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Streit um Unkrautvernichtungsmittel - Glyphosat - was sonst?

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In Brüssel steht ab heute wieder das Thema Glyphosat auf der Agenda. Soll die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels verlängert werden oder nicht? Vor einem Nein haben viele konventionell arbeitende Landwirte Angst. Denn sie sehen zu Glyphosat keine echte Alternative.

Dazu will sich die EU bald äußern. Welche Folgen hätte ein Verbot?

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"Glyphosat ist preiswert und einfach einzusetzen", so bringt es Felix Pickert von der Raminer Agrar GmbH auf den Punkt. Der Großbetrieb bewirtschaftet im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns riesige Flächen. "Würden wir uns auf andere Pflanzenschutzmittel umstellen, würde sich die Produktion verteuern und der Markt würde uns das nicht vergüten."

Eine Einschätzung, die viele seiner Kollegen teilen. Seit den 70er Jahren wird der chemische Unkrautvernichter munter eingesetzt, inzwischen auf fast 40 Prozent aller deutschen Ackerflächen. 5.000 Tonnen werden in Deutschland jährlich vermarktet, so hat eine Studie der Universität Gießen 2015 herausgefunden. In anderen europäischen Ländern ist es noch deutlich mehr.

Der Wirkstoff ist damit längst zu einer festen Größe beim Wirtschaften und Kalkulieren geworden. "Ein Verbot von Glyphosat hätte zur Folge, dass die Erträge in der Landwirtschaft deutlich sinken, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauern gefährdet wird", warnt deshalb auch der Deutsche Bauernverband und verweist auf weitere Zahlen der Gießener Studie: Die hatte einen Produktionsverlust von 4,3 bis 7,1 Prozent ausgerechnet. Andere Mittel seien dabei nicht nur teurer, sondern oft auch schlechter.

"Toxischer und schlechter"

"Wenn man auf den chemischen Pflanzenschutz nicht verzichten möchte, braucht man chemische Alternativen", erklärt auch Prof. Christoph Schäfers vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Schmallenberg dem ZDF. Und diese alternativen Wirkstoffe seien durch die Bank "entweder nicht so wirksam oder toxischer oder es trifft beides zu".

Glyphosat ist ein Mittel, das gegen alle Unkrautarten hilft. Andere sind spezialisiert, müssten also zu "Cocktails" zusammengemischt werden. Käme die deutsche Landwirtschaft an Glyphosat also überhaupt vorbei? Ja, glaubt Schäfers. Bei einem Verbot wären allerdings einige Anwendungen, die das Mittel bisher abdeckt, nicht mehr möglich. Die Produktion würde teurer werden. Und das wiederum bedeutet: "Wenn man das nicht alles auf dem Rücken der Bauern austragen will, muss der Verbraucher mehr zahlen."

Höhere Preise für Lebensmittel, die ohne Chemie hergestellt werden? Viele Verbraucher greifen dafür schon jetzt etwas tiefer in die Tasche. Dass es zu Engpässen in den Regalen oder dauerhaft teuren Preisen kommen würde, glaubt Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), nicht. "Millionen Bio-Bauern auf der Welt zeigen, dass es ohne Glyphosat geht", sagt er. Er ist sich sicher, dass sich auch die konventionelle Landwirtschaft umstellen könnte - "durch eine ordentliche Fruchtfolge, durch eine solide Bodenbearbeitung, mehr Know-how und mehr Technik". Das bedeute "einen gewissen Mehraufwand", könne aber gelingen und sei vor allem im Sinne des Umweltschutzes notwendig.

"Mehr Vielfalt auf den Äckern"

Denn Glyphosat als "Total-Herbizid", also ein Mittel, das bis auf die Nutzpflanze so gut wie alle Pflanzen vernichtet, sei maßgeblich am Artensterben beteiligt. Das Mittel ist für Insekten und Vögel zwar nicht tödlich, nimmt ihnen allerdings mit den Pflanzen die Nahrungs- und Lebensgrundlage. Deshalb findet Röhrig: "Wir müssen auf den Wirkstoff verzichten, um wieder mehr Vielfalt auf den Äckern zu haben." Für einen Rückschritt hält er den möglichen Verzicht auf Glyphosat auch aus anderen Gründen nicht. "Total-Herbizide sind eine Technik von gestern. Wir werden in 15 bis 20 Jahren gänzlich ohne solche Wirkstoffe auskommen, wenn beispielsweise mit modernen Robotergeräten das Unkraut aus dem Acker geholt wird."
Zukunftsmusik, die in den aktuellen Diskussionen in Brüssel wohl keine Rolle spielt. Dabei geht es erst einmal um die Zulassung von Glyphosat für die kommenden Jahre. Und darüber gibt es viel Streit. Einig ist sich nämlich auch die Bundesregierung nicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich zuletzt für eine weitere Zulassung ausgesprochen, ebenso wie Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Es gebe viele Studien, "die alle in Summe eine weitere Zulassung von Glyphosat auf europäischer Ebene unterstützen. Und darauf verlasse ich mich", erklärte er im ZDF-Magazin WISO.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert dagegen strenge Auflagen für den Einsatz. "Denn so, wie es jetzt ist, werden alle Pflanzen zerstört - nicht nur die, die eigentlich angesprochen werden", sagt sie. Treffen würde das eben auch Insekten und Vögel. "Die biologische Vielfalt geht kaputt. So kann es nicht bleiben."

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