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ZDFzoom - Der Wahnsinn mit dem Weizen

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Ein Viertel der deutschen Weizenexporte ging 2016 nach Afrika. Ein Beitrag gegen Hunger und Not? Die Realität sieht anders aus: Der Import macht einheimischen Produkten Konkurrenz.

Ein Viertel der deutschen Weizenexporte ging 2016 nach Afrika. Auf den ersten Blick ein Beitrag gegen Hunger und Not. Aber stimmt das? Die Recherchen von "ZDFzoom" ergeben ein anderes Bild.

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29 min
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Weizen für Afrika - was auf den ersten Blick wie ein Beitrag gegen Hunger und Not aussieht, schafft in Wahrheit dramatische ökonomische Probleme: "An sich wäre es natürlich viel vernünftiger, lokale Produkte zu verwenden. Es gibt ja Mehlsorten von hier. Aus Hirse, aus Sorghum, aus Maniok. Aber die sind viel teurer." Der Inhaber eines Crêpes-Standes im senegalesischen Dakar erklärt in wenigen Worten, was den Wahnsinn mit dem Weizen ausmacht.

Deutsche Bauern produzieren Weizen im Überfluss

Weizen ist das wichtigste Agrarprodukt unserer Landwirtschaft. Das Getreide kostet den deutschen Steuerzahler viel Geld, denn nur durch Subventionen können die deutschen Weizenproduzenten Gewinn erwirtschaften. Deutschland erzeugt mehr, als es verbraucht: Über 24 Millionen Tonnen waren es in der vergangenen Ernteperiode. Fast zehn Millionen Tonnen wurden 2016 exportiert, ein Viertel davon nach Afrika. Extrem erhöht haben sich deutsche Weizenlieferungen in den westafrikanischen Senegal.

Weizen benötigt ein gemäßigtes Klima, deshalb war hier in Afrika Jahrtausende lang Brot aus Weizenmehl weitgehend unbekannt. Die Menschen ernährten sich mit Getreidebrei oder Fladen aus Sorghum, Hirse oder Maniok. Diese Pflanzen gedeihen auch im heißen Klima problemlos. Erst in der Kolonialzeit führten besonders die Franzosen Baguette als Alltagsnahrung ein und schufen so zugleich einen Absatzmarkt für ihre eigenen Erzeugnisse.

Einheimische Produkte verlieren Marktanteile

Weizenbrot als Grundnahrungsmittel - das schafft heute im heißen Afrika, wo Weizen nicht angebaut werden kann, eine Vielzahl von fatalen Abhängigkeiten. Im Senegal etwa sank der Hirsekonsum pro Kopf und Jahr von 80 Kilo 1961 auf 25 Kilo 2010, während sich die deutschen Weizenexporte in das westafrikanische Land in dieser Zeit vervierfachten.

Franck Bavard, der Direktor einer Getreidemühle in Dakar erklärt, warum der Freihandel mit Afrika nicht wirklich funktioniert: "Europa hat 200 Jahre Industrialisierung hinter sich. Der Senegal ist gerade mal 50 Jahre unabhängig. Wir müssen also in Sachen Ausbildung einen Rückstand von 150 Jahren aufholen. Das ist nicht so einfach. Natürlich sollten wir auf afrikanische Produkte setzen und diese konkurrenzfähig machen. Aber dafür müsste man den Ländern hier mehr Möglichkeiten geben, sich in Ruhe zu entwickeln."

Getreide-Exporte verhindern sinnvolle Entwicklungshilfe

Die Getreide-Exporte torpedieren auch sinnvolle Entwicklungshilfe. EU-finanzierte Agrarprojekte in Afrika scheitern, weil die einheimischen Bauern trotz der Hilfe mit ihren Produkten keine Chance gegen den billigen europäischen Weizen haben. Die Europäer schaffen so indirekt jene Fluchtursachen, die sie eigentlich bekämpfen wollen. Ein Marshallplan für Afrika wird gerade diskutiert. Dabei gäbe es eine einfache Maßnahme: ein Stopp der verfehlten EU-Handelspolitik auf dem Agrarsektor.

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