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60 Jahre Trabi - "Der Trabant, Symbol des Niveau-Niedergangs"

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Der Trabi gilt als Kultauto: Im heute.de-Interview aber zerpflückt der Zwickauer Ingenieur Rainer Mosig das Trabant-Konzept und erklärt, warum er 30 Jahre dagegen "gekämpft" hat.

Am 7. November 1957 rollte der erste PKW Trabant, das Kult-Auto der DDR, vom Band. Der liebevoll „Trabi“ genannte PKW war wahrscheinlich genauso beliebt wie verhasst. In jedem Fall aber ist der „Sachsen-Porsche“ mit unzähligen Erinnerungen verbunden.

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heute.de: Derzeit werden Jubelarien angestimmt: "Happy Birthday, Trabi - die Rennpappe wird 60", heißt es da. Oder: "Ein Land fährt auf den Trabi ab." Sie waren 30 Jahre Ingenieur in Zwickau. Wie ist ihr Verhältnis zu dem Auto?

Rainer Mosig: Sehr kritisch, denn für mich ist der Trabant das Symbol des Niedergangs des technischen Niveaus des Fahrzeugbaus in Zwickau. Der Trabant war ein Bruch mit einer glanzvollen Tradition, die mit Horch 1904 in Zwickau begonnen hatte. Als Ingenieure wollten wir den großen Vorbildern nacheifern, stattdessen haben wir 30 Jahre gegen das starre Trabant-Konzept gekämpft.

heute.de: Warum das?

Mosig: Grundsätzlich war es ja ein notwendiges und gutes Ziel, einen Kleinwagen für die Bevölkerung zu bauen. Das ursprüngliche Trabant-Konzept ist Mitte der 1950er-Jahre von einem Team der Vereinigung volkseigener Betriebe im damaligen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, entworfen worden. Produziert worden ist der P50 dann in Zwickau ab dem 7. November 1957. Das Fahrzeug hatte aber eine Vielzahl von Mängeln.

heute.de: Welche waren das?

Mosig: Das Auto hatte zum Beispiel die Windschlüpfrigkeit einer Schrankwand. Dieser Umstand und der luftgekühlte Zweitaktmotor haben zu hohem Spritverbrauch von sieben bis neun Litern geführt. Das Auto hatte unmögliche Abgaswerte, war sehr laut und hatte auch eine schlechte Heizung. Die Mischkonstruktion aus Blech und Duroplast machte die Produktion zudem sehr aufwändig.

heute.de: Der Trabant ist bis 1991 hergestellt worden. Warum haben Sie und Ihre Kollegen die wesentlichen Mängel nicht beseitigt?

Mosig: Wir haben ab 1959 an der Weiterentwicklung gearbeitet, es gab dann zum Beispiel das neue Modell P601 mit anderer Karosserieform oder das synchronisierte Getriebe ab 1964. Aber wesentliche Innovationen sind immer wieder von oben blockiert worden. Es gab das Dogma: Der Kunststoff bleibt! Am Ende konnte selbst der VW-Motor den Trabant bei bleibender Karosserie nicht mehr retten. Zuvor lief das Auto bis fast zum Schluss noch mit Zweitaktmotor. Dabei hat uns das große Nachteile gebracht.

heute.de: Wie war das für Ingenieure wie Sie, wenn Innovationen in der Tonne landeten?

Mosig: Immer wieder ausgebremst zu werden, war bitter. Die zentrale Wirtschaftsführung in Berlin war fachlich und finanziell nicht in der Lage, ein international konkurrenzfähiges Auto zu ermöglichen. Anfang der 1960er-Jahre lief ja der Export nach Finnland und Belgien an, brach dann aber schnell wieder völlig ein, weil die Qualität nicht ausreichte. Deshalb haben wir die Autos nur noch in der DDR, Polen, Ungarn und Rumänien verteilt. Die Leute waren dort fast alle in derselben Lage: Die bekamen den Trabant oder gar nichts!

heute.de: Die Vorgabe der Politik soll gewesen sein, einen robusten, sparsamen und preiswerten Kleinwagen herzustellen ...

Mosig: Robust war er in gewisser Hinsicht schon, er war ja primitiv mit Blattfeder und so weiter! Aber der Zweitaktmotor hielt im üblichen Kurzstreckenbetrieb nur 30.000 Kilometer, und sparsam war das Auto mit dem hohen Kraftstoffverbrauch auch nicht. Bei einem Spritpreis von 1,50 DDR-Mark pro Liter war das für die Leute teuer.

heute.de: Wie lange mussten die Leute im Schnitt auf einen Trabi warten?

Mosig: Bis zu zehn Jahre, obwohl es auch Mittel und Wege gab, die Wartezeit zu verkürzen. Wir hätten den Leuten aber gerne eine bessere Qualität geboten. Sie waren ja auf dieses Auto angewiesen. Wir sind fast alle Trabant gefahren. Eine Alternative gab es für die Mehrheit nicht.

heute.de: Aber es gab doch auch den Lada, Wartburg, Skoda oder Dacia ...

Mosig: Ja, aber da brauchte es schon viel Glück, Geschick und Geld, um an so einen heranzukommen. Die waren in so geringer Menge vorhanden, die wurden verteilt, nicht verkauft!

heute.de: Können Sie die heutige nostalgische Liebe der Deutschen zum "Kultauto Trabi" verstehen?

Mosig: Ja, schon. Vor allem viele ehemalige DDR-Bürger verbinden mit dem Auto ja auch ein gutes Stück Lebensgeschichte - und die Erinnerung ist dann fast wie an ein liebes Familienmitglied, das verstorben ist.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

1957 bis 2017 - der Trabi

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