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Deutscher Arzt in Syrien - "Glücklicherweise ist dem Baby nichts passiert"

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Hilfseinsatz mitten im Bürgerkrieg: Fast drei Wochen ist Dr. Michael Wilk aus Wiesbaden in Rakka in Nordsyrien. Dort hilft der Arzt, Menschen im Kriegsgebiet medizinisch zu versorgen. Davon erzählt Wilk hier im "Tagebuch aus Syrien".

Diese Notfallmediziner gehen nicht nur an syrische Grenzen, sondern auch an ihre eigenen. Hilfe leisten ist für sie eine Herzensangelegenheit.

Beitragslänge:
2 min
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Tag 15: Der IS-Terror ist noch nicht zu Ende

Vom Dach des "TSP 2" (Trauma Stabilization Point), der Notfallstation des kurdischen Roten Halbmondes im Osten Rakkas, ist der Blick ausgezeichnet. Deutlich zu sehen das riesige Getreidesilo am anderen Ende der Stadt: Von dort erfolgte gestern ein Gegenangriff des IS auf die zurzeit von Norden vorrückenden Truppen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), einem Zusammenschluss aus kurdischen, arabischen, turkmenisch-kurdischen und assyrisch-aramäischen Kräften. Offensichtlich ist der IS noch nicht am Ende, oder es handelt sich um einen Akt der Verzweiflung der eingeschlossenen Islamisten. Vereinzelt ist das Feuer von Maschinenwaffen zu hören.

Im Erdgeschoss des TSP 2 ist der medizinische Stützpunkt eingerichtet, ein improvisierter OP, ein Aufnahmeraum mit vier Liegen, ein zweites mit Liegen bestücktes Zimmer für Minderverletzte. Darum herum gruppiert Lager, Küche und Ruheräume. Im Hof stehen die Ambulanzfahrzeuge neben dem wummernden Generator.

Das Stadtviertel ist von den gerade einmal vier Wochen zurückliegenden Kämpfen stark gezeichnet. Mit Einschüssen übersäte und zum Teil zusammengestürzte Häuser, Trümmer und Staub, mit Baggern zur Seite geschobene Barrikaden des zurückgewichenen IS. Durch die Wände gebrochene Schießscharten finden sich auch in dem Gebäude, das wir zur Einrichtung der Rettungsstation bezogen haben. Patronenhülsen liegen massenweise im Hof.

Jamila ist die Leiterin der 15-köpfigen Truppe. Die taffe, erfahrene Krankenschwester wird von allen gemocht und akzeptiert. Ambulanzfahrer, Sanitäter, der Anästhesiepfleger und der anwesende Chirurg arbeiten sonst in Krankenhäusern und nur nebenberuflich für den kurdischen Roten Halbmond. Das Team wurde speziell für den Einsatz in Rakka zusammengestellt. Nicht alle sind Kurden, der chirurgische Kollege und ein Ambulanzfahrer sind Araber.

Es ist 9 Uhr morgens, eigentlich Zeit für meine morgendliche Schulung. Doch es kommt nicht dazu: Eine Mutter und ihr wenige Monate altes Baby sind mit dem Motorrad gestürzt. In der jetzigen Kriegssituation sind Fahrzeuge rar, in der Not quetschen sich ganze Familien auf ein Moped. Der Kollege kümmert sich um die Mutter, Jamila und ich untersuchen die kleine Patientin. Glücklicherweise ist dem Baby nichts passiert, wir übergeben das Kind der Mutter, die mit Abschürfungen davon gekommen ist.

Noch während die Familie von dannen zieht, bringt uns ein Militärfahrzeug einen verletzten Soldaten. Jemand hat ihm noch direkt an der Front einen Druckverband am rechten Hinterhaupt angelegt, beide Oberschenkel sind abgebunden, die Hosenbeine blutgetränkt, die Atmung hat bereits ausgesetzt. Die Pupillen sind entrundet und lichtstarr. Im EKG ein schwächer werdender Rhythmus, bei nicht mehr messbarem Blutdruck. Ich entdecke ein Einschussloch direkt hinter dem linken Ohr und mehrere Einschüsse in den Brustkorb. Man hat uns einen Sterbenden gebracht, dem niemand mehr helfen kann. Er ist vielleicht 22 Jahre alt.

An den Ärmeln der Uniform sehe ich das Zeichen der YPG, der kurdischen Volksverteidigungseinheiten. Das Abzeichen, das die hier eingesetzten US-amerikanischen Soldaten auch gern als Souvenir tragen, weil sie die kurdischen Einheiten im Kampf gegen den IS schätzen, darf in Deutschland laut Entscheidung des Bundesinnenministeriums nicht auf Demonstrationen gezeigt werden. Offizieller Grund ist die politische Nähe der YPG Rojavas zu der in der Türkei und in Deutschland verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Für den jungen Mann, der im Kampf gegen den IS schwerstverwundet wurde, hat das alles keine Bedeutung mehr.

Sein Herz hört Minuten nach seiner Einlieferung bei uns zu schlagen auf.

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