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Tuning-Szene - Und es hat Brumm gemacht

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Flagge ist Auto-Tuner. Viele finden seine Szene albern, denn nur dumme Leute müssen mit ihren Wagen protzen. Wer mit Flagge und seinen Freunden auf eine Tuning-Messe fährt, versteht aber: Es geht nicht ums Protzen, sondern um Anerkennung.

Bevor er zur Tankstelle fährt, weckt Flagge eine ganze Straße auf. Es ist ein Sonntagmorgen in Hagen, acht Uhr. "Hier wohnt ein Freund von mir", sagt Flagge, als er um die Kurve biegt, und drückt auf das Gaspedal seines Golf V. R32 - das Auto röhrt, brummt, beruhigt sich wieder. 200 Meter später: "Hier wohnt ein anderer Freund von mir." Wieder das Gaspedal, wieder das Geräusch von 340 PS, die durch einen Auspuff donnern. Flagge schickt eine Sprachnachricht an seinen Freund: "Hast du mich gehört?"

Im Sommer fahren die Tuner jedes Wochenende auf eine Messe

Das Geräusch eines Golf V. R32 erkennt Flagge auf 100.000 Kilometer Abstand im Dunkeln mit verbundenen Augen - sagt er. Flagge hat einen Vornamen, aber wenn er im Auto sitzt, nennen ihn alle nur bei seinem Nachnamen. Flagge ist Tuner. An seinem Golf hat er alles umgebaut, was sich umbauen lässt. Gerade ist er auf dem Weg zur "DUB Industries", einem Treffen von Auto-Tunern in einem kleinen Ort zwischen Köln und Bonn. Die Veranstalter erwarten mindestens 600 Autos. Autos, die für ihre Besitzer mehr sind als Transportmittel.

An einer Tankstelle kurz vor der Autobahnauffahrt trifft sich um 8.30 Uhr die Hagener Tuningszene, um gemeinsam zur "DUB Industries" zu fahren. Auf fast allen Frontscheiben klebt unten ein Sticker: "BZRK58" steht da in Schnörkelschrift - Bezirk 58, die Zahl steht für die Hagener Postleitzahl. So nennt sich die Gruppe aus Tunern, die sich um Flagge gebildet hat. Nicht jeder kann Mitglied werden - Plastikteile sind nicht gern gesehen, von Billig-Tuning hält Flagge nichts. Es sollte schon Original sein und durchdacht. Bei BZRK58 geht es nicht um die dicksten Spoiler, sondern um Schönheit.

Rauch und Flammen aus dem Auspuff

Fast alle da. 15 Autos warten jetzt auf dem Tankstellengelände. "Wer fährt vor?", ruft einer, den alle nur den dicken Kevin nennen. "Hinter mir wollt ihr nicht fahren", sagt eine Frau Mitte 20. Ihr Peugeot ist mit roten Streifen verziert, und wenn sie aufs Gas drückt, dringen Rauchwolken aus dem Auto. Wahrscheinlich fährt sie ohne Katalysator. Sie findet das schön, weil es auffällt. Andere finden das Quatsch, weil es illegal ist und das Auto dafür stillgelegt werden kann. Der dicke Kevin fährt vor. Er hat die meisten PS. Hinter ihm fährt Mike. Er hat das hübscheste Mädchen auf dem Beifahrersitz.

Tuning ist eine eigene Szene mit eigenen Regeln und viele davon macht der TÜV. In Dortmund patrouilliert die Polizei nachts manchmal gemeinsam mit einem TÜV-Prüfer. Die Polizisten drücken kein Auge zu, und sie haben es auf Raser und Tuner abgesehen. Deshalb fahren Flagge und seine Freunde nicht mehr nach Dortmund - zu gefährlich.

So schnell, dass es donnert

Die Mitte zwischen Schönheit und Ekstase liegt im roten Drehzahlbereich. Flagge schaltet runter. Dritter Gang, 100 km/h, 120, der Wagen knattert, aber er leidet nicht, die linke Spur ist frei. Der fünfte von sechs Gängen, 140, 150, es donnert. Flagge drückt die Arme durch und zieht mehr, als dass er lenkt. 200, 230. Auf Flagges Playlist läuft My Way or the Highway von der Band Limp Bizkit. 30 Sekunden lang ist alles egal. Dann bremsen. Durchatmen, nochmal für ein paar Sekunden aufs Gas gehen, der Motor zuckt nach und verzagt wieder. Flagge schließt das Fenster, auf einmal ist es still. "Im Alltag fahre ich das Auto auch ganz normal", sagt er.

Flagge ist wie die meisten Tuner. Mitte 20, in seiner Lebensgeschichte steht er irgendwo zwischen dem ersten Gehalt und dem ersten Kind. Wer Familie hat, kann nicht tausende Euro in Optik investieren. Und hat auch keine Zeit, jedes Wochenende auf Messen zu fahren.

Die Jungs geben alles für das beste Foto

Kurz bevor die Kolonne auf das Gelände der "DUB Industries" fährt, eine Industriebrache, springt Flagge aus dem Auto und zieht das Kennzeichen ab. Kennzeichen entstellen das Auto, Kennzeichen machen sich nicht gut auf Fotos. Der Traum jedes Tuners: nur eine Zahl und nur ein Buchstabe.

Tuning-Messen sind wie Museen, in die jeder Besucher sein eigenes Ausstellungsstück mitbringt. Wer hier herkommt, ist Künstler. Während Flagge und seine Gruppe zwischen den Reihen von buntlackierten, tiefergelegten Autos vorbeigehen, sagen sie oft, dass sie etwas "geil" finden oder "unnormal krass". Aber sie lästern nicht. Es geht um Respekt dem Werk gegenüber - Respekt für das, was andere schön finden.

Es geht um Liebe und Anerkennung

Auf Tuning-Messen passiert nicht viel. Gegen Nachmittag sitzen alle in ihren mitgebrachten Campingstühlen. Wenn ein Auto vorbeifährt, fachsimpeln sie darüber, wie viele PS es hat. "Mach mal Lärm!", rufen sie den anderen Fahrern zu. Wer einen Auspuff hat, der beim Gasgeben knallt, dem nickt man anerkennend zu.

Die Veranstalter haben die Industriebrache als Ort für das Treffen ausgewählt, weil man dort gute Fotos machen kann. Backsteinmauern, Graffittis, mittendrin polierte Karosserien und 800 Leute, die die Welt vor allem durch die Sucher ihrer Kameras sehen. Die Bilder, die hier entstehen, laden die Tuner später ins Internet hoch. Flagges größter Erfolg ist ein Bild von seinem Auto, das 10.000 Menschen geliked haben. "Anerkennung zu bekommen für das, wofür ich gearbeitet habe", sagt er, "das ist natürlich ein tolles Gefühl".

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