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Deutscher Arzt in Syrien - Rakka: Viele Verwundete ohne Chance

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Seit gut einer Woche ist der Wiesbadener Arzt Dr. Michael Wilk in Rakka in Nordsyrien. Wilk hilft dort, direkt hinter der Front des Bürgerkrieges, Menschen ärztlich zu behandeln. Hier berichtet er regelmäßig in seinem "Tagebuch aus Syrien".

Diese Notfallmediziner gehen nicht nur an syrische Grenzen, sondern auch an ihre eigenen. Hilfe leisten ist für sie eine Herzensangelegenheit.

Beitragslänge:
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Tag 8: Viele Verwundete haben kaum eine Chance

Um von einer Seite Rakkas auf die andere zu gelangen, muss die Stadt nördlich umfahren werden. Der IS sitzt in der Stadt, im Süden ist der Euphrat. Wir brauchen drei Stunden, um von dem westlich gelegenen ersten "Trauma Stabilization Point" (TSP1) zum östlichen TSP2 zu gelangen. Dieser Versorgungspunkt liegt wesentlich näher zur Front. Unweit werden schwere Geschütze abgefeuert.

Ich bin hier, um an einer Absprache zwischen Nichtregierungsorganisationen, dem kurdischen Roten Halbmond und einem Vertreter der "Syrischen Demokratischen Kräfte" teilzunehmen. Es gilt, Kräfte zu bündeln angesichts mangelnder Ressourcen - und mit Blick auf den sich immer enger um den IS zusammenschnürenden Frontverlauf. Eines der Hauptprobleme sind die langen Transportwege von Schwerverletzten zu einem funktionierenden Krankenhaus. In manchen Fällen kommen zweieinhalb Stunden einem Todesurteil gleich.

Am Ende der heutigen Zusammenkunft steht die Absichtserklärung, im nächstgelegenen Hospital eine Blutbank einzurichten. Ein mageres Ergebnis. Alle Helfer und Helferinnen geben ihr Bestes, aber der Mangel an Material und Geld sowie die Aspekte der persönlichen Gefährdung durch die Arbeit in einem Kriegsgebiet zeigen schnell die Grenzen auf. Auch machen sich Zukunftssorgen breit, denn der IS hat das Gebiet massiv vermint. Wie eine zurückkehrende Zivilbevölkerung medizinisch versorgt werden soll, ist derzeit noch ungewiss.

Schnell holt einen das Hier und Jetzt wieder ein: Ein Pickup bringt einen Verletzten. Der junge Mann ist nicht mehr ansprechbar, der Blutdruck fallend, das Einschussloch im Unterbauch zwingt zu schnellem Handeln. Die Prognose ist denkbar schlecht, wir kämpfen um den Patienten. Er verstirbt eine halbe Stunde später.

Tag 6 und 7: Erste Hilfe nahe der Front mit begrenzten Mitteln

Unser Versorgungspunkt liegt aus Sicherheitsgründen außerhalb der Kampfzone von Rakka. Es sind wenige Fahrminuten über holprige Straßen bis zu dem Bereich, in dem die Rettungswagen vom kurdischen Halbmond die Verletzten laden und die ersten Maßnahmen einleiten. Nur drei bis vier gepanzerte Fahrzeuge sind in der Lage, Schwerverwundete direkt aus der Feuerzone zu bergen und sie den Rettungswagen zu übergeben.

Wir sind diesmal primär für die Versorgung von Zivilisten zuständig, ein ähnlicher "Trauma Stabilization Point" untersteht dem Militär. Im Bedarfsfall wird jeder Mensch versorgt, im Notfall muss behandelt werden. Das gilt selbstverständlich auch für verletzte IS-Kämpfer. Im vergangenen Jahr, bei den Kämpfen um Manbij, musste ich mehrfach erleben, dass verwundete IS-Kämpfer sich nicht von Krankenschwestern berühren lassen wollten. Es gibt jedoch Situationen, da kann auf Patientenwünsche wenig Rücksicht genommen werden, vor allem wenn es um Leib und Leben geht.

Die Distanzen sind ein großes Problem. Die nächsten Krankenhäuser, die eine definitive Versorgung vornehmen können, sind mindestens zweieinhalb Stunden entfernt. Wir können mit unserem kleinen OP und begrenzten Mitteln kleine und mittlere Wunden versorgen. Patienten mit zerschossenen Knochen und anderen schweren Verletzungen müssen verlegt werden. Der Transport von Rakka nach Tall Abyad, Kobane oder Quamishlo ist eine Herausforderung für die Fahrer der Ambulanzen und ein Hochrisiko für die Patienten. Nötig wäre ein Fronthospital mit einigen Betten, es fand sich jedoch keine Organisation und keine NGO, die in der Lage und Willens gewesen wäre, dieses Hospital rechtzeitig einzurichten.

Der Kampf gegen den IS, wird am Boden durch die "Syrischen Demokratischen Kräfte" (SDF), einem Zusammenschluss aus kurdischen, arabischen, turkmenisch-kurdischen und assyrisch-aramäischen Kräften, vorangetrieben. Der hohe Anteil von kämpfenden Frauen unter den kurdischen Einheiten ist hier legendär, auch die Oberkommandierende ist eine Kurdin aus Rakka. Unterstützt werden die SDF durch die Luftwaffe der USA und durch Spezialeinheiten. Der Militäreinsatz wird zum Teil mit neuester Technik geführt. Die Versorgung von Kranken und Verletzten, vor allem der Zivilbevölkerung, befindet sich leider auf einem ganz anderen Niveau.

Wir wissen nicht genau, wie viele Zivilisten und Kämpfer des IS sich noch in der Innenstadt von Rakka aufhalten. Als vor zwei Wochen das Kinderkrankenhaus aus den Händen des IS befreit werden konnte, fand man dort eine hohe Anzahl Toter (einzelne Berichte sprechen von 1.000 Menschen) und 200 lebenden zivilen Gefangenen im Gebäude.

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