Sie sind hier:

Deutscher Arzt in Syrien - "Behandle zuerst, was zuerst tötet"

Datum:

Splitter entfernen, nähen, verbinden: Seit zwei Wochen ist der Wiesbadener Arzt Michael Wilk in Rakka in Nordsyrien und hilft im Kriegsgebiet, Menschen zu behandeln. Manchmal zu spät, manchmal helfen auch schon kleine Dinge. Davon erzählt Wilk hier im "Tagebuch aus Syrien". 

Diese Notfallmediziner gehen nicht nur an syrische Grenzen, sondern auch an ihre eigenen. Hilfe leisten ist für sie eine Herzensangelegenheit.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Tag 13 und 14: Irgendwo ist eine Mine explodiert - jetzt muss es schnell gehen

Ich stehe um 6:30 Uhr auf, um in den kühlen Morgenstunden ein wenig Zeit für mich zu haben. Das Haus, in dem unsere medizinische Versorgungsstation untergebracht ist, hat ein Flachdach. Dort schlafen einige Soldaten; die Waffen in Griffweite neben sich. Sie hatten Nachwache und ruhen sich nun etwas aus. Der "Trauma Stabilization Point" des kurdischen Roten Halbmonds wird - wie alle wichtigen Gebäude - rund um die Uhr bewacht. Auch wenn die Kämpfer des IS in Rakka zunehmend in einem immer kleineren Gebiet zusammengedrängt werden und wir im befreiten Gebiet unser Quartier errichtet haben, ist die Lage angespannt. Es wird immer mit Anschlägen gerechnet.

Der Tag beginnt gnädig, in loser Folge kommen leichtere Fälle: Wundkontrollen, Bauchschmerzen und kleine Verletzungen. Erkrankte Frauen werden primär von Helferin Anoud versorgt, die sich von einem ihrer Kollegen unterstützen lässt, oder wenn nötig, ärztliche Hilfe anfordert.

Dann muss es plötzlich schnell gehen, irgendwo ist eine Mine explodiert. Der eingelieferte Mann, ein Zivilist, ist nicht mehr klar ansprechbar, er windet sich, stöhnt vor Schmerz beim Überheben von der Trage auf den provisorischen OP-Tisch. Sein eines Bein ist gebrochen. Der Mann blutet aus mehreren Wunden, seine Kleidung hat sich dunkel gefärbt.

Hemd und Hose wegschneiden, von allen Seiten Verletzungen sichten, venöse Zugänge legen, Sauerstoff - alles in kurzer Folge. Es gilt die Devise: Behandle zuerst, was zuerst tötet. Ein Splitter ist in den Brustkorb gedrungen, durch die Öffnung strömt Blut – und schlimmer - Luft hinein. Wir legen Drainagen, die kollabierte Lunge wird entlastet, der Patient intubiert (künstlich beatmet) und das Bein geschient. Beide Beine sind durchsiebt von kleinen Fremdkörpern, die tief ins Gewebe gedrungen sind. Wir nähen und verbinden, schicken den Patient auf die mehr als zweistündige Fahrt ins nördlichere Kobane. Ein erfahrener Anästhesiepfleger bekommt die Verantwortung für den Transport. Mehr können wir hier nicht für ihn tun.

Es folgen allein am heutigen Vormittag noch zwei weitere Patienten mit Sprengverletzungen. Der IS hat bei seinem Rückzug viele Häuser vermint, um die angreifenden Männer und Frauen der "Syrischen Demokratischen Kräfte" (SDF) am Vorrücken zu hindern. Die Sprengfallen sind perfide: Dünne, kaum sichtbare Schnüre sind gespannt, um die Zünder auszulösen. Minen können unter Spielzeug liegen und beim Aufheben explodieren. Minen finden sich unter Leichen, die geborgen werden müssen. Minen sind am Straßenrand unter Sand und Schutt versteckt.

Wenn wir mit den Ambulanzen unterwegs sind, bleiben wir strikt auf dem schon befahrenen Weg, keiner von uns würde in ein Haus gehen, das nicht zuvor durchsucht und freigegeben worden ist. Genau das jedoch passiert, wenn die zuvor geflüchteten Menschen aus den Flüchtlingscamps nördlich von Rakka zurückkehren. Allein im eineinhalb Stunden entfernten Ain Issa harren in Zelten über 10.000 Menschen unter miesen Bedingungen aus.

Diejenigen, die Staub und Hitze nicht mehr aushalten, oder Angst haben, ihr zurückgelassenes Hab und Gut an Plünderer zu verlieren, und deshalb zurückkehren, bezahlen das Betreten ihres Hauses nicht selten mit dem Leben.

Es wird ein langer Tag: Kaum zu Bett, heißt es wieder aufstehen. Um halb zwei Uhr nachts wird der vorerst letzte Patient gebracht. Ein junger Mann mit schweren Gesichtsverletzungen. Ein Motorradunfall. Wir müssen nähen.

Tag 12: Zum Trost ein Ballon mit aufgemaltem Gesicht

Der frühe Morgen ist die angenehmste Tageszeit, bevor sich mit höher steigender Sonne alles in einen Backofen verwandelt. Unser Koch Hamid hat das Frühstück vorbereitet, dass wir wie gewohnt, am Boden sitzend einnehmen. Sesam, Marmelade, Joghurt, Olivenöl, Käse und natürlich Fladenbrot. Wir trinken gesüßten Tee. Danach Training der Helfer; die Patienten, die am Morgen spärlicher kommen als abends, müssen eine Weile warten. Nur echte Notfälle werden sofort versorgt.

Der neue Defibrillator, die Spende einer Hilfsorganisation, an den kurdischen roten Halbmond, ist ein Alleskönner, aber auch eine Herausforderung. Als Trainer und Berater soll ich die Helfer fit machen für den richtigen Umgang mit dem Gerät. Die Reanimation, das Vorgehen bei starken Blutungen und die Behandlung bestimmter Herzrhythmusstörungen durch Elektroschock stehen ebenso auf dem Programm. Hinzu kommt die Behandlung von psychischen Ausnahmezuständen und auch die eigene psychische Verfassung ist Thema, gerade für Menschen, die mit wenig Pausen über lange Zeit extrem belastenden Situationen ausgesetzt sind.

Neben kriegsbedingten Verletzungen versorgen wir mit dem "Trauma Stabilization Point" des kurdischen Roten Halbmonds mangels vorhandener Krankenhäuser auch die umliegende Bevölkerung bei einfachen Problemen: Ein kleiner Junge ist gestürzt, wir nähen die große Platzwunde auf seiner Stirn. Anoud assistiert. Mit 48 Jahren gehört die erfahrene Helferin zu den Älteren im Team und trägt als einzige der Frauen Kopftuch. Ihre beiden Söhne kämpfen bei den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG gegen den IS. Ihr Mann betreibt einen kleinen Laden. Befragt, warum sie nicht geflohen sei, antwortet sie, dass sie ihre Söhne niemals allein lassen würde. Diese stünden nicht nur an der Front, sondern engagierten sich auch leidenschaftlich für den Aufbau einer basisdemokratischen Gesellschaft.

Die Stirn des Jungen ist versorgt. Der Kleine bekommt zum Trost einen aufgeblasenen Handschuh mit aufgemaltem Gesicht von mir. Ich bekomme einen Tee. Es sind durchaus die scheinbar kleinen Dinge, die einem Freude bereiten. Dies umso mehr in einer Atmosphäre des Krieges und des Terrors, dessen Wucht geeignet ist, wie in Dantes Inferno "jede Hoffnung fahren zu lassen".

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.