsachsen"

Datum:

In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft geworden, verwies die CDU auf den zweiten Platz. Sie konnte sogar drei Direktmandate erringen - eines davon im Wahlkreis Görlitz. Siegfried Deinege, der parteilose Oberbürgermeister von Görlitz, erklärt das Ergebnis im heute.de-Interview.

AfD-Chefin Frauke Petry will nicht der Fraktion ihrer Partei im Bundestag angehören. Das teilte sie auf der Bundespressekonferenz mit - die Petry unmittelbar danach verließ.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Im Wahlkreis Görlitz verlor ausgerechnet der sächsische CDU-Generalsekretär und Vizevorsitzenden der Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, mit 31,4 Prozent der Stimmen sein Mandat an den AfD-Konkurrenten Tino Chrupalla. Dieser erhielt 32,4 Prozent der Stimmen.

heute.de: Können Sie den großen Erfolg der AfD in Ostsachsen erklären?

Siegfried Deinege: Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen nach der Wende 1989 konnten insbesondere auf dem wirtschaftlichen Sektor in der ostsächsischen Region bislang nicht aufgefangen werden.

heute.de: Was heißt das konkret?
Deinege: Wohlstand und soziale Sicherheit sind also seitdem nicht in gleichem Maße wie die Freiheit gewachsen. Damit verbunden sind anhaltend große Zukunftsängste aufgrund von Arbeitslosigkeit in ostsächsischen Familien. Zudem sind viele Familienstrukturen in Ostsachsen aus wirtschaftlichen Gründen aufgebrochen worden, weil nicht wenige Menschen der Arbeit hinterherziehen mussten. Die Wähler vor Ort reagieren auf diese Lage - manche auch mit einer Protestwahl.

heute.de: Wie wirkt sich die hohe Arbeitslosigkeit in Ostsachsen aus?

Deinege: Die wirtschaftlichen Leuchttürme Dresden, Leipzig oder Chemnitz liegen von hier aus gesehen im Westen des Freistaates. Die aus der beruflichen, sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit resultierende Unzufriedenheit vieler Bürger in Ostsachsen muss ernstgenommen werden. Die Sorgen, Ängste und Nöte sollten aus meiner Sicht ebenso in der Realpolitik behandelt werden, wie die Chancen und Möglichkeiten in der Region. Vor Ort heißt das umso mehr, dass die Standortsicherheit unserer Qualitätsbetriebe wie Bombardier-Transportation ebenso gesichert und zukunftsfähig gemacht werden muss, wie die Stärkung der kleinen und mittelständigen Unternehmen.

heute.de: Was wollen AfD-Wähler mit ihrem Protest denn erreichen?

Deinege: Dass die AfD stärkste Kraft in der Region geworden ist, kann und soll als Achtungszeichen gewertet werden: Viele Bürger sehen sich nicht gut genug politisch vertreten. Die zwei großen Volksparteien haben jetzt die Chance, sich auf ihre Werte und Normen neu zu besinnen, um eine lebendige Demokratie, ein weltoffenes Sachsen und eine prosperierende Wirtschaft politisch zu begleiten, zu fördern und dabei die Menschen auch in Ostsachsen mitzunehmen.

heute.de: So weltoffen wirkt Sachsen nun aber gar nicht mehr.

Deinege: Jenseits des ostsächsischen Raums - und insbesondere auf internationaler Ebene - wird das Abschneiden der AfD mit Verwunderung aufgenommen. Ich habe schon am Wahlabend mit internationalen Vertretern aus Wirtschaft und Tourismus dazu gesprochen. Diese politischen Tendenzen haben sich ja auch in anderen Staaten gezeigt. Für Görlitz bedeutet das Wahlergebnis, dass wir von außerhalb noch intensiver daraufhin geprüft werden, wie weltoffen wir in der tagtäglichen Politik agieren und für die Menschen vor Ort arbeiten.

heute.de: Sie selbst gehören keiner Partei an. 2012 wurden sie zum Oberbürgermeister von Görlitz gewählt und dabei unterstützt von einem Wahlbündnis aus Grünen, Bürger für Görlitz, CDU und FDP. Wie werden Sie in ihrer Politik auf das AfD-Ergebnis reagieren?

Deinege: Ich werde immer mit Vertretern demokratisch gewählter Parteien zusammenarbeiten. Das verstehe ich unter Demokratie, welche sich nicht in Legislaturperioden messen lässt. Da es mir um das Wohl der Stadt und ihrer Bürger geht, gehören auch alle Themen auf den Tisch und müssen offen diskutiert werden. Das reicht von der Wirtschafts- bis zur Asylpolitik, von der Bürgerbeteiligung bis zur Familiengerechtigkeit. Ich werde mich jedoch immer unmissverständlich dafür einsetzen, dass sich Görlitz tolerant, weltoffen und vielfältig entwickelt. Mein Ziel war und ist es, dass sich in der Europastadt Görlitz Soziales, Kultur, Bildung und Wirtschaft gut und frei entwickeln können. Nur so werden hier Herausforderungen bewältigt, Ängste abgebaut und Zukunftschancen für alle Bürger gesichert. Das habe ich bisher so gehalten und werde es weiterhin tun.

Das Interview führte Katharina Sperber.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.