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Deutscher Arzt in Syrien - Viele der Geflüchteten sind dehydriert oder verletzt

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Hilfseinsatz mitten im Bürgerkrieg: Fast drei Wochen ist Dr. Michael Wilk in Rakka in Nordsyrien. Dort hilft der Wiesbadener Arzt, Menschen medizinisch zu versorgen. Mal in einem Camp, mal vor Ort in einem Flüchtlingslager. Davon erzählt Wilk hier im "Tagebuch aus Syrien".

Diese Notfallmediziner gehen nicht nur an syrische Grenzen, sondern auch an ihre eigenen. Hilfe leisten ist für sie eine Herzensangelegenheit.

Beitragslänge:
2 min
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Tag 16: Ein Flüchtlingscamp in der Wüste

In der 150 Kilometer von Rakka entfernten Großstadt Dayr az Zaur droht eine weitere humanitäre Katastrophe. Tausende Menschen sind auf der Flucht vor den Kämpfen zwischen den Truppen des Assad-Regimes, die mit russischer Unterstützung von Süden vorrücken, dem IS, und der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die von den USA unterstützt werden und von Norden angreifen. Die Stadt ist mit mehreren hunderttausend Bewohnern die letzte Großstadt, die noch vom IS besetzt ist. Das militärische Ende der islamistischen Terrorherrschaft rückt in immer greifbarere Nähe, der Kampf um Einflusszonen der Sieger wird erbittert geführt.

Männer und Frauen, Familien mit Kindern und alten Leuten, sind massenhaft auf der nördlichen Fluchtroute Richtung Haseke unterwegs. Die Menschen, fast alle arabischer Herkunft, fliehen in Richtung Rojava, das mehrheitlich von Kurden bewohnte Gebiet in Nordsyrien, das sich nicht nur vom IS befreit hat, sondern auch vom Assad-Regime abgrenzt und unabhängige basisdemokratische Strukturen zu etablieren sucht.

Ich habe meine notfallmedizinischen Schulungen weitgehend abgeschlossen, als wir gebeten werden, zwei Rettungswagen von unseren Stützpunkten an der Rakka-Front abzuziehen und nach Dayr az Zaur zu entsenden. Der kurdische Rote Halbmond hat gelernt, mit knappen Ressourcen hauszuhalten und umzuverteilen, wenn es irgendwo eng wird. Dr. Sherwan und ich begleiten die Fahrzeuge auf den Weg nach Haseke und dann weiter nach Süden. Im Flüchtlingslager Arischa sind zurzeit circa 9.500 Menschen. Es ist ein Durchgangslager, an manchen Tagen kommen um die 1.000 Geflohene, viele verlassen das Lager jedoch auch, um nördlich, oder auch in Richtung Aleppo, Anschluss und Unterkunft bei Verwandten und Freunden zu finden.

Das Lager liegt in der Wüste, die Hitze steht über den Zelten, die vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) stammen. Wassercontainer und ein Verwaltungsgebäude stellen die magere Infrastruktur des Camps dar. In zwei großen Zelten werden die Menschen medizinisch versorgt, an der Außenseite die Logos des kurdischen Roten Halbmonds und "Un Ponte Per", einer italienischen Hilfsorganisation, die den Halbmond in seiner Arbeit unterstützt.

Hunderte Menschen werden hier täglich versorgt, im einen Zelt Notfälle, Kinder und internistische Erkrankungen, im anderen Zelt Frauen mit gynäkologischen Problemen. Eine Frauenärztin und zwei Hebammen arbeiten hier, viele Kinder haben im Camp Arischa das Licht der Welt erblickt. Viele der Geflohenen sind dehydriert oder haben Verletzungen davongetragen. Daneben Fälle von Krätze und die regionaltypische Leishmaniose (eine von Tieren übertragene Infektionskrankheit, Anm.d. Red.).

Wer wie ich das Elend des Krieges erlebt, der redet nicht mehr von einem "Flüchtlingsproblem", sondern von einer Katastrophe, die Menschen zur Flucht zwingt. Die erkrankten Erwachsenen und Kinder, die in den letzten Jahren unter dem IS lebten, werden von Helferinnen und Helfern versorgt, die erklärtermaßen zu Gegnern des IS gehören. Die Männer und die meist tiefverschleierten Frauen, sehen sich Menschen gegenüber, die sie nicht nur mit Respekt behandeln, sondern sich auch untereinander auf Augenhöhe begegnen. Die praktizierte Gleichberechtigung von Mann und Frau, in Rojava die Regel, wird hier zur positiven Kulturkonfrontation. Die archaischen inhumanen Gesetze des IS wirken auch nach dessen militärischer Niederlage fort. Hier eine Veränderung zu bewirken ist nötig; die Arbeit des kurdischen Halbmondes ist in dieser Hinsicht ein erster kleiner Schritt auf diesem schwierigen Weg.

Unsere Ambulanzwagen verstärken die kleine Flotte von Fahrzeugen, die Schwersterkrankte oder Verletzte aus dem Flüchtlingslager Arischa in die Krankenhäuser von Haseke oder Quamishlo transportieren.

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