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Bundestagswahl - Kinder, Rente, Flüchtlinge: Die Themen beim Bäcker

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Deutschland wählt - aber holt vorher noch schnell Brötchen: In Filialen der Bäckerei "Wahl" in Berlin und Brandenburg diskutieren die Kunden über Kitaplätze, die Rente - und Flüchtlinge. Erst danach gehen die meisten wählen - manche mit Wut im Bauch.

Schlussrunde zur Wahl bei ARD und ZDF mit Vertretern von CDU, CSU, SPD, Grünen, AfD und Linken. Eine Zusammenfassung.

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In Brandenburg ticken die Uhren früher. So richtig hell ist es im Nieselregen und Herbstnebel noch nicht, da ist in der Bäckerei "Wahl" schon Hochbetrieb. "Guten Morgen", "Schönen Sonntag", so geht das die ganze Zeit. In Mittenwalde, knapp 9.000 Einwohner, 40 Kilometer südlich von Berlin und hübsch saniert, stehen zwischen acht und neun Uhr Kunden bis auf die Straße raus. Brötchen holen ist offensichtlich Männersache. Und Wählen heute nur eine Aufgabe unter vielen.

"Wer nicht wählt, bekommt die, die man nicht will"

"Ein Sonntag wie immer", sagt René Kern (38). Wählen geht er später am Tag noch, natürlich. Der Wahlkampf hat seine Entscheidung aber nicht besonders beeinflusst. "Da wird meistens nicht über das geredet, was wirklich wichtig ist", sagt er. Kinderbetreuung zum Beispiel. Vor fünf Monaten zog Kern von Berlin nach Mittenwalde - und plötzlich muss er wieder Kita-Gebühren zahlen.

Kinder, Rente, die geringen Löhne, all das sind Themen, die die Menschen dort bewegen. "Ich habe zwei Kinder. Dass es ihnen gut geht und wir ein Auskommen haben, das ist doch das wichtigste", sagt Nico Mittelstädt. Seine Wahlentscheidung steht schon lange fest, von daher fand er den Wahlkampf auch "eher nervig". Damit scheint der 43-Jährige nicht allein zu sein.

Denn viel Mühe haben sich die Parteien in Mittenwalde nicht gegeben: Im Vergleich zu anderen Orten hängen dort wenig Plakate. Auch für Adelheid Voigt steht schon lange fest, wen sie wählt. Und dass sie wählt: "Wer nicht wählt, bekommt die, die man nicht will", sagt die 66-Jährige. Die junge Frau mit der kleinen Tochter an der Hand beeindruckt das wenig. "Ne, ich gehe nicht", sagt sie. Warum? "Ich habe das noch nie gemacht. Irgendwie bin ich da nicht so reingewachsen", sagt sie, klemmt sich die Brötchen unter den Arm und geht.

"AfD, was anderes kommt nicht mehr in Frage"

Zwölf Kilometer weiter östlich in Zeesen, ein Stadtteil von Königs Wusterhausen, liegt die "Wahl"-Bäckerei gleich neben dem Netto-Markt. "Diesmal", sagt Frank Fischer, sei es besonders wichtig zu wählen. "Es muss doch mal was besser werden, es bewegt sich ja schon so lange nichts mehr in dieser GroKo", sagt er. Wer die Große Koalition aus Union und SPD ablösen soll, verrät der 56-Jährige nicht. Da ist ein junger Mann offener. "AfD, was anderes kommt nicht mehr in Frage", sagt er. Erklären möchte er das nicht, seinen Namen lieber auch nicht sagen und eilt zum Auto.

Ortswechsel. Berlin-Adlershof. In der dortigen Filiale der Bäckerei "Wahl" holt Reinhard Vogt (68) Schrippen und BZ, die Berliner Boulevardzeitung. "Frau Merkel sitzt immer allet aus", sagt er. "Dass sie die Flüchtlinge aus Ungarn geholt hat, ok, aber dat andere, wat danach jekommen is... Die Afrikaner sind janz schlimm, die können nich ma ihren Namen schreiben." Wie er die AfD findet? "Ick sag mal so: Dit sind keene dummen Leute. Aber manchmal müssten die sich überlegen, was sie sagen." Vogt wohnt seit 34 Jahren in Köpenick. Zu DDR-Zeiten habe seine Wohnung noch 100 Ostmark gekostet. Jetzt zahle er 550 Euro. Da stimme doch was nicht, sagt er.

"Schulz hat mich auch nicht gerade vom Hocker gerissen"

Es gibt ihn, den Protest in Adlershof. Hier, etwa zehn Kilometer außerhalb von Berlin-Mitte, im Osten, hätten schon bei der vergangenen Wahl viele AfD gewählt, sagt Gerlinde, 63, roter Jutebeutel. "Ich hoffe, dass das dieses Mal nicht ganz so viele machen werden." Sie selber wähle die SPD. "Obwohl mich Martin Schulz auch nicht gerade vom Hocker gerissen hat." Etwas mehr hätte Schulz auf Rot-Rot-Grün setzen können. Und sich um die 30- bis 40-Jährigen kümmern müssen. "Die haben doch alle befristete Verträge, wer kümmert sich denn darum?" Und Grün wählen? Wäre das eine Alternative? "Nicht wirklich, die waren ja auch nicht gerade überzeugend..."

Adlershof ist Hochburg der Linken. Gregor Gysi wirbt um die Erststimme. Sahra Wagenknecht finden viele hier gut. "Die sagt doch wenigstens, was Sache ist", findet Skadi Buda, 31, Mutter von zwei Kindern. Große Konzerne müssten kaum Steuern zahlen, der kleine Mann hingegen viel zu viel. Und um ihre beiden Kinder kümmere sich die Politik auch kaum. "Sehe ich ähnlich", sagt Jennifer Hanf (23), die Verkäuferin in der Bäckerei. Sie habe sich um einen Kita-Platz für ihr zweites Kinde erkundigt, in der Nähe. "Da hätte man vier Jahre warten müssen, deswegen ziehen ja auch alle weg", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ob sich durch ihre Wahl wirklich etwas ändert? Das glauben die beiden jungen Mütter nicht. Und gehen trotzdem wählen. "Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben."

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