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Deutscher Arzt in Syrien - Ein schwerer Überfall kurz vor der Rückreise

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Einsatz mitten im Bürgerkrieg: Gut drei Wochen hat Dr. Michael Wilk im syrischen Rakka Hilfe geleistet: Kranke und Verwundete versorgen, Helfer vor Ort ausbilden und schulen. In seinem "Tagebuch aus Syrien" hat der Wiesbadener Arzt regelmäßig berichtet, nun zieht er Bilanz.

Diese Notfallmediziner gehen nicht nur an syrische Grenzen, sondern auch an ihre eigenen. Hilfe leisten ist für sie eine Herzensangelegenheit.

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Tag 17 und ein Fazit: Unsere Arbeit ist noch längst nicht beendet

Die sogenannten "Häuser der Verletzten" gibt es in jeder größeren Stadt Rojavas. Hierher werden die Soldatinnen und Soldaten der kurdischen Volksverteidigungseinheiten gebracht, die in ihrem Kampf gegen den IS schwer verwundet wurden und einer längeren Genesung bedürfen. Auf meiner ersten Reise nach Nordsyrien 2014, musste ich feststellen, dass viele Verletzte zwar mehr oder weniger gut operiert wurden, aber die nötige Nachversorgung mangelhaft war.

Hier bringt Torsten Lengfeld, Physiotherapeut aus Mainz, die benötigte Hilfe. Er arbeitet im "Haus der Verletzten" in Quamishlo, schult die dort aus verschiedenen Gegenden Rojavas zusammengekommenen Therapeuten in Physiotherapie. Er setzt die Arbeit eines Mainzer Teams von "Physios" fort, die schon vor zwei Jahren begannen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und einheimische Helfer vor Ort ausbildeten. Torstens Sachverstand trägt dazu bei, das Elend der meist jungen Männer und Frauen zu lindern, die Leben und Gesundheit im Kampf gegen den IS und für neue gesellschaftliche Verhältnisse opfern.

Verlorene Gliedmaßen werden jetzt besser prothetisch versorgt als vor drei Jahren, berichtet Torsten. Aber physiotherapeutisch liegt immer noch viel im Argen. Ohne die nötige physiotherapeutische Behandlung versteifen Gelenke, schrumpft die Muskulatur und beeinträchtigen Lähmungen mehr als sie müssten.

Wir sind verabredet, um die Rückreise nach Deutschland zu planen, als mich die Nachricht erreicht, dass unser Sanitätspunkt 2 in Rakka, an dem ich noch vorgestern Verletzte versorgte, unter Feuer des IS geraten ist. Wir erfahren, dass es einem Kommando der Terroristen - verkleidet in Uniformen der kurdischen Einheiten - gelang, die Kontrollpunkte zu passieren. In der Straße, in der auch unsere Ambulanzstation liegt, eröffneten die IS-Männer das Feuer, töteten direkt vorm Eingang des Sanitätspunkts einen Angehörigen der "Syrischen Demokratischen Kräfte" (SDF) und verschanzten sich in einem Haus.

Sherwan und ich sind tief besorgt, wir halten Rücksprache mit anderen Angehörigen des kurdischen Roten Halbmonds und brechen sofort mit einem Ambulanzfahrzeug auf, um den Angegriffenen beizustehen. Die Fahrt von Quamishlo nach Rakka dauert normalerweise viereinhalb Stunden. Wir schaffen die Strecke mit Sirenen und Blaulicht in drei Stunden. Unterwegs schließen sich uns drei weitere Fahrzeuge des Halbmonds an.

Unser kleiner Konvoi steuert den letzten sicheren Militärposten vor der Front an. Dort heißt es: warten! Die Sniper des IS halten weiter die Gegend unter Feuer. Erleichtert erfahren wir, dass zumindest unseren Leuten, die sich in der Rettungsstation verschanzt halten, bislang nichts widerfuhr.

Kurze Zeit später erfolgt ein Angriff auf die verschanzten IS Kämpfer. Wie viele von ihnen getötet wurden, erfahren wir nicht. Wir bekommen nur ein Video von unserer Station. Darauf zu sehen: Vier festgenommene IS-Kämpfer, die abgeführt werden. Dann die traurige Nachricht: Der IS hat bei dieser Attacke mindestens 20 Menschen umgebracht. Wir fahren zurück nach Quamishlo, um Mitternacht treffen wir in der Zentrale ein. Wir sind fix und fertig.

Mein persönliches Fazit: Ich habe während meiner sechsten Hilfsmission in Rojava erneut erlebt, wie der kurdische Rote Halbmond als unabhängige Organisation mit dem Aufbau von Ambulanzen, Krankenhäusern und Apotheken einen eminent wichtigen Anteil am Wiederaufbau des Gesundheitswesens in der nordsyrischen Region Rojava hat. Und ich denke: Wer es ernst meinte mit der Parole "Fluchtursachen bekämpfen", der müsste Organisationen wie dem kurdischen Roten Halbmond Hilfe zukommen lassen.

Die gesellschaftlichen Veränderungen in Rojava, die Versuche basisdemokratische Elemente, Gleichberechtigung der Geschlechter und Offenheit gegenüber verschiedenen Ethnien zu praktizieren, verdienen aus meiner Sicht Unterstützung. In einer Region, die geprägt ist von Despotismus und Terror, ist Rojava mehr als ein Lichtblick.

Es erfüllt mich mit großer Freude, hier einen kleinen Beitrag, eine kleine Hilfestellung geben zu können. Morgen müssen wir abreisen. Aber wir werden wiederkommen.

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