Sie sind hier:

Bundestagswahl - Der Selfie-Wahlkampf des Christian Lindner

Datum:

"Wir lassen Sie nicht im Regen stehen." Gleich sein erstes Versprechen muss Christian Lindner brechen. Rostock, Innenstadt, ein Wetter so trüb wie die Wahlergebnisse der FDP. Beim vorigen Mal waren es dort 1,6 Prozent. Lindner will jetzt mehr: Platz drei hinter Union und SPD. Mindestens.

Nach dem TV-Duell liegt Angela Merkel weiterhin vor ihrem Herausforderer Martin Schulz. Das zeigt das aktuelle ZDF-Politbarometer. Außerdem fordert eine Mehrheit der Deutschen den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei.

Beitragslänge:
6 min
Datum:

1.606 Stimmen waren es gerade einmal bei der vorigen Bundestagswahl. Der Oberbürgermeister ist in Rostock, gut 210.000 Einwohner, ein Parteiloser, der Bürgerschaft steht ein Linker vor. Man ist dort entweder CDU, links, etwas AfD - oder eben nichts. 2009 war das einzige Mal, dass die Liberalen dort richtig viele Zweitstimmen bekamen: satte 9,5 Prozent.Diesmal hat höchstens Hagen Reinhold, Spitzenkandidat der Landesliste und Rostocker Direktkandidat, eine Chance, am 24. September in den Bundestag einzuziehen. Reinhold darf deswegen auch sprechen zu den gut 150 Leuten, die im Nieselregen vor der Bühne in der Innenstadt stehen. Doch er ist nicht die Hauptperson an diesem Nachmittag. Das ist FDP-Chef Lindner.

Lieblingsgegner: Die Grünen

Und er sagt das, was er in Interviews und Talkshows in den vergangenen Wochen immer sagt. Dass die Menschen in diesem Land eine bessere Politik verdient hätten. "Mir reicht's", die Große Koalition hätte in den vergangenen vier Jahren keine großen Probleme gelöst. "Wir brauchen eine Opposition, die der Regierung Dampf macht", sagt Lindner und bekommt dafür den ersten, etwas müden, Applaus. Er arbeitet die Themen durch, die seiner Meinung nach vorige Woche im TV-Duell der Spitzenkandidaten von Union und SPD - Angela Merkel und Martin Schulz - zu kurz kamen. Um dann erst einmal dieselben Themen anzusprechen: Flüchtlinge, Innere Sicherheit, Dieselskandal, Steuerpolitik.

Lindner nimmt in der Flüchtlingspolitik nichts von dem zurück, was er diese Woche der "Bild"-Zeitung gesagt hatte: Dass Bürgerkriegsflüchtlinge alle wieder zurück müssten, wenn der Krieg vorbei ist. "Irgendjemand muss Syrien ja wieder aufbauen." Das finden die Zuhörer auf dem Universitätsplatz auch und applaudieren etwas lauter. Und sie schmunzeln und lachen, wenn Lindner sich an seinem Lieblingsgegner abarbeitet: den Grünen. Wenn er von "Katrin Boring-Eckardt" spricht und "hups, ein Versprecher" hinterherschiebt. Wenn er genüsslich ausbreitet, dass Cem Özdemir, Sozialpädagoge von Beruf, doch lieber schweigen solle, wenn es um die Zukunft der Automobilbranche und das Ende des Verbrennungsmotors geht. "Die" wüssten immer alles besser und "die" wollten immer Recht haben. "Ich ertrage es nicht mehr", sagte ein gespielt genervter Lindner. Eine Koalition mit den Grünen scheint tatsächlich an diesem Nachmittag nur schwer vorstellbar. Über Angela Merkel spricht er gar nicht.

Rostock, irgendwie zu klein

Wer mit wem und ob überhaupt: Damit hält sich der FDP-Chef erst gar nicht auf. Überhaupt scheint dieser Universitätsplatz irgendwie zu klein für ihn. Er will, dass Mecklenburg-Vorpommern in der Bildung besser wird, aber nicht im Vergleich zu Bremen oder Bayern. "Unsere Konkurrenz ist Asien! Wir müssen alle besser werden." Vergleiche sollen anschaulich machen. Ob sie gelegentlich schief sind, ist da nicht so wichtig: Es mache, sagt Lindner, "doch keinen Sinn", dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Schulen in Burundi, aber nicht in Böblingen finanzieren dürfe. Dass es in Waren an der Müritz länger dauere, die Unterlagen für eine Ausschreibung herunterzuladen als in Rumänien das gleiche Angebot dafür hochzuladen. Dass in Estland die Steuerklärung per Mausklick gemacht werden könne und der Tesla-Chef in 15 Jahren zum Mond fliegen will, während man in Deutschland immer noch mit Papier plane.

Bis hierhin kommen seine Zuhörer mit, auch wenn die Begeisterung auf dem Universitätsplatz sehr norddeutsch ist. Dass er über Zukunftschancen spricht, über die Digitalisierung, findet Jennifer Rönneforth "schon gut". Lindner sei nicht "wie die ganzen älteren Politiker, die sich immer auf den Lorbeeren ausruhen", sagt die 32-Jährige. Auch Ralf von Malten findet es wichtig, dass die FDP wieder in den Bundestag kommt. Lindner würde die Probleme klarer ansprechen, dass bei den Flüchtlingen seine Weltoffenheit Grenzen habe und er ein Einwanderungsgesetz wolle, kann er zustimmen. Nicht alle Zuhörer halten es wie der 51-Jährige bis zum Schluss aus.

"Wählen Sie sich selbst!"

Die ersten gehen, als Lindner ihnen empfiehlt, Wahlprogramme besser nicht zu lesen und zu vergleichen. Unnötig. "Wählen Sie die Partei, die Ihr Bild vom Leben hat." Also die gleiche Haltung, das gleiche Lebensgefühl. "Dann wählen Sie sich selbst!" Und da das so hübsch einfach ist, könne man ja gleich heute und hier in die FDP eintreten, die Unterschrift unter den Mitgliedsbeitrag sei ein Gefühl! Ein Gefühl von Freiheit! Also ob "ein Vogelschwarm in Innern aufsteigt", sagt Lindner. "Nu ist es aber gut", sagt ein Mann, dreht sich um und geht wieder in Richtung Geschäfte. Da fängt es gerade wieder an zu regnen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.