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Kabarettist zum Strache-Skandal - "Wir erleben einen politischen Tsunami"

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Niedertracht, Heuchelei – und keine Besserung in Sicht: Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer geht im heute.de-Interview mit der Alpenrepublik hart ins Gericht.

Heinz-Christian Strache (m.) erklärt auf einer Pressekonferenz am 18.05.2019 seinen Rücktritt
FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache erklärt seinen Rücktritt.
Quelle: AP

heute.de: Was empört Sie gerade am meisten?

Alfred Dorfer: Diese Niedertracht per se: Moralische Grundsätze werden bei vollem Bewusstsein mit Füßen getreten. Und mich empört die Heuchelei, die auf den Skandal folgt: Die Heuchelei der FPÖ, die sich als Opfer einer Verschwörung inszeniert. Die Heuchelei der Sozialdemokraten, die behaupten, nie selbst mit der FPÖ über eine Regierungsbildung verhandelt zu haben. Und die Heuchelei der ÖVP, die sagt: Damit haben wir nichts zu tun. Diese unheilige Dreifaltigkeit ist widerlich.

heute.de: Ist Österreich eine einzige Kabarett-Nummer?

Dorfer: Nein. Das Kabarett arbeitet mit bewussten, absichtlichen Pointen. Leider ist das Ibiza-Video keine Pointe, sondern Realität.

heute.de: Hat Sie das Video kein bisschen beeindruckt?

Dorfer: Wenn man die Video-Ausschnitte anschaut, fragt man sich schon: Wie kann jemand so dämlich sein und sich dermaßen vorführen lassen? Andererseits ist das Ganze ja gar nicht so abwegig, wenn man sich manche Politiker anschaut. Das ist durchaus nah dran am Vorstellbaren.

heute.de: Sind Sie schadenfroh?

Dorfer: Schadenfreude ist in jedem Fall angebracht, aber nur für kurze Zeit. Wenn man die längerfristigen Konsequenzen betrachtet, heißt das nichts Gutes für Österreich: Koalitionsbruch, Neuwahlen, Expertenkabinett – das ist das, was wir sonst nur von Italien und Griechenland kennen. Wir erleben einen politischen Tsunami. Der lässt die Schadenfreude verblassen.

heute.de: Was sagt das Ibiza-Video aus über die Alpenrepublik im Jahre 2019?

Dorfer: Diese Geschichte hat mit Österreich so viel oder so wenig zu tun wie Relotius mit dem "Spiegel". Arbeiten alle beim "Spiegel" wie Relotius? Sicher nicht. Verallgemeinerungen sind unzulässig. Und nicht alle Politiker sind wie Heinz-Christian Strache. Historisch gesehen gibt es besonders bei der FPÖ viele Figuren, die einen Hang zum Kriminellen haben.

heute.de: Wie verarbeiten Sie den Skandal auf der Kabarett-Bühne?

Dorfer: Ich komme gar nicht mehr hinterher, mein Programm anzupassen. Die Nachrichten überschlagen sich.

heute.de: Ihr Lieblingswitz?

Dorfer: Ich bin kein besonderer Freund von Witzen. Kabarett und Satire bestehen nicht aus Witzen, das ist ein anderes Genre.

heute.de: Ihre Lieblingsgemeinheit?

Dorfer: Meine Lieblingsgemeinheit ist die Art, wie dieses Video zustande kam beziehungsweise die Teile darin, die eine politische Relevanz haben.

heute.de: Das Video soll auch brisantes Material enthalten – aus der Kategorie "Koks und Nutten".

Dorfer: Von Koks in diesem Zusammenhang spricht man schon sehr lange in Österreich. Koks ist im Video aber nur ein Nebenthema.

heute.de: Was halten Sie von der falschen russischen Oligarchen-Nichte? Wäre sie etwas für ein Bühnenprogramm?

Dorfer: Vorsichtig ausgedrückt standen Herr Strache und sein Kompagnon unter Einfluss von Substanzen. Sie konnten daher sicher nicht beurteilen, wie gut die Schauspielerin war. Aber sie hat zweifellos Talent.

heute.de: Wird gerade die österreichische Politik entzaubert – oder gewinnt sie an Faszination, weil sie einen Hauch von "House of Cards" versprüht?

Dorfer: Die ganze Weltpolitik ist doch längst entzaubert. Schauen wir uns Donald Trump an. Oder den Brexit. Das ist doch ein irrsinniges Kasperletheater, was die Briten veranstalten, ein Offenbarungseid der Demokratie.

heute.de: Wen vermuten Sie hinter dem Video? Als Kabarettist dürfen Sie wild spekulieren.

Dorfer: Ich denke, es geht um Rache. Von wem, weiß ich aber nicht.

heute.de: Könnte auch ein Satiriker dahinter stecken?

Dorfer: Unsinn.

heute.de: Warum nicht?

Dorfer: Um so etwas glaubhaft zu organisieren und über lange Zeit einzufädeln, braucht man eine halbe Million Euro. Natürlich könnten Satiriker sich zusammentun, Benefizkonzerte stemmen und so das Geld auftreiben. Aber wir haben eine andere Aufgabe, auch wenn wir die politische und gesellschaftliche Relevanz des Ibiza-Videos anerkennen. Diese Form der Korruption hat in einem Land westlicher Provenienz nichts verloren. Der Skandal ist eine Schande für Österreich.

heute.de: Wird Österreich sich verändern?

Dorfer: Natürlich habe ich die Hoffnung, dass dieser Super-Gau zu Veränderungen führt. Wir sollten die Parteispenden, Subventions- und Auftragsvergaben genauer anschauen und über politische Integrität nachdenken.

heute.de: Glauben Sie ernsthaft an Konsequenzen?

Dorfer: Nicht wirklich, ich darf sie mir aber trotzdem wünschen. Manchmal blüht auch in der Wüste ein Blümchen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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