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Deutscher Arzt in Syrien - Rakka: Die Sorge gilt den Kindern

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Seit gut einer Woche ist der Wiesbadener Arzt Dr. Michael Wilk in Rakka in Nordsyrien. Gleich hinter der Front des Bürgerkrieges hilft er, Menschen zu behandeln. Manchmal ist es aber auch schon zu spät für seine Hilfe. Hier berichtet er in seinem "Tagebuch aus Syrien".

Diese Notfallmediziner gehen nicht nur an syrische Grenzen, sondern auch an ihre eigenen. Hilfe leisten ist für sie eine Herzensangelegenheit.

Beitragslänge:
2 min
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Tag 11: Ein Moment der Hilfslosigkeit

Es war eine unruhige Nacht. Nicht nur die um Viertel vor fünf ertönende Tonbandstimme des Muezzins lässt mich aufschrecken, sondern das die ganze Nacht anhaltende Bombardement. Der IS verfügt nur noch über circa 20 Prozent der Stadtfläche und ist massiv unter Beschuss. Betroffen somit auch eine unbekannte Anzahl Zivilpersonen, darunter viele Kinder.
Das Quietschen von Bremsen und das Schlagen schwerer Fahrzeugtüren lässt mich in die Kleider springen und zum Tor des Trauma-Versorgungspunkts eilen, normalerweise kündigen diese Geräusche das Eintreffen eines oder mehrerer Verletzter an. Als ich jedoch in den Laderaum eines eingetroffenen Militärfahrzeuges blicke, sehe ich Kinderleichen, dicht an dicht, notdürftig verhüllt mit Decken. Vier Kinder und eine Frau, bedeuten mir die Gesten der kurdischen Milizsoldaten. Zeitgleich trifft ein Pkw ein, wehklagende Frauen brechen schreiend vor uns zusammen, als wir die toten Körper im Hof unseres Stützpunktes ablegen. Die Gesichter, Körper und Glieder von Projektilen durchschlagen und zerfetzt, starre Kinderaugen.

Letztlich ist nicht zu klären, was genau geschehen ist. Vermutlich geriet die junge Mutter im Morgengrauen zwischen die Fronten. Bei einer Untersuchung der Leichen konnte ich zumindest keine Hinweise auf eine Erschießung aus nächster Nähe feststellen.

In einem solchen Moment reagieren Menschen unterschiedlich, manche reden, andere schweigen in sich gekehrt, ernste und traurige Gesichter, auch wütende Verwünschungen. Danach beginnen wir mit unserer Arbeit, versorgen eintreffende Patienten, der Koch begibt sich in die Küche, Routine kann auch guttun. Allen ist der Tod vertraut, die Männer und Frauen des kurdischen roten Halbmonds kennen ihn seit Beginn des Krieges 2011. Viele haben Brüder und Schwestern im Kampf mit dem IS verloren, auch ich habe in Syrien und als Notarzt genug gesehen. Und doch sind vor allem tote Kinder immer wieder ein Moment des Horrors, der Hilflosigkeit und auch der Wut. Niemals sind Kinder mehr Opfer als in den Kriegen der Erwachsenen.

Tag 9 und 10: Die Sorge um die Kinder

Der Halteplatz unserer Rettungswagen ist außerhalb der Rakka-Feuerzone und damit einerseits sicher genug, andererseits nah genug der Front, um Verletzte möglichst zeitnah aufzunehmen. Draußen stehen Kinder am Straßenrand, eingehüllt in die Staubwolken vorbeifahrender Autos. Der allgegenwärtige Staub dürfte das geringste Problem dieser Generation sein. Nicht nur die direkte Bedrohung durch Bomben und Minen, sondern auch die Perspektivlosigkeit ist bedrückend.
In vielen Gesprächen erfahre ich, dass es die Sorge um die Kinder ist, die Menschen zur Flucht treibt. Sherwan 29, Zahnarzt und Koordinator beim kurdischen Roten Halbmond, übersetzt mir ins Englische, weil ich weder Kurdisch noch Arabisch spreche. Sherwan ist mir in den Jahren der Zusammenarbeit zum Freund geworden. Er entstammt einer Jesidischen Familie, einer vom IS besonders unmenschlich behandelten Minderheit.
Sherwans Familie brachte sich in Sicherheit und floh nach Deutschland. Er blieb, um zu helfen, den kurdischen Roten Halbmond mitaufzubauen. Sherwan koordiniert die Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen und verschafft der unabhängigen Organisation so die Mittel zum Aufbau von Ambulanzen und ganzen Krankenhäusern.
Ich habe Sherwan auf meiner ersten Reise nach Rojava/Nordsyrien kennengelernt und weiß um seine tiefe Zerrissenheit und Sorgen. Als ältester Sohn müsste er sich um seinen kranken, alten Vater und seine Familie kümmern, andererseits sieht er seine Aufgaben in der Fürsorge für Viele und im Wiederaufbau.
Ich denke: Wer vor dem IS-Terror aus Rakka fliehen konnte, kann sich glücklich schätzen. Trotz des allgegenwärtigen Mangels gibt es im mehrheitlich von Kurden bewohnten Rojava Schulunterricht. Am wiederaufgebauten Hospital von Serekanije hat eine Medizinschule die Arbeit aufgenommen.

Wie bitter nötig eine medizinische Infrastruktur in Rojava ist, zeigt ein Beispiel vom heutigen Tag: In Quamishlo, der Hauptstadt Rojavas, hat es einen Anschlag gegeben. Ein vierjähriges Kind verlor dabei sein Leben, sieben Menschen wurden schwer verletzt. Sie werden inzwischen vom kurdischen Roten Halbmond notversorgt.

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